Max Frischs Jaguar

Jaguar 420, Baujahr 1967, Farbe: Grau, 246 PS, Neupreis: 31.000 Franken. Fahrzeughalter: Max Frisch.

Max Frisch im Jahr 1985 vor seinem Jaguar (© Karin Pilliod-Hatzky/Max Frisch-Archiv, Zürich)

Max Frischs Jaguar ist legendär. Er wurde fotografiert, kommentiert und fand Eingang ins literarische Werk. Der Schriftsteller kaufte das Auto im Jahr 1967, „weil ich die Absicht hatte, große Reisen damit zu machen – daraus ist aber nichts geworden“.[1] Immerhin chauffierte er manchen Gast auf den Pfannenstiel. Im Traum fürchte er sich davor, das Auto bei einem solchen Ausflug zu verlieren: „Keine Ahnung, wo mein Wagen steht, nirgends zu finden, Landschaft bei Zürich, ich schäme mich zu sagen, dass es ein Jaguar gewesen ist.“[2]

Auch Frischs Verleger Siegfried Unseld war Jaguar-Fahrer. Mit Max Frisch brachten die Kollegen im Literaturbetrieb einen solchen Wagen aber weniger in Verbindung. „Die Insignie des Zürcher Großbürgers – leider sehr reparaturanfällig“, sagte Frisch und grinste, als er bei dem verblüfften Literaturwissenschaftler Heinz-Ludwig Arnold vorfuhr.[3] Ganz anders „die Reichen“, über die Frisch in Montauk schreibt: „Natürlich bin ich in ihren Augen nicht reich, immerhin fahre ich einen Jaguar 420, und das bringt uns näher, so vermuten sie; kein Zweifel für sie, daß sich mit dem Vermögen auch die politische Gesinnung ändert. Ein Millionär als Sozialist, als Antikapitalist gar?“[4]

Reparaturanfällig war der Jaguar tatsächlich, wie Rosemarie Primault, Frischs ehemalige Sekretärin, zu berichten weiss. Nach einer Totalrevision, die mehrere Monate dauerte, weil die Ersatzteile mühevoll aus England beschafft werden mussten, kam der Jaguar gleich wieder in die Werkstatt: Bei einer Fahrt auf den Pfannenstiel verlor er plötzlich das rechte Vorderrad. Rosemarie Primault konnte das Auto einige Zeit später abholen, machte eine Probefahrt – und der Jaguar verlor das linke Vorderrad. Nur mit Glück brachte sie ihn zum Stehen. Zu ihren ‚Sekretariatsaufgaben‘ gehörte auch, den Wagen regelmässig aus der Garage zu holen und ein Stück zu fahren, wenn Max Frisch auf Reisen war, damit die Batterie nicht den Geist aufgab.

So gefährlich Unfälle sein können, so inspirierend sind sie für die dichterische Phantasie. Als Schriftsteller hat sich Max Frisch immer wieder mit der technischen Welt, mit Fahrzeugen und Störungen im gewohnten Ablauf auseinandergesetzt. Man denke an die „Super-Constellation“ in Homo faber, die notlanden muss, weil zwei Propeller ausfallen. Oder an den Roman Mein Name sei Gantenbein: Nach einem Autounfall gibt Gantenbein vor, blind zu sein und geht als ein Anderer durch die Welt.

Den Jaguar behielt Max Frisch bis kurz vor seinem Tod. Als ihn 1990 der Regisseur Volker Schlöndorff besuchte, führte er den Oscar-Preisträger, der Homo faber verfilmte, in die Tiefgarage seines letzten Wohnhauses an der Zürcher Stadelhoferstrasse. Er zeigte auf den glänzenden Wagen, hielt ihm die Schlüssel hin und sagte: „Der gehört jetzt dir. Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr. Er eignet sich besonders zum Vorfahren bei Hotels. Da gibt es immer noch ein Zimmer …“?“[5]

Volker Schlöndorff fährt den Jaguar bis heute. Von 25 Litern Verbrauch spricht er. Nicht gerade umweltfreundlich, aber wie sollte man sich von diesem Auto trennen?

 

Veranstaltungshinweis

„Homo Faber“ – Filmvorführung und Gespräch mit Volker Schlöndorff
ETH Zürich, CAB-Gebäude, 28. Februar 2018, 18 Uhr

Thomas Strässle befragt Volker Schlöndorff zu seinem Film und seiner Freundschaft mit Max Frisch.
Homo Faber, BRD/FR/GR 1991, 117 Min.

Begrenzte Platzzahl. Anmeldung erforderlich: mfa@library.ethz.ch

 

Quellen

[1] Zit. nach: Gerhard Roth: Max Frisch: Der Dichter in seiner Klause … und der Architekt in seinem Ambiente, in: Zeit Magazin, Nr 21, 15.5.1981, S. 20-28, hier S. 28.
[2] Max Frisch: Aus dem Berliner Journal, hg. von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser, Berlin: Suhrkamp 2014, S. 24.
[3] Heinz Ludwig Arnold: „Was bin ich?“. Über Max Frisch, Göttingen: Wallstein 2002, S. 6.
[4] Max Frisch: Montauk, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 180.
[5] Volker Schlöndorff: Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme, München: Hanser 2008, S. 420.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.