Die Fäden des Polarlichtes und die Isochasmen

Wenige Naturerscheinungen sind so spektakulär und faszinieren den Beobachter so wie das Polarlicht mit seinen Lichtbögen. Wurde es in der Antike als Feuerband, Balken oder Öffnung benannt, haben sich im Mittelalter metaphorische Ausdrücke wie feurige Lanzen oder brennende Röte durchgesetzt.

Heute ist gesichert, dass uns der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner (1516-1565), neben vielen anderen Erkenntnissen, auch die erste sachbezogene Beschreibung des Polarlichtes überliefert hat. Mit seiner heutigen Bezeichnung Aurora borealis wurde das Nordlicht erstmals im 17. Jahrhundert in einer berühmten Fussnote erwähnt, die über einen Zeitraum von 400 Jahren fälschlicherweise dem französischen Naturwissenschaftler Pierre Gassendi (1592-1655) zugeschrieben wurde. Diese Theorie wurde erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts widerlegt und Galileo Galilei  (1564-1642) wurde als Urheber anerkannt.

Bis die Wissenschaften die Ursachen für das „geheimnisvolle Lichtspiel“ enthüllt hatten, wurde das Nord- oder Polarlicht  über Jahrhunderte mit Furcht und Angst betrachtet und als etwas gespenstisches und übernatürliches bewertet.

 

Strahlendes Nordlicht aus Hermann Fritz: Das Polarlicht, Abbildung 1.

 

Der entscheidende Durchbruch bei der Erforschung des Phänomens Polarlicht fällt in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am neu gegründeten Eidgenössischen Polytechnikum haben der Astronomieprofessor Rudolf Wolf (1816-1893) und der Geophysiker Hermann Fritz (1830-1893) das Polarlicht als spezielles Forschungsthema etabliert. Hierbei hat sich zwischen den beiden Pionieren bei der Erforschung des Polarlichtes eine enge Zusammenarbeit entwickelt, die etwa dazu geführt hat, dass Wolf seine einschlägigen Forschungsdaten Hermann Fritz zur Verfügung gestellt hat.

 

Draperie- oder mantelförmiges Nordlicht beobachtet zu Rosekoop 1838-1839 aus Hermann Fritz: Das Polarlicht, Abbildung 2.

 

Hermann Fritz war am Eidgenössischen Polytechnikum Titularprofessor für Allgemeine Maschinenlehre und widmete sich hierzu parallel der Erforschung des Nordlichtes. Seine Beobachtungen hat er im Jahr 1873 in einem bedeutenden, bis heute aktuellen Verzeichnis beobachteter Polarlichter veröffentlicht. Professor Fritz hat sich auch weiterhin mit diesem Fachgebiet befasst und hat seine Forschungs- und Beobachtungsergebnisse im Jahr 1881 in der umfassenden Monographie Das Polarlicht publiziert. Aus seinen Beobachtungen hat sich u.a. ergeben, dass Polarlichter in der sog. Draperie- oder Mantelform auftreten. Darüber hinaus geht auf Fritz geht auch der Fachbegriff „Isochasme“ zurück, ein Kompositum aus dem Griechischen zwischen den beiden Worten iso (gleich) und chàsma (Öffnung). Eine Isochasme stellt die Verbindungslinie zwischen Orten gleicher Polarlichthäufigkeit dar und ermöglicht die Darstellung der Verbreitung von Nordlichtern auf einer Karte.

 

Karte der geographischen Verbreitung des Nordlichtes aus Hermann Fritz: Das Polarlicht, Leipzig 1881.

 

Im Bestand der ETH-Bibliothek befindet sich ein wertvolles Exemplar der ersten Ausgabe des Werkes von Hermann Fritz mit einer handschriftlichen Widmung an Rudolf Wolf: „Herrn Prof[essor] Dr. R[udolf] Wolf / freundschaftlichst vom Verfasser“. Weitere Werke, die früher im Besitz des ersten Direktors der ETH-Bibliothek waren, sind auf der Plattform e-rara.ch in der neuen Kollektion „Privatbibliothek Rudolf Wolf“ zusammengeführt.

 

Handschriftliche Widmung des Verfassers an Rudolf Wolf aus Hermann Fritz: Das Polarlicht, Leipzig 1881, Vordervorsatz.

 

Literatur

ETH-Bibliothek, Alte und Seltene Drucke, Rar 4282, Hermann Fritz: Das Polarlicht, Leipzig 1881.

Wilfried Schröder: Hermann Fritz, Wegbereiter der Polarlichtforschung, in: Vierteljahrschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 3 (1981), S. 199-204.

George L. Siscoe: An Historical Footnote on the Origin of „Aurora Borealis“, in: EOS. Earth and Space Science News 59 (1978), S.994-997.

 

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