Tüftler und Turbulenzen – Aerodynamik im Hochschularchiv der ETH Zürich

Am 8. August 1980 dankt die Chemie-Firma La Roche dem Aerodynamiker Herbert Sprenger schriftlich für dessen Anregung, „die Geruchsempfindungsgrenze der Abluft“ mit einer „quantitativen gaschromatischen“ Methode zu untersuchen.

Sisseln, Firmengelände Hoffmann La Roche mit Abluftkamin, 1972 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, LBS_IN-0512665-04)

Weitere Korrespondenz dazu ist leider nicht erhalten. So wissen wir nicht, ob die Firma den Fachmann um einen Vorschlag zur Behebung der Geruchsbelästigung bat, oder ob der Gestank Sprenger während einer Besichtigung der Produktionsanlagen derart in die Nase stach, dass er ungefragt auf Abhilfe sann.

Herbert Sprenger (29. Juni 1911 – 17. November 1997) hatte an der ETH Maschinenbau studiert, wirkte nach Abstechern in die Privatwirtschaft von 1947 bis 1977 als Betriebsleiter und Dozent am ETH Institut für Aerodynamik und war danach als Berater für Strömungs- und Klimatechnik tätig. In seinen nachgelassenen Papieren finden sich nebst der erwähnten brieflichen Geruchsspur zahlreiche weitere Dokumente aus seiner langjährigen Tätigkeit, darunter auch Mitschriften von Vorlesungen aus der Studienzeit. So etwa diejenige vom Wintersemester 1935/36 über Aerodynamik, vorgetragen von Professor Jakob Ackeret

Sprenger notierte mit verschiedenen Tinten, Blei- und Buntstiften jeweils nicht nur eilig den dargebotenen Prüfungsstoff, sondern auch Nebenbemerkungen des Professors. Zum Beispiel:

„Dem Ingenieur erscheint der Mathematiker oft so als ob diese leeres Stroh dreschen würden, aber es ist nicht so“

oder

„heute wird zu wenig gelesen, Alte Bücher: Krankheit der heutigen Jugend“

aus: Nachlass Herbert Sprenger (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1010/Schachtel 3).

Der Lehrmeister hielt die Studierenden offensichtlich dazu an, sich auch mit den Grundlagen sowie der Entstehungsgeschichte ihrer Studienrichtung zu befassen und den gegenwärtigen Wissenstand nicht gedankenlos als gegebenes Dogma hinzunehmen.

ETH Zürich, Institut für Aerodynamik. Herbert Sprenger an der Messstrecke des Überschallkanals stehend, sitzend vermutlich Professor Jakob Ackeret, 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00512)

ETH Zürich, Institut für Aerodynamik, Überschallkanal. Messstrecke mit Modell, 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00513)

Professor Jakob Ackeret (1898-1981) forschte und lehrte von 1931 bis1967 an der ETH als Vorsteher des Instituts für Aerodynamik. Mit Unterstützung der Schweizer Maschinenindustrie stattete er seine Wirkungsstätte mit modernen Windkanälen aus. Einer davon war der weltweit erste Überschallkanal mit geschlossenem Kreislauf. Ackerets Arbeitsfeld erstreckte sich auf Aero-, Hydro- und Gasdynamik, Kavitation (Hohlraumbildung), Winddruck auf Hochbauten, Turbinen, Kompressoren, bis hin zu Überlegungen für ein Atomkraftwerk. Sein besonderes Interesse galt jedoch der Flug-und Raketentechnik. Für das Verhältnis der Geschwindigkeit eines Flugkörpers zur Schallgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der umgebenden Lufttemperatur führte er die heute gebräuchliche Bezeichnung „Mach“ ein, im Gedenken an den Physiker Ernst Mach. Ackeret war es auch, der den Erfinder und Stromlinienpionier Paul Jaray zu Vorträgen an die ETH einlud.

Zeppelin-Verkehrsluftschiffe, Massstab 1: 1000 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_05038-012). Die ganz nach den Plänen von Paul Jaray gebaute LZ 120 „Bodensee“ diente als Vorgabe für die LZ 127 „Graf Zeppelin“ und die LZ 129 „Hindenburg“.

Paul Jaray (1889-1974), ungarisch-österreichischer Herkunft, hatte vor dem ersten Weltkrieg als Chefkonstrukteur für die Firma „Luftfahrzeugbau Friedrichshafen“ Wasserflugzeuge entworfen und wechselte 1915 zur „Luftschiffbau Zeppelin GmbH“, wo er die strömungsgünstigste Form für Luftschiffe entwickelte. Die Erkenntnisse übertrug er auf den Karosseriebau von Automobilen und die Konstruktion von Fahrrädern. Nach der Übersiedelung in die Schweiz 1924 eröffnete er im Lauf der Jahre verschiedene Ingenieurbüros, befasste sich weiterhin mit Flugzeugbau sowie Radio- und Fernsehtechnik, Signalübermittlung, Propellern, Auspuffdüsen, Schneeschleudern, Zeichengeräten, entwarf ein Windkraftwerk usw. Dank der Vermittlung von Herbert Sprenger vermachte Jaray seine Unterlagen der ETH-Bibliothek.

Privatwagen von Paul Jaray, ca. 1935: Stromlinienkarosserie auf Fahrgestell Mercedes-Benz 200 mit aufgemaltem Verlauf der Luftströmung (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_1144-0169-013).

In der Abendführung des Hochschularchivs vom 21. November 2017 werden Glanzstücke aus den Hinterlassenschaften der drei genannten Forscher und aus weiteren aerodynamischen Beständen präsentiert:

Tüftler und Turbulenzen – Archivierte Aerodynamik

Abendführung des Hochschularchivs 21. November 2017, 18.15-19.15 Uhr

Treffpunkt: ETH Hauptgebäude, Rämistrasse 101, H-Stock, Ausleihe der ETH-Bibliothek

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