Arbeiterhäuser und der „physische, soziale und moralische Zustand des Menschen“

Seit längerem möchte ich mehr wissen über eine Mappe aus unseren Privatbeständen mit der Aufschrift „Schweizerische Arbeiterwohnungen“. Die Mappe enthält Zeichnungen mit wunderschön kolorierten Grund- und Aufrissen wie auch Übersichtszeichnungen von Arbeiterhäusern und -siedlungen aus dem 19. Jahrhundert.

Aus den Findmitteln des Hochschularchivs der ETH Zürich ging bisher nicht viel mehr als der Titel und eine grobe Schätzung der Entstehungszeit auf ca. 1890 hervor. Unseren Akten ist zudem zu entnehmen, dass die Mappe 1989 als Geschenk an die ETH-Bibliothek kam. Der Blick in die Mappe zeigt, dass die Zeichnungen von einem E. Jung signiert und jeweils auf Deutsch und Englisch mit „Arbeiterwohnungen“ respektive „Workmen’s Dwellings“ angeschrieben sowie mit Standort und Bauherr beschriftet sind.

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Mappe Schweizerische Arbeiterwohnungen (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1266).

Ernst Jung

Beim Zeichner handelt es sich um den Winterthurer Architekten Ernst Georg Jung (1841-1912), Onkel des berühmten Begründers der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung. In Basel geboren, begann Ernst Jung seine Karriere mit einer Maurerlehre, bevor er sich an der Berliner Bauakademie von Friedrich Adler zum Architekten ausbilden liess. In den Jahren 1867 bis 1869 beschäftigte sich Jung bei Friedrich Ludwig von Rütte in Mühlhausen mit dem Bau von Villen und lernte dort vermutlich die „Société Mulhousienne des cités ouvrières“ kennen. 1869 liess sich Jung in Winterthur nieder und entwickelte sich zum führenden Architekten der boomenden Industriestadt. Erfolgreich im Villenbau befasste er sich auch intensiv mit dem sozialen Wohnungsbau und gehörte zu den Gründern der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW).

Die Weltausstellung in Philadelphia 1876

Etwas überraschend war für mich, dass Ernst Jung keines der in der Mappe dargestellten Gebäude selbst erbaut hat. Warum hatte der Architekt sie dann gezeichnet und weshalb sind die Zeichnungen auch in Englisch angeschrieben? Da Jung in Winterthur gewirkt hat und vier der Zeichnungen Bauten in Winterthur abbilden, wandte ich mich mit meinen Fragen an den Leiter der Sammlung Winterthur, Andres Betschart, der mich umgehend mit Literaturhinweisen versorgte. Er wies mich darauf hin, dass die Zeichnungen im Rahmen der Weltausstellung in Philadelphia 1876 entstanden waren. Der Administrativbericht der Schweizer Abteilung zur Weltausstellung in Philadelphia führt Ernst Jung tatsächlich als Aussteller auf, jedoch ist von „Photographien und Grundrissen ausgeführter Bauten“ die Rede. Es konnten also nicht die uns vorliegenden Zeichnungen gemeint sein. Diese sind unter den Namen der Bauherren aufgeführt. Aus heutiger Sicht ist zudem interessant, dass die Pläne der Arbeiterhäuser im Abschnitt „Physical, Social and Moral Condition of Man“ aufgeführt sind.

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Ausschnitte aus dem Verzeichnis der Schweizer Aussteller im Administrativ-Bericht des schweiz. General-Commissairs für die Internationale Ausstellung von 1876. Winterthur 1877.

Die Arbeiterhäuser an der Rieterstrasse in Winterthur

Schweizerischer Generalkommissär der Weltausstellung in Philadelphia war der Winterthurer Industrielle Heinrich Rieter (1814-1889), der sich wie Ernst Jung und als einer der ersten Schweizer Fabrikanten überhaupt für den sozialen Wohnungsbau einsetzte. Bereits 1860 hatte sich Rieter in einem Brief an den Gemeinderat von Töss und den Winterthurer Stadtrat besorgt über die Wohnverhältnisse der Fabrikarbeiter geäussert und Massnahmen gefordert. Die arbeitende Klasse bedürfe günstigen Wohnraums, der private Wohnungsbau entwickle sich im Vergleich zum Bevölkerungswachstum phasenverschoben, die dabei entstehende Wohnungsnot treibe den Mietzins bestehender Wohnungen kontinuierlich in die Höhe. Er sprach sich zudem gegen „Kosthäuser“ und Arbeiterquartiere im Kasernenstil aus, denn deren enge Wohnverhältnisse führten sehr oft zu Streitigkeiten und verhinderten eine „Anhänglichkeit zum bewohnten Teil des Hauses“, was wiederum dazu führe, dass „die Reinlichkeit und Ordnungsliebe nicht geweckt werden und dass Moralität und Gesundheit darunter leiden„. Baue man hingegen „kleinere Häuser, denen etwas Pflanzland beigegeben wird, so haben die dieselben bewohnenden Familien ein Interesse, das Innere und Aeussere reinlich zu erhalten, und wenn vollends ein Amortisations-System in dem Sinne aufgestellt würde, dass der ursprüngliche Mieter nach und nach in den Besitz seiner Behausung und des dazu gehörenden Landes gelangen kann, so werden nicht nur Ordnungs- und Reinlichkeits-Sinn gesteigert, sondern auch Sparsamkeit gepflanzt“ (zit. in: Jorge Serra. Arbeiterwohnungsbau in Winterthur. S. 32).

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Zeichnung 4 in der Mappe Schweizerische Arbeiterwohnungen: Rieter u. Comp. Winterthur (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1266).

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Zeichnung 5 in der Mappe Schweizerische Arbeiterwohnungen: Rieter u. Comp. Winterthur (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1266).

Als die Stadt Winterthur nicht handelte, ergriff Rieter selbst die Initiative und baute zwischen 1865 und 1870 auf eigene Rechnung Arbeiterhäuser an der heutigen Rieterstrasse. Seinen Vorstellungen entsprechend entstanden elf Doppel-Einfamilienhäuser mit je eigenem Hauseingang und Garten. Am Anfang der Strasse entstanden zwei „Aufseherhäuser“, die mit 87m2 etwas grösser ausfielen als die übrigen Arbeiterhäuser (55m2). Ein zentrales Bad- und Waschhaus sollte Hygiene und Gesundheit fördern.

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Details aus Zeichnung 4 der Mappe Schweizerische Arbeiterwohnungen (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1266).

Andere Winterthurer Industrielle zögerten noch. Erst 1872 folgten die Gebrüder Sulzer in Veltheim mit 24 Arbeiterwohnungen dem Beispiel Heinrich Rieters. Es sind denn auch diese beiden Winterthurer Überbauungen, die in der Mappe abgebildet sind. Angesichts der Herkunft des Zeichners, der Rolle Heinrich Rieters an der Weltausstellung von 1876 sowie dessen Vorstellungen von Arbeiterwohnungsbau ist davon auszugehen, dass die Initiative zu den Zeichnungen, die in Philadelphia ausgestellt wurden, von Heinrich Rieter ausgegangen war und er den Winterthurer Architekten Jung damit beauftragte. Für Rieter war der Arbeiterwohnungsbau schliesslich ideologisch geprägt und ein Mittel zur Verbesserung des „Physical, Social and Moral Condition of Man“.

Literatur:

Administrativ-Bericht des schweiz. General-Commissairs für die Internationale Ausstellung von 1876. Winterthur 1877.

Moritz Flury-Rova. Backsteinvillen und Arbeiterhäuser: Der Winterthurer Architekt Ernst Jung (1841-1912). Winterthur 2008.

Christoph Kübler. Ein Quartier für Angestellte und Arbeiter in Nieder-Töss, gegründet und erbaut von J. J. Rieter & Comp. 1865-1876. In: Winterthurer Jahrbuch; Jg. 32 (1985).

Jorge Serra. Arbeiterwohnungsbau in Winterthur (1860-1910). Lizentiatsarbeit, Universität Zürich 1991.

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