Flaschengeister – C.G. Jung und der Alkohol

Der Psychiater Carl Gustav Jung ist auf öffentlich zirkulierenden Fotos nie mit Flasche, Bier-, Wein- oder Schnapsglas zu sehen. Höchst selten geriet ein harmloses Tässchen Kaffee mit ins Bild. Obwohl: was war denn dort drin? Wirklich nur bohnenbraunes Warmwasser oder etwa auch ein, zwei Spritzer einer pikanteren Flüssigkeit?

Carl Gustav Jung, Interview

Was war in der Tasse? Interview mit Carl Gustav Jung in dessen Haus, Küsnacht 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L04-0084-0031)

 

In seinem 81. Lebensjahr erzählte Jung seiner Mitarbeiterin Aniela Jaffé für das geplante Buch „Erinnerungen, Gedanken, Träume“ von seiner ersten Begegnung mit Alkohol. Vom Hausarzt der Familie war er als 14jähriger wegen Appetitlosigkeit zur Kur ins Entlebuch im Luzerner Hinterland geschickt worden. Alleinreisend und von den anderen Kurgästen wie ihresgleichen behandelt, kam er sich plötzlich erwachsen vor:

„Ich fühlte mich in die höhere Sphäre der Erwachsenen entrückt. Dass ich auch an den Ausflügen der Pensionäre teilnehmen durfte, bestätigte meine Rangerhöhung. Bei einer dieser Gelegenheiten besuchten wir eine Distillerie, wo wir zu einer Kostprobe eingeladen wurden. In wörtlicher Erfüllung des klassischen Wortes:

Nun aber naht sich das Malör,

Denn dies Getränke ist Likör…

fand ich die verschiedenen Gläschen so begeisternd, dass ich mich in einen mir ganz neuen und unerwarteten Bewusstseinszustand versetzt fühlte: es gab kein Innen und Aussen, kein Ich und die Anderen, kein Nr. 1 und Nr. 2, keine Vorsicht und Ängstlichkeit mehr. Die Erde und der Himmel, die Welt und alles, was darin ‚kreucht und fleucht‘, rotiert, aufsteigt oder herunterfällt, war einsgeworden. Ich war schamerfüllt und triumphbeglückt betrunken. Ich war wie in einem Meer seliger Nachdenklichkeit ertrunken und hielt mich infolge heftiger Meeresbewegungen mit Augen, Händen und Füssen an allen soliden Gegenständen fest, um mein Gleichgewicht auf wogender Strasse und zwischen sich neigenden Häusern und Bäumen zu wahren. Grossartig, dachte ich, nur leider gerade etwas zu viel. – Das Erlebnis fand zwar ein etwas jammervolles Ende, blieb aber eine Entdeckung und Ahnung von Schönheit und Sinn, die ich nur infolge meiner Dummheit leider verdorben hatte.“

 

Luzern-Entlebuch

Der Kanton Luzern: Das Entlebuch südwestlich der Stadt Luzern. Ausschnitt aus: Schulkarte der Schweiz, Massstab 1 : 600‘000, Physikalische Ausgabe, Reliefkarte der Schweiz, Kümmerly & Frey, Bern, 1961.

 

Ganz anders klang das 1906. Der mittlerweile 31jährige Jung war als Mitglied einer ärztlichen Kommission der Armee in die Zentralschweiz zurückgekehrt und hatte junge Männer aus Luzern und Umgebung auf ihre Tauglichkeit zum Militärdienst untersucht. Dabei erschien ihm das Schnapsparadies seiner zarten Jünglingsjahre auf einmal als Alkoholhölle. Alarmiert berichtete er darüber im „Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte“:

„Der erste Tag der Aushebung brachte auffallend viel minderwertiges Menschenmaterial. Mir wenigstens fiel es auf; ich nahm nämlich zum erstenmal an einer Aushebung teil. Wenn ich mich recht erinnere, so war nicht einmal die Hälfte der Mannschaft tauglich. Später aber kam es noch schlimmer. Es gibt Orte, an denen nicht einmal 30 % tauglich sind; dabei ist hervorzuheben, dass diese Orte nicht etwa Industrieorte sind, sondern Bauerndörfer in reicher und fruchtbarer Gegend. Der Eindruck des ersten Aushebungstages, namentlich die Tatsache, dass sehr viel psychisch Minderwertige zur Untersuchung kamen, regte mich an, nachzuzählen, wieviel manifest Imbecille unter der Mannschaft waren. Da dem Irrenarzt häufig ein etwas zu scharfes Urteil in Sachen der Schwachsinnsdiagnose zugetraut wird, so zählte ich nur diejenigen Fälle, die auch dem psychiatrischen Laien ohne weiteres als ‚Trottel‘ auffielen. […] „

Jung schrieb für eine medizinische Zeitschrift. Die heutzutage despektierlich wirkende Wortwahl entsprach dem gängigen Jargon unter Berufskollegen. Für ein anderes Lesepublikum hätte er vielleicht anders geschrieben. Das von der Zählung bestätigte „etwas scharfe Urteil“ irritierte den Irrenarzt selber immerhin derart, dass er nach plausiblen Erklärungen suchte. In einer Fussnote fügte er an:

„Man muss dabei berücksichtigen, dass die Aushebungsformalitäten für viele Leute eine ungewohnte Situation schaffen, wodurch sie in einen Zustand anhaltender Verblüffung (sog. emotioneller Stupidität) geraten, der sie viel dümmer erscheinen lässt, als sie es in Wirklichkeit sind.“

 

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C.G. Jung, Statistisches von der Rekrutenaushebung, 1906, Fussnote S. 2 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1055: 741-1). Abbildung: © Stiftung der Werke von C.G. Jung.

 

Ein weiterer Umstand blieb hingegen unbeachtet, nämlich mögliche Verständigungsprobleme. Hatte Jung seine Untersuchungsobjekte etwa in zackigem Hochdeutsch angeherrscht? Preussischer Kasernenton galt damals als Vorbild in der Schweizer Armee. Wie hätten ihn da die Bauernburschen mit ihrer kurzen Grundschulbildung und mangelnder Lesepraxis verstehen sollen. Oder war es Jungs schneidiger Basler Dialekt gewesen? Auch nicht viel verständlicher für ortstreue Innerschweizer. Hatte umgekehrt Jung den für ungeübte Ohren undeutlichen Luzerner Dialekt in seinen verschiedenen lokalen Variationen verstanden? Wusste er beispielsweise, woher die Befragten aus Sorsi, Schüpfe, Rusmu, Nottu, Honeri, Hofdere, Eibu, Dammersöue, Chnutu, Bueri, Baubu usw. stammten, in schriftdeutsche Ortsbezeichnungen übersetzt? Wohl kaum.

Jung zählte allerdings nicht nur geistig Überforderte, sondern noch weit mehr körperlich Eingeschränkte, „die sich durch Tremor, Herz- und Lebersymptome und eventuell polyneuritische Zeichen als chronische Alkoholiker verrieten“. In den offiziellen Statistiken würden diese jeweils nicht als Alkoholiker geführt, „sondern unter dem anständigen Titel der alkoholischen Folgekrankheit“. Derlei liess sich nicht mit der Verblüffung in einer ungewohnten Situation erklären. Jung fürchtete das Schlimmste für die schweizerische Wehrkraft, wenn sich seine Berechnungen in anderen Regionen bestätigen sollten. Er dachte gar an eine eigentliche Degeneration bestimmter Bevölkerungsgruppen. Daher regte er eine breit angelegte Untersuchung an mit besonderem Augenmerk auf die Auswirkungen früher Ernährungs- und Trinkgewohnheiten:

„Dabei müsste man aber den Umstand berücksichtigen, dass gerade in dem Aushebungsgebiet, aus welchem ich berichte, bei den Bauern die eigentümliche Gepflogenheit bestehen soll, alle Milch in die Käsereien abzuliefern, die Kinder aber mit Kaffee und Schnaps zu ernähren. (ähnliches ist auch aus dem Canton Bern bekannt).“

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C.G. Jung, Statistisches von der Rekrutenaushebung, 1906, S. 5 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1055: 741-1). Abbildung: © Stiftung der Werke von C.G. Jung.

 

Die gefährdete Wehrkraft war vermutlich nicht die eigentliche Ursache von Jungs Besorgnis. Die Dramatik seines Artikels entsprang eher falschen Erwartungen an den Gesundheitszustand junger Landbewohner. Der seinerzeit vorwiegend in der ärmeren Bevölkerung grassierende Alkoholismus war eine der negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Darauf reagierten die verschiedenen Strömungen der sogenannten „Lebensreformbewegung“, die eine natürliche Lebensweise propagierten. Das Landleben wurde zur ursprünglichen, gesunden Gegenwelt verklärt. Im Umkreis der Lebensreformbewegung entstand auch die Abstinenzbewegung. Prominente Vertreter waren August Forel, Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich „Burghölzli“, und dessen Nachfolger Eugen Bleuler, Jungs Vorgesetzter. Unter deren Regime galt für die Ärzte am Burghölzli ein striktes Alkoholverbot.

Wie die Stelle „nicht etwa Industrieorte […], sondern Bauerndörfer“ in Jungs Artikel zeigt, war offensichtlich auch er dem Klischee der heilen ländlichen Idylle erlegen. Welch unangenehme Überraschung, dass die Realität sich anders verhielt! Jung hatte in ausgesprochen ländlichem Umfeld sogar deutlich mehr geistig und körperlich Geschädigte angetroffen als in städtischem Gebiet. Das erklärte er damit, „ dass in den Städten vorzugsweise die Intelligenten und Unternehmenden zusammenströmen, während die Unintelligenten und Torpiden auf dem Lande bleiben.“ In der Stadt die Gescheiten, auf dem Land die Dummen, ein weiteres Klischee, zudem etwas widersprüchlich zur lebensreformierten Vorstellung vom kranken, alkoholisierten Stadtleben und dem gesunden, quellwasserreinen Landleben.

 

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Das Passagierschiff „Kaiser Wilhelm der Grosse“, 1897 (Foto: August Loeffler, Tomkinsville, N.Y. USA. Standort: Library of Congress Prints and Photographs Division, Whasington D.C. Fundort: Wikipedia)

 

Schon drei Jahre nach dem militärisch medizinischen Warnruf im ärztlichen Fachblatt warf Jung den abstinenten Rigorismus über Bord. Auf der Rückreise mit dem Ozeandampfer „Kaiser Wilhelm der Grosse“ von den USA nach Europa schrieb er seiner Frau am 22. September 1909:

„…Gestern schüttelte ich leichten Herzens den Staub Amerikas von meinen Sohlen mit einem Brummschädel, denn Y.‘s haben mich mit wunderbarem Champagner bewirtet… Mit der Abstinenz bin ich punkto Glauben nun auf einen ganz wackeligen Boden gekommen, so dass ich ehrenhafter Weise aus meinen Vereinen austrete. Ich bekenne mich als aufrichtigen Sünder und kann dann hoffentlich den Anblick eines Glases Wein ohne Emotion ausstehen, nämlich eines nicht getrunkenen. Das ist ja immer so, nur das Verbotene reizt. Ich glaube, ich darf mir nicht zu viel verbieten.“

Seither mochte sich Jung gelegentlich ein solch reizlos gewordenes Gläschen in Ehren gegönnt haben, vielleicht auch ein, zwei Tropfen gebranntes Wasser im Kaffeetässchen.

Aber Alkoholkranke liessen sich keinesfalls auf dieselbe Weise kurieren. Jung therapierte sie mit seiner analytischen Psychologie, griff auch einmal eigenmächtig in ein familiäres Beziehungsgeflecht ein, um die Ursache des Alkoholismus zu beseitigen. In einem hoffnungslosen Fall riet er dem Patienten, einer spirituellen oder religiösen Vereinigung beizutreten. Ohne es zu wissen, hatte Jung damit zur Entstehung der amerikanischen Selbsthilfeorganisation „Anonyme Alkoholiker“ beigetragen, deren Mitbegründer ihm dreissig Jahre später – wenige Monate vor Jungs Tod – brieflich die Anfänge der Vereinigung schilderte.

Hinweise

Im Hochschularchiv der ETH Zürich ist der wissenschaftliche Nachlass von Carl Gustav Jung archiviert. Abbildungen aus dem Manuskript Hs 1055: 471-1 mit freundlicher Genehmigung der Stiftung der Werke von C.G. Jung.

Jung, Carl Gustav: Statistisches von der Rekrutenaushebung, in: Correspondenz-Blatt für Schweizer Arzte, Basel, 36. Jg., 1906, S. 129-130. wieder abgedruckt in GW2, 15, S. 607-609.

Jaffé, Aniela: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, (1971) 1981 11. Auflage. Daraus Zitat „Ich fühlte mich […]“ S. 82; Zitat Auszug aus Brief an Emma Jung, 22. Sept. 1909, S. 368; Beseitigung Ursache Alkoholismus S. 127-128.

Anonyme Alkoholiker: William G. Wilson an Carl Gustav Jung, 23. Januar 1961 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1056:29507)

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