Assertio 123 – Galileo Galilei schwört ab

Wenn der Titel eines Buchs „Anticopernicus catholicus“ lautet, muss nicht erklärt werden, dass sich dessen Autor Giorgio Polacco gegen das heliozentrische Weltbild stellt und ebenfalls ist klar, dass mit Argumenten der katholischen Kirche gerechnet werden muss. Dass Galileo Galileis Verurteilung und Abschwörung – vollständig abgedruckt – ebenfalls als Argument herhalten muss, dürfte diesem ganz und gar nicht gefallen haben.

Die Idee, dass nicht die Erde, sondern die Sonne Mittelpunkt der Welt sein soll, war nicht neu. Doch als Kopernikus diese Idee wieder aufgriff und dazu noch von Galilei unterstützt wurde, das war den Kirchenmännern ein Dorn im Auge. Im Streben, das geozentrische Weltbild aufrecht zu erhalten, wurde die Inquisition eingeschaltet, um die Verbreitung von Galileis „Dialogo“ zu stoppen. Zwar war eine Imprimatur (Druckgenehmigung) vorhanden, doch Galilei meinte, die damit verbundene Auflage zu erfüllen, indem er die Rede für das ptolemäische System in den Mund des fiktiven Simplicio legte. In der Folge kam es 1633 zur berühmten Verurteilung und Galileo schwor ab.

14486427_crop_reduced

Der Mond, aus: Giorgio Polacco: Anticopernicus catholicus […]. Venetiis: apud Guerilios, M DC XLIV [1644], S. 18

Nach diesem Sieg startete die Kirche eine regelrechte Informationskampagne, um die Verurteilung und Abschwörung Galileis publik zu machen. Im kirchlichen Kreis wurde die Neuigkeit mit der Aufforderung kommuniziert, diese zu veröffentlichen. Vertreter der Kirche brachten die Nachricht in universitäre Kreise und für die Allgemeinheit wurde eine Vielzahl von Plakaten gedruckt. Später fand die Nachricht auch in Büchern Eingang. Zunächst in Form von Zusammenfassungen oder Auszügen in Französisch und Latein, später dann erstmals vollständig in Französisch in Marin Mersennes „Les Questions theologiques, physiques, morales, et mathematiques“ (Paris, 1634).  Zum ersten Mal vollständig in der Originalsprache Italienisch wurden die Texte aber in „Anticopernicus catholicus“ von Giorgio Polacco abgedruckt. Die besagten Stellen befinden sich in Assertio 123. Der Text der Verurteilung beginnt auf Seite 69, Galileis Abschwörung auf den Seiten 75-76 endet mit den denkwürdigen Worten:

„Io Galileo Galilei hò abiurato come si sopra di mano propria“

Polacco, venezianischer Priester und Jesuit, verliess sich natürlich nicht nur auf die Wirkung der italienischen Texte. Mit insgesamt 195 „catholicae assertiones“, stellt das Werk eine umfangreiche, auf biblischen Argumenten beruhende Gegendarstellung zum kopernikanischen System dar. Gedruckt wurde die erste Ausgabe 1644 in Venedig bei Guerilios.

14486402_crop_reduced

Giorgio Polacco: Anticopernicus catholicus […]. Venetiis: apud Guerilios, M DC XLIV [1644], Titelblatt

Übrigens: Warum Polacco für das Titelkupfer ausgerechnet eine Darstellung des von ihm ausführlich bestrittenen kopernikanischen Systems verwendet, bleibt offen, wie auch der Zugang zu den in e-rara.ch verfügbaren Titeln, von welchen der überwiegende Teil neu mit der Public Domain Mark lizenziert und damit Open Data ist. Damit wird nun eine noch unkompliziertere Nutzung der Inhalte möglich. Weitere Informationen finden sich in den Nutzungsbedingungen von e-rara.ch.

Mehr Einblicke ins Leben und Werk von Galilei bietet eine der neuen virtuellen Ausstellungen im Wissensportal.

 

Literatur:

Finocchiaro, Maurice A.: Defending Copernicus and Galileo. Critical Reasoning in the two Affairs. (Boston studies in the philosophy of science, Vol. 280). Dordrecht, Heidelberg, London, New York: Springer, 2010, DOI: 10.1007/978-90-481-3201-0

Polacco, Giorgio : Anticopernicus […], Venetiis, apud Guerilios, 1644, DOI: 10.3931/e-rara-52752

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.