Inländervorrang à la 1934: Ein Brief der Zürcher FDP an die ETH-Leitung

In Deutschland ist Adolf Hitler an der Macht. Die Rassenlehre hat Hochkonjunktur. Dem Zeitgeist entsprechend, grassieren in der Schweizer Bevölkerung rassisch motivierte Vorurteile – auch unter Angehörigen der ETH Zürich.

Wie sehr antisemitische Tendenzen zu dieser Zeit auch in der Schweiz alltäglich sind, zeigt eine Randnotiz auf einem Schreiben an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats vom 3. Juli 1934. In grosser geschwungener Schrift prangen die Worte „Not der Zeit! Judenfrage“ neben der Anschrift. Die Grösse der Schrift, das Ausrufezeichen: Arthur Rohn, der Empfänger des Briefes, ist unverkennbar alarmiert über das Schreiben.

Der Brief stammt vom damaligen Parteipräsidenten der Zürcher FDP, Theodor Gut. Er macht geltend, es werde in der kantonalen Parteileitung wiederkehrend berichtet, „an der E.T.H. sei unter Studenten und Dozenten viel geheimes Unbehagen und viel Kritik vorhanden über gewisse Zustände.“ An der ETH Zürich werde „nicht in wünschbarem Mass Rücksicht genommen […] auf den schweizerischen Nachwuchs. Das Heranziehen deutscher Flüchtlinge sei als eine schwere Belastung zu betrachten.“

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Erste Seite des Briefs des Parteipräsidenten der Zürcher FDP an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats vom 3. Juli 1934 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3:1934, Nr. 2654, Reg. 200)

Dass mit „deutschen Flüchtlingen“ hauptsächlich jüdische Flüchtlinge gemeint sind, wird gleich zu Beginn der zweiten Seite des Briefes deutlich:

„Es soll Abteilungen geben, in denen das jüdische Element augenscheinlich bevorzugt sei; in der theoretischen Physik z.B. seien ausser einem einzigen alles jüdische Assistenten. Schweizer dagegen seien bereits in mehreren Fällen abgewiesen worden. Die berufliche Qualität dieser jüdischen Assistenten sei unbestritten, aber es handle sich um eine nationale Frage und diese oberste Schweizer-Schule habe die Pflicht, für schweizerischen Nachwuchs zu sorgen.“

Mit weiteren Beispielen aus anderen Abteilungen der ETH unterstreicht Gut, dass die Bevorzugung von Ausländern und Juden gegenüber Schweizer Kanidaten in der theoretischen Physik keine Ausnahme bilde.

„Kritik wurde auch geübt an der derzeitigen Zusammensetzung der mathematischen Fakultät; von 7 ordentlichen Professuren sei dort eine einzige durch einen Deutsch-Schweizer besetzt (Prof. Saxer); einer sei ein jüdischer ungarischer Refraktär. Hier seien auch die Bemühungen, immer wieder Juden in die Abteilung hineinzubringen, besonders gross, während tüchtige Schweizer alle Mühe hätten, Aufträge zu bekommen. […] So werde bei uns der Antisemitismus gefördert oder geradezu gezüchtet.“

Hochinteressant ist die letzte Aussage, welche der Logik einer typisch helvetischen Ausprägung eines latent antisemitischen Reflexes folgt: Um Antisemitismus innerhalb der ETH zu verhindern, soll dafür gesorgt werden, dass der jüdische Anteil innerhalb der ETH-Angehörigen möglichst niedrig gehalten wird.

Dass Arthur Rohn diese Vorwürfe nicht unbeantwortet lässt, zeigen auch die handschriftlichen Notizen am unteren Rand der ersten Seite: „mündl. erl. mit Hr. Gut am 19.7.34“ bezieht sich auf eine Unterredung zwischen den beiden Präsidenten. Aber offenbar genügte diese Besprechung nicht, um die Gemüter zu beruhigen, denn rechts daneben steht: „schriftl. b. am 4.X.34“ – ein Verweis auf eine 12 Seiten umfassende Replik, in der Rohn Vorwürfe scharf zurückweist. Er stellt sich zudem voll und ganz hinter die ETH-Angehörigen mit jüdischem Hintergrund und verwehrt sich gegen jegliches „staatliches Dogma“.

Bei der Lektüre des Briefes entsteht der Eindruck, die ETH sei zu diesem Zeitpunkt völlig „überfremdet“, und dass sich die Lage 1934 zugespitzt habe. Ein Blick in die Statistik vermittelt jedoch einen völlig anderen Eindruck. An der ETH Zürich hatte es nie zuvor einen niedrigeren Anteil an ausländischen Professoren gegeben und mit Ausnahme des kriegsbedingten Einbruchs während des Ersten Weltkriegs, gilt dies auch in Bezug auf den Anteil ausländischer Studierender an der ETH Zürich.

Weiterführende Links:

ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR2:1934, Sitzungsbeilage Brief des Präsidenten des Schweizerischen Schulrats an Herrn Theodor Gut, Präsident der Freisinnigen Partei des Kantons Zürich

Zwischen Antisemitismus und Hilfsbereitschaft: Die ETH Zürich und die studentischen Flüchtlinge 1933-1945. In: ETHeritage – Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH Zürich

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