Eine folgenschwere Benennung

Als 1937 der deutsche Koleopterologe Oscar Scheibel den kleinen, unscheinbaren Käfer vor sich hatte, ahnte er wohl nicht, was er ihm bald antun würde. Ein slowenischer Biologe hatte den seltenen Laufkäfer vier Jahre zuvor in einer Höhle östlich von Ljubljana gefunden und zum Kauf angeboten. Scheibel erkannte das Tier richtigerweise als neue Art und publizierte seine Entdeckung in den Entomologischen Blättern als Anophthalmus hitleri, zu Deutsch „Hitler-Käfer“.

Hitler-beetle

Der Laufkäfer Anophthalmus hitleri, verpackt und bereit zum Abtransport in seinen Safe (Bild: Rupesh R. Kariyat)

Wie es der Gattungsname andeutet, haben sich die Augen des troglobionten Insektes im Verlauf der Evolution zurückgebildet. Wozu bräuchte es sie auch! Blind und einsam wartet der gerade mal fünf Millimeter grosse Käfer auf andere unglückliche Lebewesen, die sich in seine dunklen Gänge verirren, und verzehrt sie. Wer denkt da nicht an Gollums „my precious“. Nun, Scheibel widmete den braunen (!) Winzling dem deutschen Führer und schloss seinen Artikel mit den Worten: „Dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler als Ausdruck meiner Verehrung zugeeignet.“

Heute sind die wenigen Höhlen Zentralsloweniens weitgehend leergesammelt. Für bis zu 2000 Euro werden einzelne Exemplare im Internet gehandelt, von interessierten Spezialisten, vor allem aber auch von rechten Kreisen auf der Suche nach Memorabilien. Der Hitler-Käfer ist bedroht und steht mittlerweile unter Schutz. Seitdem die Presse den Fall im Jahr 2000 wieder ins Rampenlicht gestellt hat, wird auch in Museen vermehrt eingebrochen um an die begehrten Sechsbeiner zu kommen.

Im Naturhistorische Museum Basel lagern die bedeutendsten Stücke dieser Art, die „Überkäfer“ sozusagen: Die Typenserie von Anophthalmus hitleri, die Scheibel 1937 in seiner Erstbeschreibung als Vorlage diente. Die Abbildung zeigt zwei dieser Tiere kurz bevor sie sicher verpackt als eingeschriebene Sendung von der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich wieder zurück in den Safe nach Basel geschickt werden.

Literaturhinweise:

Ohl, Michael (2015). Die Kunst der Benennung. Berlin MSB Matthes & Seitz Verlagsgesellschaft mbH, 189-192.

Scheibel, Oscar (1937). Ein neuer Anophthalmus aus Jugoslawien. Entomologische Blätter (Berlin), 33: 438-440.

 

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