Flüchtlingskrise: Alles gleich – alles anders?

Im „Glashaus“ der Schweizer Schutzmachtabteilung in Budapest stehen Männer und Frauen Seite an Seite gedrängt. Sie warten auf Schutzbriefe, die sie vor der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten retten sollen.

Verängstigte Juden bitten um Schutz, Oktober/November 1944 in Budapest (AfZ, NL Carl Lutz / 271)

Hintergrund

Das Foto datiert vom Oktober oder November 1944. Die Schutzbriefe wurden vom Schweizer Diplomaten Carl Lutz ausgestellt, der seit 1942 als Vizekonsul in Budapest die Schutzmachtabteilung der Schweizer Gesandtschaft leitete. Carl Lutz hat so während des Zweiten Weltkriegs gut 60’000 Juden das Leben gerettet. Sein Nachlass wird im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich archiviert, welches private Nachlässe und institutionelle Archive mit Schrift-, Ton- und Bildquellen zur Geschichte der Schweiz vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart sichert.

NL_CarlLutz_Schutzbrief

Schutzbrief für eine Liegenschaft, Budapest 11. April 1944 (AfZ, NL Carl Lutz / 192)

Aktualität

Die fotografisch dokumentierten Ereignisse liegen mehr als 70 Jahre zurück. Und doch ist das Foto von unerwarteter Aktualität. Die Medien sind seit Wochen voll mit Bildern von Flüchtlingen: Menschen, die gedrängt zusammenstehen und hoffen, dass sie der Gefahr entkommen, die ihr Leben bedroht. Das historische Bild wirft aber auch Fragen nach der Vergleichbarkeit von damals und heute auf. Sind die Leiden der Flüchtlinge, die Angst und die Hoffnung in den Gesichtern der Menschen sozusagen zeitlose Konstanten? Was sind die Gründe für die Flucht? Und welche Rezepte hielten und halten die europäischen Staaten zur Bewältigung von Flüchtlingskrisen bereit? Carl Lutz, dessen Engagement nach jahrzehntelangem Schweigen erst spät anerkannt wurde, stellt an jede und jeden von uns die Fragen nach Zivilcourage, Entscheidungsspielräumen und richtigem Handeln.

Sich mit solchen Fragen in historisch informierter Weise auseinanderzusetzen, ist eine der Aufgaben des Archivs für Zeitgeschichte: Durch Kolloquien, Oral History-Projekte, Führungen, universitäre Lehrveranstaltungen, Workshops mit Schulklassen und Publikationen wird die Geschichte lebendig erhalten.

Abendführung

Mehr über das Archiv für Zeitgeschichte erfahren Sie an der Jubiläums-Abendführung „fifty-fifty!“ am 5. April 2016, 18.15-19.15 Uhr. Kommentiert werden ausgewählte institutionelle Meilensteine aus der 50-jährigen Geschichte des Archivs, die eine Ausstellung von 50 historischen Dokumenten im neu renovierten Gebäude Hirschengraben 62 rekapituliert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.