Die „schönste Blüte“ der Kartographie: die Gygerkarte von 1667

Über 200 Jahre lang war die Karte des Kantons Zürich, fertiggestellt 1667 von Hans Conrad Gyger (1599-1674), eine der innovativsten kartographischen Produktionen ihrer Zeit, oder, wie es Dr. Rudolf Wolf, erster Leiter der ETH-Bibliothek, 1879 formuliert, „weitaus die schönste Blüte, welche die Kartographie vielleicht überhaupt getrieben hat“. Nun findet eine Reproduktion von 1891 Eingang in eine innovative Plattform der ETH-Bibliothek.

Doch zunächst zum Original: Nach 38 Jahren Arbeit unter strenger Geheimhaltung stellte Hans Conrad Gyger 1667 die Zürcher Kantonskarte fertig. Dies zudem in zwei Versionen, als Ölgemälde und als leicht getuschte Zeichnung auf 56 Blättern. Je nach Quelle diente dabei mal die eine, mal die andere Karte als Vorlage für die jeweils Andere. Aufgrund der langen Herstellungszeit dürften aber die 56 Blätter als Vorlage für das somit zusammengesetzte und „übermalte“ ganzheitliche Exemplar gedient haben – so zumindest die Annahme von Rudolf Wolf und bis Mitte des 20. Jahrhunderts weiter Teile der Kartographenszene. Gyger, dessen Vater Glas- und Emailmaler war, erlernte ebenfalls zuerst das Malerhandwerk, interessierte sich gleichzeitig aber auch für das Kartenzeichnen und die Feldmesserkunst. Die 1667 fertiggestellte Kantonskarte von Zürich war dabei von solcher Genauigkeit, dass erst mit kantonalen Vermessungen um 1850 Verbesserungen am Verzerrungsgitter der Gygerkarte erreicht werden konnten (die sog. Wild-Karte).

Zwei Reproduktionen der 56 Blätter befinden sich im Besitze der ETH-Bibliothek: der 1967 zum 300-jährigen Jubiläum erstellte Faksimiledruck Karte des Kantons Zürich aus dem Jahr 1667 in 56 Blättern in limitierter Auflage sowie die 1891 hergestellte Reproduktion Hans Konrad Gyger’s Züricher-Cantons-Carte 1667 des Druckverlags Hofer & Burger. Letztere wurde im Rahmen des Internationalen Geographischen Kongresses im August 1891 in Bern veröffentlicht.

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Abb. 1 und 2: Ausschnitte aus den Reproduktionen von 1891 (oben, Blatt 29) und 1967 (unten, Blatt d4).

In der Forschung wurde ursprünglich davon ausgegangen, dass aufgrund der Dimensionen der Karte lange keine Reproduktionen der Karte möglich waren. Arthur Dürst wies 1971 aber nach, dass die erwähnten Faksimilie der 56 Kartenblätter von 1891 und 1967 auf einer nach 1702 erstellten Kopie des grossen Ölgemäldes beruhen und somit nicht von Gyger selbst stammen können. Und trotzdem, sowohl im Original wie auch in der Kopie und neueren Reproduktionen bleibt die Gygerkarte ein „Meisterwerk“ und prägend für die Kartographie der Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert.

Die Reproduktion von 1891 ist zwischenzeitlich durch die ETH-Bibliothek digitalisiert und auf e-rara.ch aufgeschaltet worden. Die entstandenen Digitalisate der 56 Kartenblätter werden zur Zeit für ETHorama erschlossen. Diese neue Plattform ermöglicht einen innovativen, geografischen Zugang zu digitalen Dokumenten der ETH-Bibliothek mit Bezug zur Schweiz. Passend zum Internationalen Jahr der Karten und zur Bedeutung der Gygerkarte wird so ein intuitiver Zugang über eine interaktive Karte zu kartographischen Materialien, aber auch Textdokumenten und Bildern ermöglicht und einem breiteren Publikum vorgestellt. Die Erschliessung der Reproduktion der Gygerkarte ist hierbei weit fortgeschritten. Im Verlaufe des Jahres werden weitere digitalisierte Karten mit Bezug zur Schweiz die bereits 356 (Stand Mitte Januar 2016) auf ETHorama vorhandenen Kartenblätter ergänzen.

gyger_ethoramaAbb. 3: Das Blatt 29, [Zürich] der Gygerkarte auf ETHorama

Literatur:

  • Wolf, Rudolf (1879): Geschichte der Vermessungen in der Schweiz. Zürich: Commission von S. Höhr.
  • Fueter, Eduard (1941): Grosse Schweizer Forscher. Zürich: Atlantis.
  • Dürst, Arthur (1971): Hans Conrad Gygers grosse Karte des Zürcher Gebiets von 1667, in: Zürcher Taschenbuch, Jg. 91 (1971), S. 31-42.

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