Dumm oder majestätisch? Gedanken zu den Kameliden

2014 reichte Bolivien bei der UNESCO eine Petition ein, die vorschlug, das Jahr 2016 zum internationalen Jahr der Kameliden zu erklären. Das internationale Jahr sollte diesen interessanten Tieren mehr Beachtung verschaffen. Die Petition nahm alle Hürden bis zum „draft status“ und wurde auf die Liste der internationalen Jahre gesetzt. Aus unbekannten Gründen – es könnte ein bürokratisches Missgeschick sein – verschwand jedoch der „draft“ und damit auch das Internationale Jahr der Kameliden wieder von der Agenda. Auch wenn Kameliden-Enthusiasten aus der ganzen Welt bereits Kalender mit Kamelen, Dromedaren und Lamas gedruckt haben, ist 2016 nicht das Jahr der Kameliden, sondern das Jahr der Hülsenfrüchte. Um diese Ungerechtigkeit wieder ein wenig ins Lot zu bringen, und weil Kreaturen faszinierender sind als Linsen und Kichererbsen, beschäftigen wir uns zum Jahresbeginn mit dem Kamel. Wie ist unsere Beziehung dazu? Empfinden wir es als dumm, störrisch, oder gar majestätisch? Entscheiden Sie selbst!

Fel_034601-RE

Dumm, störrisch, feige …?

Tanger, Le Courrier du Désert (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_034601-RE)

El Oued, Meharisten

Majestätisch …?

Hans Gerber: El Oued, Meharisten, 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L04-0127-0006)

Wohl von allem ein bisschen?

Comet Photo AG: Kinder-Zoo von Zirkus Knie in Rapperswil, 1962 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_C11-120-021)

In seiner Gestalt präsentiert sich das Kamel mit den Worten von Bernhard Grzimek wie folgt:

Die heutigen Kamele (Familie Camelidae) sind mittelgrosse oder sehr grosse Paarhufer. Kopf schlank mit kegelförmiger Schnauze. Nasenlöcher verschliessbar, Augen mittelgross, Ohren klein bis mittellang; Oberlippe gespalten, behaart, Ränder der Nasenlöcher nackt. Hals lang. Passgänger, denen die Spannhaut zwischen Bauch und Oberschenkel fehlt. Beine lang uns schlank … (S. 143).

Vom inneren Wesen her werden Kameliden von Tierkennern im Lauf der Geschichte sehr unterschiedlich beurteilt:

Alfred Brehm, der berühmte „Tiervater“, fand sie stumpfsinnig und störrisch, dumm, gleichgültig und feig, er ärgerte sich über den Gestank und das ohrenmarternde Gebrüll des Dromedars wie über den Anblick „seines unsäglich dumm aussehenden Kopfes“. Sven Hedin aber, der grosse schwedische Asienforscher, den Kamele unermüdlich durch die öden Wüsten Innerasiens getragen hatten, rühmt die majestätische Haltung eines Kamelhengstes (S. 144).

Der ambivalente Eindruck, den das Kamel beim Menschen hinterlässt, hängt demnach stark von der Beziehung ab, in der man zum Tier steht. So macht es einen Unterschied, ob man ihm im Zoo begegnet, oder ob man davon durch eine Wüste getragen wird. In der Tat verbindet Kamele und Menschen eine lange Geschichte der Domestizierung.

Der älteste schriftliche Bericht über das Hausdromedar steht in der Bibel. Dort wird erzählt, wie Abraham seinen Knecht mit zehn Kamelen von Palästina nach Mesopotamien schickt, um für seinen Sohn Isaak eine Braut zu suchen. Man nimmt heute an, dass das um 1800 vor Christus geschah, damals gab es also schon Hausdromedare in Palästina. Später wurden Dromedare als Reit- und Lasttiere auch in Indien und Nordafrika eingeführt, vor allem die Eroberungszüge der islamischen Araber sorgten für ihre weite Verbreitung (S. 147).

Neben der Verwendung als Transportmittel für Menschen und Güter werden die genügsamen und zähen Tiere mit den langen Augenwimpern bis heute auch als Woll-, Milch- und Fleischlieferanten gebraucht. Im asiatischen Raum hat das Kamel deshalb auch einen weit besseren Ruf als in der westlichen Welt, wo es bekanntlich gar in den Schimpfwortschatz eingegangen ist. Schliesslich ist da noch die Geschichte mit den Höckern, ohne deren Erwähnung jede Würdigung der Kameliden unvollständig wäre. Ogden Nash meint dazu:

The camel has a single hump;
The dromedary, two;
Or else the other way around.
I’m never sure. Are you?

Alles klar? Wie das Kamel zu seinem Höcker kam, beschreibt Rudyard Kipling in seiner wunderbaren Geschichte How the Camel got his Hump. Ein Dschinn hat ihm den Höcker hingezaubert, weil es nicht arbeiten wollte und dauernd nur „Humph!“ sagte:

The Camel’s hump is an ugly lump
Which well you may see at the Zoo;
But uglier yet is the hump we get
From having too little to do.

Kiddies and grown-ups too-oo-oo,
If we haven’t enough to do-oo-oo,
We get the hump—
Cameelious hump—
The hump that is black and blue!

We climb out of bed with a frouzly head
And a snarly-yarly voice.
We shiver and scowl and we grunt and we growl
At our bath and our boots and our toys;

And there ought to be a corner for me
(And I know there is one for you)
When we get the hump—
Cameelious hump—
The hump that is black and blue!

The cure for this ill is not to sit still,
Or frowst with a book by the fire;
But to take a large hoe and a shovel also,
And dig till you gently perspire;

And then you will find that the sun and the wind.
And the Djinn of the Garden too,
Have lifted the hump—
The horrible hump—
The hump that is black and blue!

I get it as well as you-oo-oo—
If I haven’t enough to do-oo-oo—
We all get hump—
Cameelious hump—
Kiddies and grown-ups too!

Literatur:

Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben; Enzyklopädie des Tierreiches. Zürich: Kindler, 1968 (Band 4, Säugetiere)

One thought on “Dumm oder majestätisch? Gedanken zu den Kameliden

  • Sonntag, der 29. Januar 2017 at 00:21
    Permalink

    Wenn in der Abraham – Geschichte Dromedare erwähnlich werden, so deutet dies nicht unbedingt darauf hin, dass diese Tiergattung sehr alt ist, sondern das die Geschichte u.U
    jünger, als behauptet ist.

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