Frau Bibliotheksdirektor, Einstein und Dürrenmatt

Wie übersteht man lange Gedenkanlässe? Ein praktisches Beispiel zum vergangenen 25. Todestag und kommenden 95. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt (5. Januar 1921 – 14. Dezember 1990).

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Aus: Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein. Vortrag, ETH Zürich, Febr. 1979, 1. Fassung, Arbeitsexemplar, Januar 1979, Seite 20 (ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETHZ, Hs 304:1286-5)

Alle paar Jahre, und zwar in kurzer Folge, wird irgendein Einstein Jubiläum gefeiert. Damit wird nicht nur die Erinnerung an den Geehrten und seine Leistungen wachgehalten. Vielmehr fällt der Glanz des Genies auch ein wenig auf die vielleicht genauso genialen, aber nicht annähernd so berühmten Festredner und seltenen Festrednerinnen. Die Institution, welche die jeweilige Feier ausrichtet, beansprucht entweder eigene Verdienste an den Leistungen des Jubilars oder will mindestens die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Der ETH Zürich gelang 1979 zum 100. Geburtstag von Albert Einstein sogar ein werbetechnisches Bravourstück. Sie lockte nicht nur ein allgemeines Publikum mit einer Ausstellung in die sonst nicht öffentlich zugängliche Kuppel des ETH Hauptgebäudes. Sie vermochte auch Friedrich Dürrenmatt als Redner für die Vortragsreihe der Gedenktagung zu gewinnen. Der seit der Uraufführung des Stückes „Die Physiker“ 1962 im deutschsprachigen Europa bestens bekannte Dramatiker sprach also über den weltweit berühmten Wissenschaftler.

Proben zu "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielh

Friedrich Dürrenmatt bei den Proben zu „Die Physiker“ am Schauspielhaus Zürich, 1962 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_L11-0024-0330 / CC BY-SA 4.0)

Die Feier, die sonst nur Fachleute aus der Physik und verwandten Wissenschaften angezogen hätte, geriet so zum gesellschaftlichen Ereignis. „Ganz Zürich“, das heisst, wer eine Einladung erhalten hatte, wer sich zur kulturellen Elite zählte, wer gerüchteweise vom Zusammentreffen zweier grosser Namen vernommen hatte und neugierig den noch Lebenden der beiden leibhaftig einmal aus der Nähe sehen wollte, suchte einen Sitzplatz zu ergattern, drängte in das Auditorium Maximum der ETH und in die angrenzenden Hörsäle, in welche die Veranstaltung auf Grossleinwand übertragen wurde.

Natürlich war der Auftritt Dürrenmatts erst am Ende der Redenreihe als Schluss- und Höhepunkt vorgesehen vor der Mittagspause, nach welcher dann noch der ETH-Präsident die Ausstellung eröffnen würde. Am Samstag 24. Februar 1979 um 9.30 Uhr wurden die Anwesenden zunächst vom Rektor der nachbarlichen Universität begrüsst, die nebst der Physikalischen Gesellschaft Zürich und der Naturforschenden Gesellschaft Zürich den Gedenkanlass zusammen mit der ETH organisiert hatte. Dann folgten drei dreissig- bis vierzigminütige Vorträge von Physikprofessoren der ETH, der Universität Zürich und der Princeton University USA. Nach einer halbstündigen Kaffeepause ergriff für eine weitere halbe Stunde nochmals ein Physikprofessor der ETH das Wort. Und dann, endlich, erschien der Star des Anlasses.

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Friedrich Dürrenmatt während seines Vortrags an der ETH Einsteinfeier, 24. Februar 1979 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, ETH: Einsteinfeier, von oben nach unten: Portr_15578, Portr_15569-010, Portr_15569-012)

Wer aber nun zum Abschluss des langen Vormittags mit wirrem Kopf und knurrendem Magen als Einstimmung auf das tapfer erdauerte Mittagsmahl wohlklingende Erbauung aus dem Munde des Wortkünstlers erwartet hatte, bekam eine vertrackte religionsphilosophische Schachphantasie zu hören. Nicht weniger anspruchsvoll als die vorangegangenen Vorträge der Physiker.

Im andächtig oder höflich ausharrenden Publikum sass auch Barbro Bylund. Als ausgebildete Bibliothekarin und Gattin des Germanisten Paul Scherrer, ehemaliger Direktor der ETH-Bibliothek und der Zentralbibliothek Zürich, war sie gewiss nicht literaturfern. Doch zur vorgerückten Mittagsstunde interessierte sie nicht die akustische Darbietung des Literaten, sondern dessen gutgenährte optische Erscheinung. Sie zückte den Kugelschreiber und verkürzte sich die Zeit mit dem Zeichnen eines Porträts auf der letzten Seite der Einladungsfaltkarte zum Gedenkanlass.

Ihr Mann übergab das Werk später der ETH-Bibliothek, der früheren Stätte seines beruflichen Wirkens. Der Leiter der Handschriftenabteilung beschriftete es mit Bleistift: „Zeichnung von Frau Bibliotheksdirektor Scherrer, während Dürrenmatts Einstein-Vortrag“.

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„Zeichnung von Frau Bibliotheksdirektor Scherrer während Dürrenmatts Einstein Vortrag“. Barbro Scherrer-Bylund: Friedrich Dürrenmatt. Kugelschreiber, Bleistift auf Papier. 24. Februar 1979. Letzte Seite der Einladungsfaltkarte zur Gedenkfeier anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Einstein (ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETHZ, Hs prov Scherrer) 

Die Zeichnung von Barbro Scherrer-Bylund befindet sich heute im Besitz des Hochschularchivs der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek, ebenso die Manuskripte und Typoskripte der Vorträge, darunter das handkorrigierte Arbeitsexemplar von Dürrenmatt.

Die Vorträge der Gedenktagung wurden publiziert in: Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, Jahrgang 124, Heft 1, März 1979. Dürrenmatts Vortrag erschien danach auch in verschiedenen Dürrenmatt Editionen beim Diogenes Verlag, Zürich.

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