Ein Auge für die Milchstrasse – Thomas Wright und Immanuel Kant

Nachdem Galileo Galilei mit seinem Fernrohr die vielen Einzelsterne der Milchstrasse als solche erkennen konnte, waren die Augen der Astronomen auf die Form der Milchstrasse gerichtet. Teilweise wird Wilhelm Herschel mit der erstmaligen Beschreibung der flachen Form der Milchstrasse in Verbindung gebracht, aber es ist bekannt, dass Thomas Wright von Durham den ersten wissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis der Milchstrasse erbracht hat.

Thomas Wright von Durham (1711-1786), der in England in Byers Green geboren wurde, interessierte sich früh für die Astronomie und beschäftigte sich insbesondere mit der Kosmologie. 1750 hat er sein bedeutendstes Werk „An original Theorie, or new hypothesis of the universe“ veröffentlicht, welches in 9 Briefen strukturiert ist. In diesem Werk versucht er seine Überzeugung bezüglich der Existenz Gottes mit physikalischen Argumenten zu stützen. Damit verfolgte er einen physikotheologischen Ansatz wie vor ihm z. B. Johann Jakob Scheuchzer. Wright stellt sich die Milchstrasse als Teil der Sphäre der Sterblichkeit vor, welche sich um ein übernatürliches, göttliches Zentrum dreht. Daneben soll es nach Wrights Vorstellung unzählige weitere Kugelförmige, bewohnte und unbewohnte Systeme wie das Unsere geben, immer mit einem göttlichen Zentrum, welches in seinen Abbildungen stets mit einem Auge symbolisiert wird.

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Pl. XXXI und XXXII: Unzählige Welten im Universum mit ihrem jeweils göttlichen Mittelpunkt (Augensymbol)

Immanuel Kant (1724-1804) hätte sich wohl kaum auf diese fantastischen Ideen Thomas Wrights eingelassen. Doch den Philosophen, der sich wie Wright mit kosmologischen Fragestellungen beschäftigte, beeindruckte Wrights Erklärung zur Erscheinungsform der Milchstrasse. Dieser erkannte nämlich, dass das helle Band am Himmel ein perspektivischer Effekt ist, der sich ergibt, wenn sämtliche Sterne auf einer Ebene liegen und der Beobachter mitten drin entlang dieser Ebene schaut. Kant überzeugte diese Erklärung dermassen, dass er sie weiterentwickelte und 1755 in seinem Werk „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ unter Nennung von Thomas Wright als den Begründer der „Scheibentheorie“ publizierte.

Thomas Wright wurde in der damaligen Zeit wenig rezipiert und seinen Werken wurde kaum Bedeutung zugemessen. Allerdings hatte auch Kant damals nicht die Aufmerksamkeit, die ihm heute zukommt. Dass Thomas Wright seinen Platz in der Geschichte der Astronomie gefunden hat, ist nur Immanuel Kant zu verdanken, der über eine Rezension in der Hamburger Zeitschrift „Freye Urtheile und Nachrichten zum Aufnehmen der Wissenschaften und der Historie überhaupt“ (Bd. 8 von 1751) auf Wrights Idee aufmerksam wurde.

Literatur

Anna Holterhoff: Thomas Wright of Durham: An Original Theory of the Universe. In: Anna Holterhoff: Naturwissenschaft versus Religion? Zum Verhältnis von Theologie und Kosmologie im 18. Jahrhundert. Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin 2009, S. 38–50, http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/Preprints/P376.PDF#page=44

North, John: Cosmos. An illustrated history of astronomy and cosmology. London, The University of Chicago Press, 2008

Paneth, F. A.: Thomas Wright of Durham and Immanuel Kant, The Observatory 64(1941), S. 71-82, http://adsabs.harvard.edu/full/1941Obs….64…71P

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