Warda Blèser-Bircher (1905-2006) – Geologin, Paläontologin, Botanikerin, Künstlerin. Das Frausein in einer Zeit vor der Emanzipation.

Warda Blèser-Bircher wurde 1905 in Kairo, als einziges Kind der Schweizer Iduna und Alfred Bircher-Hunziker geboren. Der Vater führte erfolgreich eine Fabrik für Gips und Ziegelsteine in El Saff, 100 km südlich von Kairo. Die ganze Freizeit opferte er seinem botanischen Garten in El Saff und es entstand ein weltweit anerkanntes Werk in Form eines mehrere Hektaren umfassenden Gartens mit über 2000 tropischen Pflanzen. Die gewonnenen Erfahrungen mit den Pflanzen aus aller Welt versuchte der Vater jahrelang in einem Buch zusammenzufassen. Erst seine Tochter vervollständigte das Werk und gab es zwei Jahre nach seinem Tod unter dem Titel „Gardens of the Hesperides“ heraus.

Bléser

Warda Bircher und Hugo Dünner mit einem Abguss von Andrias Scheuchzeri in der Geologischen Sammlung der ETH Zürich (Bussmann, 2005)

1927 begann Warda ihre Studien an der Universität Zürich, erst Botanik, dann Geologie und Paläontologie. Sie schloss als zweite Frau in Zürich mit dem Doktorgrad in Geologie ab. Auf Grund ihrer Ausbildung arbeitete sie als Geologin und Paläontologin für die Shell Corporation in der Türkei, in Iran und in Ägypten. Sie zeichnete ihr ganzes Leben lang Pflanzen und Landschaften an allen Stationen ihres Lebens. 1946 heiratete sie den Geologen Paul Blèser, welcher für Shell in der ganzen Welt geologische Untersuchungen machte. Warda reiste immer mit ihrem Ehemann mit. Sie durfte selten arbeiten weil damals eine Frau nach ihrer Heirat nicht mehr berufstätig sein konnte, dies aus gesellschaftlichen Gründen und weil sie einem „Ernährer“ den Arbeitsplatz weggenommen hätte.

Nach dem Tod des Vaters und mit der Pensionierung von Paul Blèser führte das Ehepaar gemeinsam das Werk des Vaters weiter und bewirtschafteten den Garten in El Saff. 1963 wurde dieser vom Staat Ägypten enteignet. Warda klagte gegen den ägyptischen Staat und gewann den Prozess ein Jahr später. Sie war eine der wenigen, denen es gelang, eine Enteignung rückgängig zu machen. 29 Jahre lang, bis zum Tod von Paul, waren der Garten und die Malerei der Lebensinhalt des Ehepaares. 1990 beschlossen Paul und Warda den Garten in El Saff zu verkaufen, denn beide waren inzwischen 85 Jahre alt. Zu ihrer Unzufriedenheit fanden sie keinen Käufer, der das Werk weiter führen wollte, sondern nur einen Chirurgen, der sich lediglich im Garten am Wochenende erholen wollte.

Das Ehepaar verbrachte die Wintermonate in El Saff und den Sommer jeweils in Orselina, im Tessin, wo Paul 1991 starb. Im Jahr 2000 gab Warda Blèser-Bircher die „Encyclopedia of fruit trees and edible flowering plants“ heraus. Darin enthalten sind die Erfahrungen von Warda und Alfred Bircher, zwei Menschen, die sich über 80 Jahre lang mit tropischen Pflanzen auseinandersetzten. Im Oktober 2005 reiste die Hundertjährige nach Ägypten, um ihren Haushalt aufzulösen. Eine Menge Briefe, Bücher, Bilder, Fotos, Tagebücher, Koffer und Möbel hatten sich hier angesammelt. Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich war schon im Jahr 2002 kontaktiert worden und hatte sich entschieden den Bestand der Familie Bircher zu archivieren. In Kairo und Orselina wurden damals schon geschichtlich wertvolle Dokumente gesichtet und schon zu Lebzeiten von Warda Blèser-Bircher wurde ein Teil des Nachlasses im Archiv aufgenommen, um ihn so der Nachwelt zu erhalten.

Warda war eine grossartige Frau, die die rasante Entwicklung der Technik miterlebte und mit 100 Jahren begann, am Computer Briefe zu schreiben und als E-Mails zu verschicken. 2006 starb Warda Blèser-Bircher im Alter von 101 in Orselina. 2005 veröffentlichte Nora Bussmann das Buch: „Die mutige Pionierin: Warda Blèser-Birchers Jahrhundert“. Mit Interviewausschnitten, Quellentexten, Briefen und Tagebucheintragungen gestaltete die Autorin eine ungewöhnliche Biographie der damals 99-jährigen. 2007 hat der Regisseur Jens-Peter Rövekamp im Dokumentarfilm „Unter einer anderen Sonne geboren“, ein feinfühliges Portrait über das Leben der Wissenschaftlerin und Künstlerin geschaffen.

Publikationen von Warda Blèser-Bircher:

Studien im obern Bajocien der Ostschweiz (Glarner- und St. Galleralpen) (Dissertation Universität Zürich, Kairo 1935)

„Gardens of the Hesperides. A book on old and new plants for Egypt and similar climes“ (Kairo 1960)

„The Date Palm: A Boon for Mankind“ (Kairo 1990),

„The Date Palm: A Friend and Companion of Man“ (Kairo 1995)

„Encyclopedia of Fruit Trees and Edible Flowering Plants in Egypt and the Subtropics“ (Kairo / New York 2001).

Publikationen über Warda Blèser-Bircher:

Bussmann, Nora, 2005: Die mutige Pionierin: Warda Blèser-Birchers Jahrhundert. Zürich. Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Dokumentarfilm: ”Unter einer anderen Sonne geboren”. Regie und Kamera Jens-Peter Rövekamp, Recherche Susanne Hausammann.

 

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