Appenzeller Gesundheitsmode im 19. Jahrhundert

Alexandre Martin bietet mit seinem reich illustrierten Werk „La Suisse pittoresque et ses environs […]“ vielfältige Einblicke in die Schweiz des 19. Jahrhunderts. Neben bekannten Sehenswürdigkeiten wie der Rütliwiese und Tellskapelle zeigt Martin auch typische Besonderheiten der verschiedenen Kantone. Bezogen auf das Appenzell auch wirtschafts- und medizingeschichtliche Aspekte, wie die nähere Betrachtung der enthaltenen Abbildung (Gaïs – Cures de petit lait) des Molke trinkenden Mannes zeigt.

Im Appenzell wurde die Tradition der Badekultur bereits gepflegt, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Mode der Molkenkur aufkam. Molke ist das, was nach der Käseherstellung bzw. Milchgerinnung übrigbleibt: eine energiearme, aus Wasser, Milchzucker, Mineralstoffen und Vitaminen bestehende Flüssigkeit. Der Molke wurde damals eine gesundheitsfördernde bzw. heilende Wirkung bei allerlei Leiden zugeschrieben.

Gais war neben Heinrichsbad (Herisau) in Appenzell Ausserrhoden und Weissbad (Appenzell Innerrhoden) einer der Hauptkurorte. Diesen Ruf verdankte es vor allem dem dort ansässigen Arzt Johann Heinrich Heim und seiner Theorie der heilwirksamen Ziegenmolke, welcher viele der damals praktizierenden Ärzte folgten und ihre Patienten nach Gais in die Kur schickten.

Gaïs - Cures de petit lait

Gaïs – Cures de petit lait, aus: Alexandre Martin: La Suisse pittoresque et ses environs […], Taf. [33]

In der Folge wurde das von wichtigen Verkehrsrouten abseits gelegene Appenzell weltberühmt und konnte viele, auch ausländische Gäste verzeichnen. Der Fremdenverkehr gewann wirtschaftliche Bedeutung und überhaupt bot die Molkenkur angesichts einer insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Situation eine grosse Chance – und diese wurde wohl genutzt. Mit der Abbildung wird eindrücklich bezeugt, wie bemüht sich die Appenzeller um ihre Gäste kümmerten. Die frische Molke wurde jeweils direkt von der Alp geliefert und die Wirte stellten sich perfekt auf die Kurgäste ein.

Trotzdem wurde die heilende Wirkung der Molkenkur schon bald angezweifelt und gesundheitliche Erfolge auf die mit einer Kur üblicherweise einhergehende Ruhe, Erholung und Bewegung an der frischen Luft zurückgeführt. Ab 1860 kam die Molkenkur schliesslich aus der Mode und auch Gais als Hauptkurort verlor entsprechend an Bedeutung.

Literatur

Reichen, Quirinus: Molkenkur, in: Historisches Lexikon der Schweiz [4.12.2014]

Schläpfer, Walter: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939. Gais 1984, 205 ff.

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