Das Auge isst mit!

An einem vornehm gedeckten Tisch lässt sich ein elegantes Paar eine Artischocke wohl schmecken. Das hier gezeigte, noble Gemüse, dem im 17. Jh. aphrodisische Wirkungen zugeschrieben wurden, schaffte es unter Catharina de Medici auf den Speiseplan des französischen Hofes. Damit die exotische, aussergewöhnliche Speise nicht auskühlt, steht in der Mitte des Tisches ein sehr ausgefallenes Accessoire: ein Rechaud. Und weil man Artischocken mit den Fingern isst, ist die Benutzung der Serviette unverzichtbar für die Eleganz der Tafelszene.

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Abraham Bosse (1604-1676), Der Geschmacksinn, Blatt 4 der Folge „Die fünf Sinne“, Radierung, um 1638

Im 17. Jahrhundert setzt sich das individuelle Gedeck – Teller, Gabel. Messer – durch. Sogar das Hündchen frisst aus einem eigenen Teller; Essensreste auf den Boden fallen zu lassen, wäre hier nicht comme il faut. „Was für die Wissenschaft die Erfindung der Buchdruckerkunst und für die Kriegskunst die des Schiesspulvers, das ist für die Esskunst die Erfindung der Gabeln und Servietten.“ (Antonius Anthus, Vorlesungen über die Esskunst. 1838).

Der Geschmacksinn von Abraham Bosse ist eine von fünf herausragenden Radierungen, die der berühmte, französische Künstler Abraham Bosse (Tours um 1604 – Paris 1676) zum Thema der Fünf Sinne schuf. Um 1638 entstanden, greift der Künstler in der Serie ein seit der Antike beliebtes, ikonographisches Thema auf. In der Regel wählten Künstler für die Darstellung der fünf Sinne mythologische oder allegorische Szenen. Bosse bricht mit dieser Tradition und zeigt statt dessen Szenen aus dem höfischen Alltag.

Das Blatt ist noch bis 15. Jänner 2014 im Rahmen der von Eva Korazija kuratierten Ausstellung „Das Auge isst mit. Vom Essen und Trinken und allem Drumherum“ in der Graphischen Sammlung ETH Zürich zu bewundern.

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