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25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

18.11.2011

„Sie hatte es natürlich planmässig auf meine Verführung abgesehen…“ – C.G. Jung an Sigmund Freud über Sabina Spielrein

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Psychologie — Tags: — Michael Gasser @ 7:00

Erste Seite des Briefes C.G. Jungs an Sigmund Freud vom 4. Juni 1909 (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 1056:30985, Copyright Stiftung der Werke von C.G. Jung – mit freundlicher Genehmigung)

Wenn Keira Knightley als Sabina Spielrein, Michael Fassbender als C.G. Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud im Film „A Dangerous Method“ die wohl berühmteste Liebesaffäre in der Geschichte der Psychoanalyse und deren Auswirkung auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud auf die Leinwand bringen, geht es Regisseur David Cronenberg nur bedingt um historische Detailgenauigkeit. Entsprechend frei interpretiert Cronenberg in seiner fiktionalisierten Version der Geschichte denn auch das vorhandenene Quellenmaterial.

Quellenmässig blieb die Innensicht von Sabina Spielrein (1885-1942), deren bewegtes Leben als erste Analysandin Jungs, praktizierende Psychoanalytikerin, Angehörige der Wiener Psychoanlytischen Vereinigung und Begründerin der Psychoanalyse in Russland tragisch in einem Judenpogrom deutscher Truppen in Rostow endete, längere Zeit im Dunkeln. Erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wurden ihre Tagebücher sowie Teile ihrer Korrespondenz mit Sigmund Freud und C.G. Jung in Genf entdeckt und schrittweise ediert.

Der Einfluss Spielreins auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud spiegelt sich dagegen in der Korrespondenz zwischen den beiden Psychoanalytikern, die heute zu den Beständen der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek zählt. Die Briefe zeigen, wie schwer es Jung fällt, Freud gegenüber seine Arzt-Patientin-Liebesaffäre und damit sein grobes Fehlverhalten innerhalb der psychotherapeutischen Behandlungsmethode einzugestehen. Am 7. März 1909 schreibt er an Freud noch verklausuliert: „Ich bin immer in den Grenzen des Gentleman ihr [Sabina Spielrein] gegenüber geblieben, aber vor meinem etwas zu empfindsamen Gewissen fühle ich mich doch nicht sauber, und das schmerzt am meisten, denn meine Absichten waren immer rein gewesen.“ Erst als Sabina Spielrein sich ebenfalls an Freud wendet, wird Jung deutlicher, wirbt aber gleichzeitig um Freuds Verständnis für seine Grenzüberschreibung, indem er ihm gegenüber in einem Brief vom 4. Juni 1909 die Verführungskünste Spielreins betont:

Da ich aus Erfahrung wusste, dass sie [Sabina Spielrein] sofort rückfällig wurde, wenn ich ihr meinen Beistand versage, zog sich die Beziehung über Jahre hin, und ich hielt mich schliesslich quasi für moralisch verpflichtet, ihr meine Freundschaft weitgehend zu vertrauen, solange bis ich sah, dass dadurch ein unbeabsichtigtes Rad ins Rollen geriet, weshalb ich schliesslich abbrach. Sie hatte es natürlich planmässig auf meine Verführung abgesehen, was ich für inopportun hielt. Nun sorgt sie für Rache.

Zwei Wochen später, am 21. Juni 1909, gesteht Jung Freud schliesslich seinen „Wahn [...], quasi das Opfer der sexuellen Nachstellungen meiner Patientin“ geworden zu sein und fügt hinzu: „Ich bitte Sie nun vielmal um Entschuldigung, dass meine Dummheit Sie mit in diese Sache hineingezogen hat.“ Freud nimmt diese Entschuldigung nicht nur bereitwillig an, sondern setzt sich bei Sabina Spielrein sogar für Jung ein, so dass dieser am 10. Juli 1909 nach Wien schreiben kann: „Ich möchte Ihnen zu allererst herzlich danken für Ihre freundliche Hilfe in der Spielrein-Angelegenheit, die sich ja jetzt so günstig erledigt hat.“

Quelleneditionen:
Spielrein, Sabina. Tagebuch und Briefe: die Frau zwischen Jung und Freud. Herausgegeben von Traute Hensch. Giessen, 2003.
Freud, Sigmund und C.G. Jung. Briefwechsel. Herausgegeben von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. Zürich, 1976.

Lektüre:
Kerr, John. Eine höchst gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein. München, 1994.

11.11.2011

Der Schuss aus dem Chemiegebäude – Mysteriöser Kriminalfall am Eidgenössischen Polytechnikum

 

 

Brief von Rudolf Wolf an Hermann Bleuler, Sternwarte Zürich, 12. Oktober 1891

(ETH-Bibliothek, Archive, SR3 1891, Nr. 470)

Als Professor Rudolf Wolf am zweiten Oktoberwochenende 1891 an die Sempersche Sternwarte heimkehrte, wo er ab 1864 zunächst mit Mutter und Schwester in der direktorialen Dienstwohnung im gesamten ersten Obergeschoss des Hauptbaus residiert hatte und seit dem Tod der Schwester vor zehn Jahren alleine hauste, erwartete ihn im Wohnzimmer eine üble Überraschung. Nachdem er sich wieder gefasst, die Situation analysiert, das weitere Vorgehen überdacht hatte, griff er zur Feder und schrieb an Hermann Bleuler, Präsident des Schweizerischen Schulrates:

Hochgeehrter Herr Präsident. 

So eben nach Zürich zurückgekehrt, erfahre ich dass letzten Freitag auf Samstag in ein Fenster meines Wohnzimmers geschossen wurde. Das Vorfenster zeigt ein kleines, das innere Fenster ein grosses Loch, und die durch die beiden Löcher bestimmte Schussrichtung weist unzweifelhaft auf das oberste Stockwerk des Chemie-Gebäudes als Absende-Ort.

Glücklicher Weise befand sich Niemand in dem Zimmer, sonst hätte leicht eine Verwundung eintreten können, da die Glassplitter durch das ganze Zimmer zerstreut wurden.

Da ich mir denken muss, es wäre Ihnen unangenehm eine gewissermassen im Innern des Polytechnikums, durch Angestellte desselben oder deren Familien-Angehörige, verübte, strafbare Handlung an die Öffentlichkeit gebracht zu sehen, so glaube ich von einer Anzeige an die Polizei Umgang nehmen zu sollen, und ersuche Sie diesen Vorfall in Ihnen geeignet scheinender Weise untersuchen zu lassen, – den Thäter aber jedenfalls gehörig ins Gebet zu nehmen.

Die Fenster werde ich vorerst nicht reparieren lassen, damit Sie die wünschbare Controle vornehmen lassen können, das kleine Geschoss kann ebenfalls vorgewiesen werden.

 Ihr Hochachtungsvollst Ergebenster

 Sternwarte Zürich 1891 X 12.                 Prof. R. Wolf

Für Professor Wolf, Astronom, Mathematiker und Geodät, der die angehenden Ingenieure in Vermessungskunde unterrichtete, und in seiner anderen Funktion als Oberbibliothekar den Bücherschatz der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft Zürichs inklusive Werke zur Ballistik und Artillerie anno 1880 ans Polytechnikum geholt hatte, war es ein leichtes, Einschusswinkel und Herkunftsort des Geschosses zu bestimmen.

  

Abbildung 1: Zürich, Stadtansicht mit Hochschulviertel. Links die Sternwarte mit Kuppelturm, rechts das Chemiegebäude mit hohem Kamin, um 1890 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00331-F)

Im obersten Stockwerk des Chemiegebäudes, in Sicht- und offenbar auch Schussweite der Sternwarte und umgekehrt (Abbildung 1), war in der Mitte die technologisch-chemische Sammlung untergebracht, „ein stets zur öffentlichen Benutzung, insbesondere natürlich zum Studium der Schüler dienendes […] Museum“ ohne permanente „Bedienung und Überwachung“.  An beiden Schmalseiten befanden sich Wohnungen für die Hauswarte und deren Familien.

   

Abbildung 2: ETH Zürich, Chemiegebäude, rechts im Hintergrund die Sternwarte, um 1889 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00382) 

Wolfs Wohnzimmer im ersten Obergeschoss der Sternwarte lag exakt südlich dem Kuppelturm gegenüber mit je einem Fenster auf drei Seiten, eines davon sichtbar vom Chemiegebäude her. Über dem Wohnzimmer lag ein Rechnungssaal für die Auswertung astronomischer Messungen zusammen mit dem Büro der Schweizerischen Meteorologischen Centralanstalt. Bei genauer Betrachtung von Abbildung 2 mit dem Chemiegebäude in der Mitte und der Sternwarte rechts daneben im Hintergrund ist ersichtlich (Vergrösserungsmöglichkeit  hier), dass vor den Fenstern der Sternwarte teilweise die Storen geschlossen sind zum Schutz vor der Nachmittagssonne.

Möglicherweise hatten Wolf oder seine Mitarbeiter im Stockwerk darüber vor dem Verlassen der Sternwarte an besagtem Wochenende keinen Anlass zum Herunterkurbeln der Sonnenstoren gehabt. Wenn irgendwann danach die Sonne in die Fenster schien, wurden vielleicht Personen im Chemiegebäude geblendet. Es ist daher denkbar, dass dann der „Thäter“ dem Spuk mit einem Schuss in die Richtung des grellen Scheins ein Ende bereiten wollte. Es sei denn, er (oder sie?) habe wirklich aus welchem Anlass auch immer in die dunkle Nacht hinausgeschossen, wie Wolfs zeitliche Annahme von „Freitag auf Samstag“ nahelegt.

Leider wurde die Angelegenheit tatsächlich diskret behandelt. Weder in den Verwaltungsakten der ETH, noch in überlieferten privaten Unterlagen der Beteiligten konnten bisher weitere Hinweise auf den Fall aufgespürt werden.

Anmerkungen

Zitate zum Chemiegebäude auf Seiten 31/32 in: Die chemischen Laboratorien des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, Hgg. F. Bluntschli, G. Lasius, G. Lunge, Zürich 1889

Zur Sternwarte Seite 360 in: Gottfried Semper 1803-1879. Architektur und Wissenschaft, Hgg. Winfried Nerdinger, Werner Oechslin, Zürich 2003

04.11.2011

Stralegg

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Markus Appenzeller @ 10:16

Brief von Egli an Gutersohn

Brief von Egli and Gutersohn

Manuskriptkarte Strahlegg

Manuskriptkarte von Egli

Kartenausschnitte

links: Siegfriedkarte 1955 – rechts: Landeskarte 2009

Kürzlich hat die Kartensammlung der ETH-Bibliothek ein Dokument bekommen, das ursprünglich dem Geographischen Institut der ETH gehörte. Es handelt sich um 6 ganz einfache, sehr sorgfältig von Hand gezeichnete Kartenskizzen, welche abgelegene Siedlungen im Tössbergland, Kanton Zürich darstellen. Ein Begleitbrief gibt Aufschluss zur Entstehungsgeschichte dieser Fleissarbeit: Hans Egli, Lehrer in Rüti, Kanton Zürich, hat die Manuskriptkarten auf Wunsch von  Heinrich Gutersohn, Professor am Geographischen Institut der ETH  Zürich gezeichnet. Als Grundlage für die Zeichnungen, diente Egli die Siegfriedkarte aus dem Jahre 1944. Neben den Höhenangaben finden sich auf den Zeichnungen noch Angaben zu den Siedlungen und ihren Bewohnern.

Ob Heinrich Gutersohn, der Autor des Standardwerks „Geographie der Schweiz“ (in 3 Bänden, erschienen 1958-69 bei Kümmerly  & Frey in Bern), die Information aus den 6 Kärtchen für sein Werk nutzte, wissen wir nicht. Im Band 3 (Mittelland), 2. Teil,  befasst er sich auf S. 222 ff. ausführlich mit dem Tössbergland.  S. 227: „Die den Naturgegebenheiten und den übrigen Umständen angepassten zweckmässigsten Siedlungsformen waren im Boden des Haupttals und auf den Höhen der Tafelberge das Dorf und der Weiler, im Gebiet der Eggen und Tobel der Einzelhof und der Kleinweiler. Das Tössbergland ist ein charakteristisches Einzelhofgebiet, gleicht also auch in dieser Hinsicht durchaus dem ihm verwandten Napfbergland. Die Reliefgestaltung erlaubt allerdings keine zu weit gehende Rodungen, Steilhalden mussten zum vorneherein bewaldet bleiben, …“

Unsere beiden kleinen Kartenausschnitte von der Stralegg (links Siegfriedkarte aus dem Jahr 1944, rechts Landeskarte 2009) zeigen deutlich und bestätigen die Aussage von Gutersohn: Das Verhältnis von Wald zu offenem Weideland hat sich innert der letzten 60 Jahren kaum verändert. Verändert haben sich allerdings die Beschriftungen auf den beiden Karten: Flurnamen haben sich verändert, sind verschwunden oder neu hinzugekommen, Höhenangaben sind genauer geworden.

Auf Seite 231 schreibt Gutersohn: „Trotz der Verminderung der Einzelhöfe konnte die im Bereich dieses Staatswaldes gelegene Schule Stralegg (1054 m), die höchstgelegene Schule des Kantons Zürich, zum Teil für die Kinder der Waldarbeiter beibehalten werden. Immerhin sank die Schülerzahl vom 58 im Jahre 1830 auf 15 im Jahre 1967.“

Die Schule auf der Stralegg gibt es heute noch.  In einem Artikel von Daniel Hess im Tages-Anzeiger  vom Dienstag  1. November 2011 (Titel: „Wo die Schüler den Lehrer duzen“) wird erwähnt, dass noch 16 Kinder in einer Klasse unterrichtet werden.

Bibliothekssignatur für die 6 Manuskriptkarten von Hans Egli: K 686460

Katalogaufnahme für die Manuskriptkarten: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=006669742

Katalogaufnahme für „Geographie der Schweiz“ von H. Gutersohn: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=003893669

 

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