Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

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