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26.08.2011

John Gerard: The Herball (London, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

John Gerard (1545-1612) gilt als einer der bekanntesten Kräuterkenner Grossbritanniens. Sein “Herball or General Historie of Plantes” erschien erstmals 1597. Wie viele Kräuterbücher der Zeit besteht es aus einer Mischung von Alt und Neu, in diesem Fall einer Adaption einer Übersetzung von Rembert Dodoens‘s Stirpium historiae pemptades sex (1583), die Gerard von Dr Robert Priest übernommen hatte. Das Buch enthält etwa 1800 Holzschnitte, von denen nur wenige neu sind. Eine dieser neuen Abbildungen zeigt eine Kartoffel und ist vermutlich das erste je publizierte Bild dieser Pflanze.

 

Holzschnitt Seite 781: Potatoes of Virginia

Trotz Neuerungen war Gerard nicht davor gefeit, Aberglaube weiter zu verbreiten. So hielt er zum Beispiel hartnäckig an der Vorstellung des „Gänsebaums“ fest. Dieser Baum komme im nördlichen Schottland vor und trage an seinen Ästen eine Art Muscheln, aus denen Nonnengänse ausschlüpfen.

 

Holzschnitt Seite 1391: The Breede of Barnakles (“Gänsebaum”)

Obwohl die alte Legende des Gänsebaums bereits im 13. Jahrhundert durch Albertus Magnus widerlegt worden war, indem dieser feststellte, dass Nonnengänse wie andere Vögel aus Eiern ausschlüpften, lebte der Gänsebaum in den Köpfen vieler späterer Autoren von Kräuterbüchern weiter. In posthumen Versionen von Gerards Herball wurde der Gänsebaum verworfen um dann allerdings bei späteren Autoren wie in Adam Lonicers Kraeuterbuch (Ausgabe 1783) wieder aufzutauchen. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff „Canard“ für eine „Zeitungsente“ (Irrtum oder Falschmeldung) auf der Legende des Gänsebaums fusst. Hierzu gibt es aber unzählige weitere Theorien.

Veranstaltungshinweis:

Das Herball von Gerard wird an der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 6. September 2011 gezeigt. Unter dem Titel Die Magie der Pflanzen figurieren rund 10 weitere Pflanzenbücher von Hieronimus Bock bis zu Johann Künzle. Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Links:

The Herball ist auf einer privaten Website online: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/gerarde/index.html; Hier werden viele weitere Autoren aus dem Bereich Biologie vorgestellt: http://www.biolib.de/.

Das Herball im Bibliothekskatalog NEBIS (Ausgabe von 1597): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001455559

Die verbesserte Ausgabe von Thomas Johnson (1636): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001480003

19.08.2011

Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

 

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 

Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

 

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

 

 

12.08.2011

Internierungslager in der Schweiz

Filed under: Geographie und Karten,Geschichte,Kartensammlung — Tags: — Markus Appenzeller @ 10:00

Ausschnitt aus Karte Internierungslager Schweiz

Abb.: Kartenausschnitt aus Manuskriptkarte ‘Internierungslager Schweiz’, Bern,  Armeekommando 1940-41

Auf der Flucht vor der deutschen Armee überquerten im Juni 1940 rund  50 000 französische, belgische und polnische Soldaten sowie Zivilflüchtlinge die Schweizer Grenze im Neuenburger Jura. Sie wurden entwaffnet und in Lagern interniert.  Der Kartenausschnitt zeigt die Internierungslager am 3. 7. 1940. Rot markiert die Lagerstandorte der Franzosen, blau der Polen und türkis der Belgier. Insgesamt 8 Karten zu diesem Thema sind im Bestand der Kartensammlung (ein Geschenk aus unbekannter Quelle).  Neben den Nationalität  und Standorten der Internierten zeigen die Karten auch Einteilung und Bestand der Bewachungstruppen (militärdienstleistende Schweizer und Schweizerinnen werden die Symbole  und Abkürzungen verstehen).

Bei den 8 Karten handelt es sich um Manuskriptkarten, alle Informationen zu den Lagern wurden mit Tusche und Schablone eingetragen. Als topographische Grundlage dient die Generalkarte der Schweiz 1:300 000,die von der Armee im zweiten Weltkrieg verwendet wurde.

Übrigens wurden die Internierten auch in der Wirtschaft, Landwirtschaft und vor allem im Strassenbau eingesetzt. In vielen Landesgegenden entstanden so die „Polenwege“, die wir heute als verkehrsarme Velo- und Wanderrouten schätzen.

Die 8 Karten mit der Signatur K 620103 können in Lesesaal Spezialsammlungen eingesehen werden. Link zur Titelaufnahme im Wissensportal: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=000420780

05.08.2011

Erdbeben, Gesteinsproben oder der Südpazifik – Bilder aus der Sammlung von Immanuel Friedländer

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geologie,Naturwissenschaften — Nicole Graf @ 13:22

 

links: Rittmann, Doderer: Villanova, 07.08.1930 (Hs_0625a-0001-005)
rechts: Rittmann, Doderer: Ariano di Puglia, 07.08.1930 (Hs_0625a-0001-016)

Perret, F. A.: Etna, Bomba dalla bocca no. 7;  quarzito ricoperto di lava nuova (grandezza naturale), 1910-11 (Hs_0625a-0002-002)

Friedländer, Immanuel: Fiji 1907 (Hs_0625a-0003-025)

 

Friedländer, Immanuel: Milos, Lolliu to Avlaki, 1923 (Hs_0625a-0004-074)

Das von Immanuel Friedländer (1871-1948) gegründete Vulkan-Institut in Neapel war von 1914 bis 1934 in Betrieb. Nach dessen Schliessung erhielt die ETH Zürich die Bibliothek des Vulkan-Instituts, die Foto- und Grafiksammlung sowie die Sammlung vulkanischer Gesteine im Jahr 1935 geschenkt. Die 8‘900 Fotografien aus den Vulkangebieten der Erde (ca. 1900-1935) befinden sich im Bildarchiv der ETH-Bibliothek, eine Auswahl von 800 Bildern ist nun digitalisiert und online über BildarchivOnline recherchierbar, darunter folgende Studienreisen und Bildserien: Erdbeben Irpinia, 23. Juli 1930; Bomben und andere Lavaprodukte, ca. 1910-11; Fiji, Samoa, Tonga 1902-1907; Milos, Kimolos, Polibos, Antimilos, 1923. Weitere Bilder sind in Vorbereitung.

Das Gesamtverzeichnis der Fotografien ist ebenfalls online.

 

 

01.08.2011

Das Rütli – ein Mythos im Bild

Filed under: Bestände,Bildarchiv — Michael Gasser @ 7:00

Postkarte Rütli und die Mythen. Zürich: Edition Photoglob, 1918 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_000205-RE)

Postkarte Rütli. Blick auf die Mythen. E.Goetz, ca. 1950 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_04906)

Spätestens seit 1859 die Schweizerischen Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) die Rütli-Wiese dank einer Sammelaktion kaufte und der Schweizerischen Eidgenossenschaft schenkte, gehört dieser Ort zum 1. August wie die Nationalhymne, die Schweizerfahne und die obligate Festrede. Immer wieder wurde das Rütli als mythischer Ort des Bundessschwurs von 1291 zum Kristallisationspunkt nationaler Symbolik. Im Zweiten Weltkrieg versammelte General Guisan dort die Armeespitze zum berühmten Rütlirapport (25. Juli 1940). In jüngerer Zeit machte das Rütli vor allem im Zusammenhang mit Störaktionen der 1. August-Feierlichkeiten durch Rechtsextreme von sich reden.

Einen wichtigen Beitrag zur Festigung und Verankerung des Rütlis als nationales Symbol leisteten bildliche Darstellungen. Die SGG selbst liess nach dem Kauf des Rütlis davon einen Kupferstich erstellen, der in grosser Auflage an Schulkinder verteilt wurde. Das Rütli wurde aber auch bald zu einem beliebten Postkartenmotiv. Der Blick über das Rütli auf den Urnersee und die dahinter liegenden Mythen lieferte das perfekte Motiv für die „Wiege der Schweiz“. Dafür sind die oben gezeigten Postkarten aus den Beständen des Bildarchivs der ETH-Bibliothek aussagekräftige Beispiele.

Literaturhinweis:
Kreis, Georg. Mythos Rütli – Geschichte eines Erinnerungsortes. Zürich, 2004

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