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25.03.2011

Das erste Lehrbuch der Chemie: Andreas Libavius‘ Alchemia (Frankfurt, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Chemie und Pharmazie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Zuweilen ist es nicht nur von Vorteil, die Erstausgabe eines wichtigen Werkes zu besitzen: Während die zweite und letzte Ausgabe von 1606 mit dem leicht abgeänderten Titel Alchymia reich illustriert ist, präsentiert sich die extrem seltene Alchemia von 1597 als ein nüchternes Textbuch ohne Abbildungen.

In der eigentlichen Übergangszeit von der mittelalterlichen Alchimie zur wissenschaftlichen Chemie schuf Andreas Libavius (1555-1616) mit seiner Alchemia das erste Lehrbuch der Chemie im modernen Sinn. Sein Verdienst liegt darin, dass er das gesamte bisher bekannte chemische Wissen systematisch zusammentrug. Die Quellen, die er hauptsächlich auswertete, können in drei Stränge aufgeteilt werden: Erstens die seit Urzeiten aus Empirie entstandene Rezeptliteratur (Verfahren der praktischen Chemie), zweitens die aus dem griechischen Rationalismus erwachsene „theoretische Chemie“ und drittens die alchemistische Literatur im engeren Sinn (Umwandlung der Metalle). Letztere behandelte er nicht wie viele seiner Vorgänger als Geheimwissenschaft, denn als Pädagoge und Humanist glaubte er an die Vermittelbarkeit des chemischen Wissens.

Links:

Alchemia (Frankfurt, 1597) im Bibliothekskatalog NEBIS (nicht ausleihbar): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002249296. Das Werk ist zusammengebunden mit Commentationum metallicarum libri quatuor (Frankfurt, 1597).

Alchemia (Frankfurt, 1597) online bei e-rara.ch: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-4600

Eine deutsche Übersetzung basierend auf der zweiten Ausgabe von 1606 (mit Abbildungen) wurde 1964 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker herausgegeben: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002140328

Erstausgabe der Alchemia digital bei der SLUB Dresden: http://digital.slub-dresden.de/id279696132.

17.03.2011

Lessons Learned? Nukleare Unfälle als Katalysatoren energiepolitischer Diskussionen

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände — Tags: — Michael Gasser @ 19:00

Prospekt zum Bau des Versuchsreaktors von Lucens, in dem es im Januar 1969 zum Atomunfall kam (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, ARK-NGA-Vr:6.2)

Wie die gegenwärtigen Ereignisse in Japan zeigen, stellen schwere Atomunfälle zunächst einmal eine grosse Gefahr für die direkt betroffene Bevölkerung dar. In der unmittelbaren Krisenbewältigung steht deren Schutz im Zentrum. Darüber hinaus legen aber Unfälle dieser Art auf dramatische Weise die Grenzen der Beherrschbarkeit der zivilen Anwendung von Atomkraft offen. Sie führen deshalb unweigerlich zu einer international geführten Grundsatzdebatte über die Nutzung von Atomkraft. Welche Lehren aus einem Atomunfall zu ziehen sind, ist allerdings vom jeweiligen Standpunkt abhängig. Während Atomgegner vehement den Ausstieg aus der Atomenergie fordern, plädieren Betreibergesellschaften und die Energieindustrie für verschärfte Standards und Kontrollen beim Bau und Betrieb von AKWs.

Im Gegensatz zu Japan, wo offenbar diese Grundsatzdebatte erst jetzt in Gang kommt, blickt die Schweiz bereits auf eine längere Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Atomkraft zurück. Lange vor Three Mile Island oder Tschernobyl trug auch hierzulande ein – allerdings vergleichsweise kleiner – nuklearer Unfall wesentlich zur Entzauberung der Atomkraft als saubere Energiequelle bei. Am 21. Januar 1969 kam es in dem nur ein Jahr zuvor in Betrieb genommenen Versuchsatomkraftwerk Lucencs (Kanton Waadt) zur Explosion eines der Brennelemente, was zur partiellen Kernschmelze führte. Dank der getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und der geringen Leistung des Versuchsreaktors kam es zu keiner gefährdenden Verstrahlung der Umgebung. Trotzdem bedeutete der Unfall das Aus für die Versuchsanlage, die von der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik (NGA) errichtet worden war.

Die Hintergründe des bislang grössten nuklearen Unfalls der Schweiz und seine Auswirkungen auf die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um die Verwendungen von Atomkraft, die im Scheitern des AKW-Projekts Kaiseraugst in den 1970er-80er Jahre einen vorläufigen Höhepunkt erreichten, wurden verschiedentlich aufgearbeitet (z.B. Wildi, Tobias. Der Traum vom eigenen Reaktor: Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. Zürich, 2003 oder die virtuelle Ausstellung “Der Traum vom Schweizer Reaktor” der ETH-Bibliothek). In den Archiven und Nachlässen findet sich im „Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz“ reichhaltiges Quellenmaterial zur dieser energiepolitischen Diskussion. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek hat ergänzend dazu in seine Beständen zahlreiche (Luft-)Bilder, die den Bau Schweizer AKWs dokumentieren. Benutzen Sie zur allgemeinen Recherche das Wissensportal der ETH-Bibliothek.

11.03.2011

Reisekarten

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: — Susanne Hofacker @ 8:00

Panorama vom Gottschalkenberg, 1886                           Reisekarte von Graubünden, 1944

USA, 1964/65                                                                        Alpen, ca. 2002

Seit Ende des 18. Jahrhunderts begab sich eine wachsende Zahl (männlicher) Angehöriger eines frühen, vermögenden Bürgertums auf Reisen zu Bildungszwecken oder zum Vergnügen, was einen Bedarf an ersten Reisekarten auslöste. Das Gelände dieser Karten wurde bewusst einfach dargestellt, im Zentrum des Interesses standen vielmehr Informationen zu religiösen Stätten, Sehenswürdigkeiten und zum Wegnetz.

Mit dem Aufschwung des Alpinismus Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Ruf nach Karten in einem grösseren Massstab und einer detaillierteren Geländedarstellung. Reliefkarten mit Höhenlinien, farbigen Höhenschichten und Reliefschattierung deckten diese Bedürfnisse zunehmend ab.

Eine Vielfalt an Exkursionskarten und Panoramen, die als Souvenirs verkauft wurden, zeugen von der Blütezeit des Tourismus in der Schweiz  vor dem ersten Weltkrieg.

In der Nachkriegszeit setzte der Massentourismus ein, begünstigt durch die rasche Entwicklung des Strassennetzes und der Erschwinglichkeit von Autos. Strassenkarten, wie wir sie bis heute kennen,  wurden zu wichtigen Reisekarten.

Reisekarten dokumentieren kartographische und kulturelle Entwicklungen gleichermassen. Sie geben zum Beispiel Auskunft über den Ausbau des Verkehrsnetzes, bevorzugte Ausflugsziele und Sportarten im Laufe der Zeit.

An der Abendführung  der Kartensammlung der ETH-Bibliothek wird eine Auswahl an Reisekarten der letzten 200 Jahre gezeigt.

Abendführung: 22. März 2011, 18.15 – 19.15 Uhr, Lesesaal Spezialsammlungen

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

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