Logo Ethbib Spezialsammlungen Digital

25.02.2011

Albert Einsteins Korrespondenz mit Jakob und Emma Ehrat

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände — Michael Gasser @ 8:00

Bislang unveröffentlichte Postkarte Albert Einsteins an Jakob Ehrat vom Dezember 1911 (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 1509:4)

Die ETH-Bibliothek erhielt kürzlich aus Privatbesitz die Korrespondenz zwischen Albert Einstein (1879-1955) und seinem Studienfreund Jakob Ehrat (1876-1960) bzw. dessen Mutter Emma Ehrat-Ühlinger. Der Schaffhauser Ehrat lernte Einstein 1897 im Studium an der Schule für Fachlehrer in mathematisch und naturwissenschaftlicher Richtung des Eidgenössischen Polytechnikums (heute ETH Zürich) kennen. Im Unterschied zu Einstein erhielt Ehrat nach dem 1900 abgeschlossenen Studium eine Assistenzstelle am Polytechnikum. Einstein trat 1902 eine Stelle beim Patentenamt in Bern an.

Die erhaltenen sechs Schriftstücke sind privaten Inhalts und zeigen, dass der Kontakt auch über das Studium hinaus bestehen blieb. Die Korrespondenz setzt 1903 mit einem Disput zwischen Einstein und Emma Ehrat ein, der Einsteins studentensprachliche Wendung „grüsse deine alte Frau“ (für: „grüsse deine Mutter“) in den falschen Hals geraten war. Sie setzt sich 1909 mit einem Dankesschreiben Einsteins an die Ehrats für „einen gemütlichen Unterschlupf“ fort. Es folgen Briefe Einsteins an Ehrat mit Angaben zu einer für den Sommer 1910 geplanten gemeinsamen Reise sowie Kontaktangaben für eine mögliche Zimmermiete bei einer Bekannten in Winterthur. Nach einem längeren Unterbruch endet die Korrespondenz 1952 mit einem Brief Einsteins aus Princeton.

Die Einstein-Ehrat Korrespondenz ist grösstenteils ediert. Einzig die oben abgebildete Postkarte war bislang unveröffentlicht. Gemäss einem Hinweis von Barbara Wolff des Albert Einsteins Archives, Jerusalem, schickte sie Einstein zwischen dem 16. und 19. Dezember 1911 aus Prag, wo Ehrat zusammen mit der Familie Einstein Weihnachten feierte. Unmittelbar vor einem Kurzaufenthalt in Zürich kündigte Einstein Ehrat mit der Postkarte die gemeinsame Zugreise nach Prag an:

Lieber Ehrat
Freitag Abend (mit dem Nachtzug ca 11 Uhr) fahren wir zusammen von Winterthur nach Prag. Du triffst mich im Zuge, oder ich suche Dich schon früher auf deiner Bude auf. Beste Grüsse an Dich u Deine Mutter
Dein Einstein

Sämtliche übernommenen Schriftstücke der Einstein-Ehrat Korrespondenz wurden in das bestehende Einstein Online Angebot integriert und sind dort zusammen mit vielen weiteren Dokumenten aus den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek von und zu Albert Einstein als PDF-Dokumente frei zugänglich.
Für die Edition der Einstein-Ehrat Korrespondenz siehe Collected Papers of Albert Einstein, Bd. 5 (S. 19-21, 158-59, 183-84) und Bd. 8 (S. 9-10) bzw. Wipf, Hans Ulrich, “Jakob Ehrat und Albert Einstein. Skizze einer Freundschaft,” Schaffhauser Mappe (1973), S. 29-30.

18.02.2011

Brauchtum in der Schweiz

Filed under: Bestände,Bildarchiv — Nicole Graf @ 17:59

Altstätten : Rölleliputzen (Fastnacht). Comet Photo AG, Zürich, 1982. Diapositiv (Com_LC2112-1)

Dieser Tage beginnt die Fasnacht in den verschiedenen, vor allem katholischen Regionen der Schweiz. In der Regel beginnt die „fünfte Jahreszeit“ am schmutzigen Donnerstag und endet am Fasnachtsdienstag. Ende des Karnevals ist der Aschermittwoch und die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern beginnt damit. Bekannteste Ausnahme ist die grösste Fasnacht der Schweiz, die Basler Fasnacht. Sie beginnt am Montag nach Aschermittwoch um 4:00 Uhr mit dem „Morgestraich“ und dauert exakt 72 Stunden.

 

Masken in Urnäsch (Kanton Appenzell Ausserrhoden AR). Silvesterchlausen. Comet Photo AG, Zürich, 1992. Diapositiv (Com_LC1471-2-01)

Ein weiterer Brauch ist das Silvesterchlausen in Urnäsch, Kanton Appenzell Ausserrhoden. Der Brauch feiert die Jahreswende einmal nach dem aktuellen gregorianischen Kalender und einmal nach dem alten julianischen Kalender. Am 31. Dezember und am 13. Januar (Alter Silvester) ziehen die Silvesterkläuse noch heute mit ihren Schellen in Schuppeln (kleinen Gruppen) singend und “zauernd” (ein Naturjodel) von Haus zu Haus, um ein gutes Jahr zu wünschen.

Zürcher Sechseläuten : Böögg. Comet Photo AG, Zürich, 1982. Diapositiv (Com_LC1000-20-04)

Die Stadt Zürich kennt mit dem Sechseläuten und der Verbrennung des Bööggs einen weiteren ortsspezifischen Brauch, der die Vertreibung des Winters am dritten Montag im April feiert. Der Böögg, ein künstlicher Schneemann, wird pünktlich um 18 Uhr angezündet. Je schneller der mit Feuerwerkskörpern gefüllte Böögg den Kopf verliert, desto schöner soll anschliessend der Sommer werden. Im Zürcher Sechseläuten verbinden sich brauchtümliche Elemente der Fastnacht und der Frühlingsfeste mit den Umzügen der Zürcher Zünfte.

Die Bilder sind Bestandteil des Archivs der Fotoagentur Comet Photo. Sie sind in digitaler Form über das Wissensportal oder das Bildarchiv online öffentlich zugänglich

12.02.2011

Charles Darwin und der Sonnentau

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Christine Verhoustraeten @ 7:00

Die Abbildung zeigt ein Blatt von Drosera rotundifolia, welche von seinem Sohn George Darwin gezeichnet wurde. An der Spitze der Auswüchse, Tentakel genannt, befinden sich Drüsenköpfchen, die einen klebrigen Fangschleim produzieren.

Man kennt Darwin als den Vater der Evolutionstheorie. Auch die Veranstaltungen am internationalen Darwin Day, http://www.darwinday.org/, die alljährlich am 12. Februar zum Gedenken an Darwins Geburtstag begangen wird, kreisen meist um evolutionstheoretische Themen. Doch Darwin hatte einen grossen Bezugspunkt zur Botanik. Er publizierte sieben grosse botanische Werke, die sich mit den Themen der Bewegung, Blütenbiologie, Kreuz- und Selbstbefruchtung, Blütenformen und Karnivorie befasste.

Zum ersten Mal stiess Darwin 1860 auf karnivore Pflanzen und hielt diese Begegnung im Buch Insectivorous Plants fest (Ein Exemplar der Erstausgabe von 1875 befindet sich im Bestand der Alten Drucke unter der Signatur Rar 02):” During the summer of 1860, I was surprised by finding how large a number of insects were caught by the leaves of the common sun-dew (Drosera rotundifolia) on a heath in Sussex. I had heard that insects were thus caught, but knew nothing further on the subject.”

Karnivore Pflanzen stellen eine besondere Form von Pflanzen dar. Sie können Tiere fangen, verdauen und aufnehmen, um sich auf nährstoffarmen Böden wie z.B. Mooren mit Mineralstoffen zu versorgen. Darwin führte viele Experimente am Sonnentau (Drosera) durch und erkannte die Wichtigkeit der Tiere als zusätzliche Nährstoffquelle für die Pflanze. Seine Forschungsergebnisse stellte er im Buch Insectivorous Plants zusammen.

Warum sich Darwin mit dieser speziellen Pflanzenform befasste, kann nur spekuliert werden. Anscheinend waren es vor allem die pflanzenuntypischen, „tierhaften“ Merkmale wie Reizbarkeit, Bewegung und Verdauung, die sein Interesse weckten, und weniger der Umstand, dass Tiere in den Fallen zu Tode kamen (Stöcklin und Höxtermann, 2009, Darwin und die Botanik).

Obwohl Darwin nicht der erste Naturforscher war, der sich mit karnivoren Pflanzen beschäftigte, kann er zurecht als Vater der Karnivorenforschung betrachtet werden. „Darwin was one of the pioneers of work on the physiology of carnivorous plants.” (Heslop-Harrison, 1978, Carnivorous plants, Scientific American 238:104-115)

09.02.2011

Stoff für einen Kriminalroman: Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae (Hanau, 1609)

Filed under: Alte Drucke,Chemie und Pharmazie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Es liegt in der Natur der alchemistischen Schriften, dass sie schwer zugänglich und verständlich sind. Noch dazu haben solche Drucke oftmals eine obskure Editionsgeschichte. In besonderem Mass trifft dies auf Heinrich Kunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae zu. Wie Umberto Eco schreibt, ist die posthum erschienene Hanau-Ausgabe dieses Werkes eine unter vielen aber weitaus die bekannteste. Der Deutsche Arzt, Alchemist und Kabbalist Heinrich Khunrath (1560-1605) gab den Druck bereits 1595 in kleiner Auflage vermutlich in Hamburg für einen engen Kreis von Eingeweihten heraus. Während die spätere Hanau-Ausgabe heute in mehreren Bibliotheken und Sammlungen vorhanden ist, ist die Erstausgabe mit nur gerade zwei bekannten Exemplaren sehr rar.

Die Exemplare der Hanau-Ausgabe sind keineswegs alle gleich gebunden. Bei vielen fehlen einzelne Tafeln und deren Anordnung im Text variiert von Exemplar zu Exemplar:

Lorsqu’on signale à un collectionneur un exemplaire de l‘ Amphitheatrum, sa première question est: y-a-t-il la planche avec la chouette? (Appelée aussi orfraie). Ensuite même question pour la planche avec les ennemis (Eco, S. 18).

Die Tafel mit der Eule, die Eco hier anspricht, fehlt im Exemplar der ETH-Bibliothek tatsächlich, während die offenbar eher seltene Tafel der „Feinde“ – dieser erstaunliche J.J. Grandville „par anticipation“ – vorhanden ist:

Tafel „Feinde“ (Khunrath umgeben von seinen Feinden, die in Grandville‘ scher Manier als Vögel und Insekten dargestellt sind)

Selbst ein gewiefter Bücherwurm wie Eco bekundet seine liebe Mühe mit der Vielzahl von verschiedenen Ausgaben des Amphitheatrum. So gibt es nicht nur verschiedene Kollationen der Hanauer und Hamburger Ausgaben, sondern auch mehrere Phantome, die zwischen und nach diesen Ausgaben in den Katalogen und in der Literatur herumgeistern. Im kriminalistischen Stil, wie wir ihn von Il Nome della Rosa her kennen, versucht Eco schliesslich, die Verwirrung aufzulösen: 1595 möchte der gute Khunrath seine Karriere mit dem Amphitheatrum krönen und lässt die runden Platten schneiden. 1598 ist er schon so weit, dass er um das königliche Druckprivileg anfrägt. 1602, schreibt und datiert er den Epilog und lässt die Titelseite gravieren – dies um Zeit zu gewinnen. In den drei Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1605 gibt er Instruktionen für die Herstellung der rechteckigen Tafeln. 1605 tritt sein Freund Erasmus Wolfart auf den Plan und gibt das Werk in den Druck – es erscheint 1609 mit entsprechendem Kolophon. Hier passiert nun das Entscheidende: A) Der Drucker Guillaume Antoine bindet seine Ausgabe mit allen bereits existierenden Tafeln und fügt das mit 1602 datierte Titelblatt hinzu. Auf diesen Moment hat der gerissene Buchhändler von Magdeburg Levinus Brauns nur gewartet, denn er sitzt bereits seit 1608 auf einem Stapel von Titelblättern, die mit 1608 datiert sind, und die er nun in seine Lieferung der 1609er Ausgabe einfügt und diese sozusagen „vordatiert“, um den drohenden Verlust des königlichen Druckprivilegs abzuwenden. Oder Hypothese B): Levinus Brauns ist der tatsächliche Auftraggeber und sonst irgend ein Schlitzohr missbraucht die Exemplare aus Hanau, indem er sie sie mit dem Titelblatt von 1602 zirkulieren lässt.

Wie auch immer das gewesen sein mag, ist damit die Diversität der Hanauer Ausgabe noch nicht geklärt. Wie kommt es, dass in einigen Hanauer Exemplaren die Eule und wieder in anderen die Tafel mit den „Feinden“ fehlt? Weshalb erscheinen die Tafeln derselben Ausgabe in verschiedener Reihenfolge? Eco kommt zum Schluss, dass wahrscheinlich jedes Exemplar der Hanau-Ausgabe ein Unikat ist. Die 16 Exemplare, die er vergleicht, weisen alle eine andere Abfolge der Tafeln auf. Eine Überprüfung unseres Exemplars zeigt, dass auch hier die Tafeln in einer Sequenz auftreten, die in keinem anderen Exemplar zu finden ist. Auch unser Exemplar mit der Reihenfolge „Titelblatt, Porträt, Feinde, Christus, Adam, Rebis, Laboratorium, Designatio Pyramidum, Porta Amphitheatri, Adumbratio Gymnasii, Hypotyposis Arcis, (Eule fehlt)“ darf somit als weltweit einzigartig gelten.

Titelblatt

Porträt

Feinde

Christus

Adam

 Rebis

 

Laboratorium

Designatio Pyramidum

Porta Amphitheatri

Adumbratio Gymnasii

Hypotyposis Arcis

Links:

Khunraths Amphitheatrum im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004980521

Umberto Eco: L’énigme de la Hanau (Paris, 1990): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001127257

03.02.2011

Sturm im Reagenzglas um das Element Frau: Die erste Assistentin am Eidgenössischen Polytechnikum

Petition der Studierenden für Marie Baum 1898 (ETH-Bibliothek, Archive, SR2:1898/65)

Am 7. Februar jährt sich zum 40. Mal die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, Grundlage und Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter auch in Bildung und Beruf. Gut hundert Jahre früher hatte sich die erste Studentin am Eidgenössischen Polytechnikum  für das Wintersemester 1871/72 eingeschrieben, der bald weitere folgten. Der Schulratspräsident bemerkte dazu 1873:

„In neuerer Zeit musste […] die Frage entschieden werden, ob Damen als reguläre Schülerinnen Zutritt haben sollen. Die Behörden haben die Frage einstweilen bejaht. […] Bis jetzt haben sich hieraus keinerlei Störungen ergeben. Immerhin behalten sich Lehrerschaft und Behörden vor, sei es, dass der Zudrang sich mehrte, sei es, dass Inkonvenienzen für die Schule sich ergeben würden, diese Frage in wiederholte Erwägung zu ziehen.“

Der „Zudrang“ von Studentinnen blieb die nächsten Jahrzehnte gering. Doch plagten Lehrer und Behörden sich plötzlich mit  „Inkonvenienzen“ ganz anderer Art.

Am 31. Juli 1897 beantragte nämlich Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, in einem kurzen Schreiben an den Präsidenten, die auf den 1. Oktober 1897 frei werdende Stelle als I. Assistent am chemisch-analytischen Laboratorium mit der soeben erfolgreich diplomierten Marie Baum zu besetzen.

Marie Baum, geboren am 23. März 1874 im preussischen Danzig, war das dritte von sechs Kindern eines Chirurgen und einer in der Frauenbewegung engagierten Mutter. Im Herbst 1893 erwarb sie die Matura in Zürich und schrieb sich am Polytechnikum in der Abteilung für Fachlehrer ein. Im Wintersemester 1895 vertrat sie sechs Wochen lang den wegen Militärdienst abwesenden Assistenten des chemisch-analytischen Laboratoriums. Im Sommer 1897 erhielt sie das Diplom als Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, das sie befähigte an Mittelschulen zu unterrichten.

Der Präsident bestätigte am 6. August 1897 den Eingang von Bambergers Antrag. Zwar werde weder er noch der Schulrat sich grundsätzlich gegen die Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen, doch habe er Bedenken, dass Fräulein Baum und die Behörden in Schwierigkeiten geraten könnten, auch wenn im Versuch 1895 solche nicht eingetreten seien. Der Schulrat würde wohl das Wagnis nur dann eingehen, wenn der bisherige Assistent nicht zurückgehalten oder  kein geeigneter männlicher Ersatz gefunden werden könne. Bamberger konnte oder wollte weder das eine noch andere bewerkstelligen.

Der Präsident musste pflichtgemäss am 12. August 1897 den Schulratskollegen Bambergers Antrag unterbreiten: „Es tritt demnach der etwas ungewöhnliche Fall ein, dass eine Dame zum Assistenten vorgeschlagen wird“. Wenn weibliche Studierende einmal zugelassen seien und das Studium mit Erfolg abgeschlossen hätten, könne ihnen jedoch eine Bewerbung um eine Assistentenstelle nicht „verkümmert“ werden. Die in schriftlicher Form erbetenen Stellungnahmen sind nicht erhalten, wurden womöglich gar nicht eingereicht. Das mündliche Echo war offenbar so wenig ermutigend, dass Bamberger auf Wunsch des Präsidenten am 21. September 1897 seinen Antrag zurückzog und anscheinend tatsächlich den bisherigen Chemieassistenten zum Bleiben aufforderte. Denn erst am 4. Oktober 1897 reichte dieser „in Übereinkunft mit Prof. Bamberger“ ein schriftliches Entlassungsgesuch ein, obwohl er laut den bisher kursierenden Schriften bereits Ende September die Stelle hatte verlassen wollen.

Am Tag darauf, dem 5. Oktober 1897, kam Bamberger auch im Namen seines Kollegen Frederic Pearson Treadwell, Professor für analytische Chemie, in einem fünfseitigen Schreiben an den Präsidenten auf seinen Antrag vom Juli zurück, ohne den Rückzug im September zu erwähnen. Während der Stellvertretung 1895 für den damaligen Assistenten habe Marie Baum neben vortrefflichen Kenntnissen einen „so feinen Takt in der Behandlung der ihr unterstellten Studenten“ gezeigt, „dass jede Befürchtung, ihre Eigenschaft als Dame könne zu Missständen führen, verstummen musste“. Er und Kollege Traedwell hätten daher den Wunsch gehabt, sie nach ihrer Diplomierung als Assistentin zu verpflichten. Der bisherige Stelleninhaber sei nur als provisorische Besetzung gedacht und damit einverstanden gewesen. Inzwischen habe Marie Baum ein Lehrangebot aus Amerika erhalten, weshalb er, Bamberger, beim Präsidenten und Vizepräsidenten die Erlaubnis eingeholt habe, ihr die Assistenz am Laboratorium in Aussicht zu stellen. Daraufhin habe sie die amerikanische Offerte abgelehnt. Der Präsident habe erst in seiner Antwort auf Bambergers Antrag im Juli Bedenken geäussert. Marie Baum sei übrigens unbemittelt und hätte gehofft, mit der Assistenzstelle ihre Mutter finanziell entlasten zu können. Für den bisherigen Assistenten dagegen sei gesorgt, da Georg Lunge, Professor für technische Chemie, ihn als Privatassistenten übernehme.

Die Zeit drängte, am 11. Oktober 1897 begann das Studienjahr, am 19. Oktober 1897 der Semesterbetrieb, jemand musste die Übungen im chemisch-analytischen Laboratorium leiten und überwachen, eine dazu geeignete männliche Kraft war weiterhin nicht greifbar. Da verfügte der Präsident am 21. Oktober 1897 die provisorische Anstellung von Marie Baum „bis der Schulrat einen bestimmten Beschluss gefasst haben wird“. Dieser lehnte am 6. Januar des folgenden Jahres den Antrag Bambergers ab mit der Begründung:

“Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, so lange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen. Er glaubt, dass dieses doch auf nächstes Semester möglich sein sollte”

Deshalb beauftragte er Bamberger, bis zu Ostern einen männlichen Ersatz, möglichst einen Schweizer Staatsbürger, zu suchen.

Nun erhielten Bamberger und Baum von Albert Heim, Professor für Geologie und Vorstand der Abteilung Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, Unterstützung. In einem unverblümten Brief an Bamberger vom 17. Januar 1898 bemerkte er, wenn die mögliche Ablehnung durch den Bundesrat der einzige Grund sei, Marie Baums Kandidatur zurückzuweisen, zeuge das von mangelndem Vertrauen in die Oberbehörde, die schliesslich nicht kleinlicher entscheiden könne als der Kanton Zürich, der längst mit grossem Erfolg Assistentinnen an der Universität anstelle, beispielsweise die ehemalige Polytechnikumsschülerin Marianne Plehn. Dann lobte er Marie Baums Lehrfähigkeiten sowie ihren positiven Einfluss auf Umgangsformen und Fleiss der Studenten, die einer Dame gegenüber sich keine Blösse geben wollten. Der Bundesrat könne nicht einem längst widerlegten Vorurteil zuliebe sich mit einer minderwertigen Lösung begnügen wollen, wenn er die beste haben könne. Weiter kritisierte er die nicht eingehaltenen Zusagen der Schulräte. Überdies entstehe bei einer Entlassung von Baum der falsche Eindruck, sie habe versagt, was ihr bei der weiteren Stellensuche schaden könne.

Diesen Brief legte Bamberger seinem eigenen Schreiben vom 21. Januar 1898 an den Schulrat bei, in welchem er die Argumente hervorragende Lehrbefähigung, positiver Einfluss auf die Studenten, gemachte und nicht eingehaltene Zusagen, mögliche Rufschädigung und den Hinweis auf die Anstellung von Assistentinnen im Kanton Zürich wiederholte, allerdings ohne Heims unverhohlene Deutlichkeit gegen fadenscheinige Ausflüchte. Gleichzeitig ging am 21. Januar eine von 54 Studenten unterzeichnete Petition „um Beibehaltung unseres jetzigen Assistenten Fräulein Baum“ bei der Schulbehörde ein.

Der Schulrat, dessen Argumente durchschaut oder vorsorglich durchkreuzt worden waren – die Existenzsorge um den bisherigen Assistenten oder die möglicherweise unwilligen Studenten konnte er nicht mehr vorschieben – , reichte darauf die Angelegenheit an die letztinstanzliche Bewilligungsbehörde, den Schweizerischen Bundesrat weiter. Dieser antwortete am 15. Februar 1898,

„dass wir, ohne für jetzt auf die grundsätzliche Frage, ob weibliche Personen Assistentenstellen am eidg. Polytechnikum bekleiden können einzutreten, kein Hindernis dagegen erblicken, dass Fräulein Baum von Danzig eine Assistentenstelle am chemisch-analytischen Laboratorium, auf die sie aspiriert, erhalte“.

Den Auftrag, die grundsätzliche Frage zu klären, übertrug er dem Eidgenössischen Departement des Inneren.

Auf diesen Bescheid gestützt ernannte der Schulrat des Polytechnikums mit drei Stimmen gegen eine bei zwei Enthaltungen Marie Baum am 19. Februar 1898 zur Assistentin am chemisch-analytischen Laboratorium für ein Jahr. Damit war sie nicht nur die erste Chemiassistentin, sondern die erste Assistentin am Polytechnikum überhaupt.

1899 verliess sie das Polytechnikum. Der Sturm im Reagenzglas war vorbei. Die Grundsatzfrage „Frauen auf Assistenzstellen“ war immer noch nicht geklärt. Ihr Nachfolger erhielt, wie schon ihr Vorgänger, eine unbefristete Anstellung.

Quellen:

Zitat des Präsidenten 1873 in: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich. Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich 2005, S. 115.

Alle anderen Informationen zu Professoren und Behörden stammen aus dem historischen Schulratsarchiv in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek , gegliedert in die Schulratsprotokolle und Präsidialverfügungen (SR3), eingegangene Schreiben („Akten“: SR2) und Kopien verschickter Schreiben („Missiven“: SR1).

Links:

Zum Leben von Marie Baum

Werke von Marie Baum finden sich im Wissensportal der ETH-Bibliothek

Powered by WordPress