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26.11.2010

PD Dr. Johann Barbieri am Photographischen Institut der ETH Zürich

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Chemie und Pharmazie — Nicole Graf @ 14:52

Barbieri, Johann: Seegfrörni, 1891. Fotoabzug, 7,5 x 11 cm (Ans_00476)

Im Wintersemester 1869 wurde an der Eidgenössischen Polytechnischen Schule in Zürich erstmals Fotografie an der Freifächerabteilung unterrichtet. Der erste Dozent PD Dr. Karl Tuchschmid (1847-1883) hielt Vorlesungen zur Fotochemie und bot fotografische Praktika an (1869-1872). Sein Nachfolger PD Dr. Werner Schmid (1841-1900) las lediglich von 1877-1878/79 experimentelle Fotochemie. Nach dem Weggang Schmids las ab Sommersemester 1880 PD Dr. Johann Barbieri (1852-1926) „Photographie (gratis), 1 Stunde“. Die ersten Vorlesungen und Übungen wurden wahrscheinlich im Gebäude der Land- und Forstwirtschaftlichen Schule gehalten, wo Barbieri als Assistent am agrikulturtechnischen Laboratorium wirkte und in dem er auch einige Zeit wohnte. Mit der Übersiedelung ins neue Chemiegebäude 1886 entstand dann auch das Photographische Institut. Bis 1902 betreute Barbieri das Institut allein, dann erhielt er einen Institutsdiener, der sich allmählich zum Gehilfen entwickelte. Im Jahr 1916 zog die Fotografie in das neu errichtete Naturwissenschaftliche Gebäude an der Sonneggstrasse ein.

Barbieris Vorlesungen zu Themen wie Photogrammmetrie oder Farbenfotografie seien oft anregend und mit humorvollen Äusserungen gewürzt gewesen. Er als Praktiker legte grossen Wert auf die praktische Ausübung der Fotografie. So hatte er Freude an fotografischen Experimenten und „Scherzen“, wie dies seine Neujahrskarten zeigen: mittels Doppelbelichtung inszenierte er sich – augenzwinkernd – als “feindliche” Brüder (Portr_11379 und Portr_11380). Bis zu seinem Tod 1926 hatte er 50 Jahre an der ETH Zürich gewirkt, davon 46 Jahre als Dozent der Fotografie.

Die Aufnahme der Seegfrörni zeigt schon fast in poetischer Weise Schlittschuläufer auf dem gefrorenen Zürichsee im Jahr 1891. Ein zoombares Bild ist im BildarchivOnline verfügbar. Insgesamt sind sechs Bilder zur Seegfrörni von Johann Barbieri im Bildarchiv vorhanden.

Quelle: Rüst, Ernst (1951): Die Photographie an der Eidg. Technischen Hochscule und ihre Vertreter 1869-1945. In: Schweizerische Photo-Rundschau, Nr. 14, S. 262-69.

19.11.2010

Jean Chappe d‘Auteroche: Voyage en Sibérie (Paris, 1768)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Soziologie, Ethnologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Tafel 16: Femme Samoyède

Der französische Astronom Jean Chappe d’Auteroche (1728-1765) wurde 1759 als Nachfolger von Joseph Lalande in die Académie des sciences gewählt. Diese beauftragte ihn, den Venustransit von 1761 in Sibirien zu beobachten. Im November 1760 brach Chappe von Paris auf und reiste trotz Schwierigkeiten mit dem Pferdeschlitten von St. Petersburg nach Tobolsk, wo er mit seinen Instrumenten am 10. April 1761 eintraf. Es wurde ein kleines Observatorium errichtet, von dem aus er am 6. Juni das Phänomen beobachten und aufzeichnen konnte.

Nach seiner Rückkehr in Paris im August 1762 hielt er seine Reiseeindrücke schriftlich fest und gab diese 1768 unter dem Titel Voyage en Sibérie  heraus. Der Reisebericht enthält zahlreiche Einzelheiten über Kultur und Politik im Russischen Reich, wobei Chappe das negative Bild der Zeit wiedergab oder gar noch verstärkte. Kaiserin Katharina II. von Russland fühlte sich daraufhin veranlasst, eine Widerlegung unter dem Titel Antidote ou Examen du mauvais livre intitulé: Voyage…, etc. (St. Petersburg, 1770-71) zu publizieren. Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort spricht die Zarin eine deutliche Sprache:

Je vous promets bien des démentis, M. l’abbé Chappe, et je prouverai ce que je dirai, sur les faits propres à répandre du jour que vous osez avancer autant d’inexactitude que de verbiage; car il faut en convenir, les trois quarts de votre livre ne sont que du babil rempli d’animosité.

Die erzürnte Regentin verspricht Chappe eine beweiskräftige Widerlegung seines Berichts und macht keinen Hehl daraus, dass sie seine Behauptungen als ein durch Feindseligkeit geprägtes Geplapper betrachtet. Dazu bemerkt Hélène Carrère d‘Encausse in ihrer kürzlich erschienen Untersuchung der Polemik, dass Chappes Darstellung der Russen zwar nicht gerade wohlwollend sei. Immerhin gehöre ihm aber der Verdienst, ihre Lebensbedingungen und Sitten äusserst präzise beschrieben zu haben.

Links:

Voyage en Sibérie im Bibliothekskatalog NEBIS

Literatur zum Streit zwischen Jean Chappe d’Auteroche und Katharina II. von Hélène Carrère d‘Encausse: L’impératrice et l’abbé, un duel littéraire inédit entre Catherine II et l’abbé Chappe d’Auteroche (Paris, 2003)  

12.11.2010

Begeisterung, Fachwissen und Passion: Schweizer Botanik in den 1820er Jahren

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Botanik — Tags: — Evelyn Boesch Trüeb @ 11:00

J.G. Custer an J. Hegetschweiler, 1827 

Brief des Botanikers Jakob Gottlieb Custer über seine Proben von Schweizer Pflanzen und über den wissenschaftlichen Fortschritt in der Floristik
(ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 517:2)

„Sonderbar genug ist es, dass gerade die sogenannt gemeinen Pflanzen… lange nicht immer die am besten untersuchten und geordneten sind.  Man will – besonders der Sammler – immer eher das Seltene, Weiterentlegene.“

Der Bezirksarzt und Botaniker Jakob Gottlieb Custer (1789-1850) aus Rheineck konstatierte 1827 in einem Brief mit seiner Bemerkung über die Jagd nach Raritäten ein immer wieder feststellbares Phänomen. Er war daran, Pflanzenbelege zusammenzustellen, die er an einen ebenfalls sehr versierten Botaniker weiterreichen wollte, den er mit „Herr College“ ansprach. Custer war sich zuerst nicht ganz schlüssig, was er alles versandbereit machen sollte. Er leistete seinem Briefpartner denn auch  „Abbitte“, wegen des grossen Packes keineswegs seltener Pflanzen“ und fuhr fort: „Während Sie ohne Zweifel Bürger der höhern und südlichen Alpen erwarteten, komme ich Ihnen mit einer Schaar Thal- und Vorgebirgspflanzen des Nordens der Schweiz daher“. Custer bezeichnete sich selbst als „wahren Verehrer des Pflanzenstudiums“. Seit Jahren sammelte er unermüdlich Proben aus seiner Umgebung. Die von ihm begutachteten und gepflückten Pflanzen stammten aus „Vorarlberg, Kanton Appenzell und aus den Gebirgen des Distrikts Sargans bis zum Calanda“.

Obwohl an der überliefernden Stelle keine Gegenbriefe an Custer vorhanden sind, wissen wir aus den Briefen, dass nicht nur Custer Belege an sein Gegenüber versandte, sondern dass auch sein Briefpartner ihm Sendungen zukommen liess. Der Austausch diente den beiden Briefpartnern dazu, das Urteil des Kollegen zur Einordnung des Pflanzenbelegs einzuholen.

Custer legte ein reichhaltiges Herbar an und verfasste eine Abhandlung über phänerogamische Gewächse des Rheintals, die 1821 im Band 1 der Neuen Alpina erschien und 1827 Ergänzungen erfuhr. Er wird 1854 als einer der „Gewährsmännner“ der Flora von Tirol geführt und der Autor Franz Freiherr von Hausmann vermerkt in Band 3 eine weitere von Custer angelegte Sammlung, die 1846 das Vorarlberger Gebiet dokumentierte und in die Museal-Sammlungen Innsbruck gegeben wurde. Eine Reihe der Schweizer Fundbelege Custers liegt heute im Naturmuseum St.Gallen.

„Dergleichen Männern wie Sie, Selbstbeobachtern der Gewächse im Freÿen, kommt es allein zu, solche Genera zu bearbeiten, wenn sie aus ihrem Chaos herauskommen sollen, fallen sie hingegen in die Hände von zwar sehr gelehrten, aber nur trocken zugeschickte Exemplar beschauen könnende Botaniker  (sic)…, so ist an keine Entwirrung zu denken.“

Die Aussage über das Beobachten in der freien Natur lässt vermuten, dass die Briefe, deren Überlieferungsgeschichte keine eindeutigen Schlüsse zulässt, an Johannes Hegetschweiler (1789-1839) gerichtet gewesen waren und weniger an seinen Bruder  Johann Jakob Hegetschweiler (1795-1860), der auch als Adressat ins Spiel gebracht wird. Johannes Hegetschweiler  kannte Custer seit der Schulzeit an der Aargauer Kantonsschule. Er gab Custers dokumentierender Arbeit  ihren Platz in seinem Werk „Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen“, das 1831 erschien und das eine Florenliste der Appenzeller Alpen von Custer enthielt.

Die Zuordnung der zwei Briefe zu einem Briefwechsel mit Johannes Hegetschweiler wird gestützt durch eine weitere Briefstelle, in der Custer seinen Briefpartner auf seine Schrift „Reise“ anspricht, die er schon im letzten Sommer kennen gelernt habe und die ihm ein wahrer Genuss gewesen sei, gerade hinsichtlich der Ausführungen über die Species. Damit dürfte der Band Hegetschweilers  zu seinen Tödireisen gemeint sein, der 1825 erschien.

Die Briefe Custers und die angesprochenen Werke geben einen schönen Einblick, wie akribisch und versiert im 19. Jahrhundert die Arbeit an einer zeitgemässen Floristik der Schweiz vorangetrieben wurde.

Literatur mit einer Florenliste von Custer:

Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen, 1831

Die Tödireise von Johannes Hegetschweiler ist bei Google Books digitalisiert:

 Johannes Hegetschweiler Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus und Graubünden in den Jahren 1819, 1820 und 1822,  Zürich 1825

08.11.2010

Insel mit literarischem Potential

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:16

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 10: Isla Robinson Crusoe

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 9: Isla Robinson Crusoe

Die kleine Insel Isla Robinson Crusoe oder früher Mas a Tierra oder Juan Fernandez liegt im Pazifischen Ozean, rund 600 km westlich des chilenischen Festlandes. Sie ist Teil eines 1574 vom spanischen Seefahrer Juan Fernandez entdeckten Archipels, der später nach ihm benannt wurde. Früher war sie wegen ihrer Abgelegenheit ein beliebtes Versteck für Piraten. Von 1704 bis 1709 lebte der schottische Seemann Alexander Selkirk als Deserteur allein auf Mas a Tierra. Angeblich diente seine Geschichte Daniel Defoe als Grundlage für den Roman Robinson Crusoe (1719). Erst 1966 wurde die Insel dann nach ihrem berühmten fiktiven Bewohner umbenannt.

1740 weilte der britische Admiral George Anson auf Mas a Tierra. Die Engländer erholten und stärkten sich hier von der strapaziösen Reise um das Kap Horn:

The excellence of the climate and the looseness of the soil render this place extremely proper for all kinds of vegetation; for if the ground be anywhere accidentally turned up, it is immediately overgrown with turnips and Sicilian radishes; and therefore, Mr. Anson having with him garden seeds of all kinds, and stones of different sorts of fruits, he, for the better accommodation of his countrymen who should hereafter touch here, sowed both lettuces, carrots, and other garden plants, and set in the woods a great variety of plum, apricot, and peach stones.

Wie bereits Selkirk fanden Anson und seine Gefährten reiche Nahrung und frisches Trinkwasser. Es gab keine gefährlichen oder giftigen Tiere und – anders als bei Robinson – keine Kannibalen und keinen “Freitag”. Nach kurzer Zeit waren die Engländer wieder soweit gestärkt, dass sie sich auf Scharmützel mit der spanischen Flotte einlassen konnten.

Robinsons Insel hat bis in die heutige Zeit ihre Faszination nicht verloren. 2005 teilte eine chilenische Sicherheitsfirma mit, dass sie auf der Insel mit Hilfe von Metalldetektoren mehrere Tonnen Juwelen und Gold im Wert von Rund zehn Milliarden Dollar aufgespürt habe. Ähnlich wie im Roman Treasure Island (1883) von Robert Louis Stevenson soll der Schatz ursprünglich 1715 von einem Seefahrer vergraben worden sein. Angeblich hat ihn später ein britischer Matrose gehoben, und an einer anderen Stelle erneut vergraben.

Links:

George Ansons Voyage autour du Monde im Bibliothekskatalog NEBIS (Französische Übersetzung, Amsterdam und Leipzig, 1749): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002021297

Voyage autour du Monde online als E-text bei Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/16611/16611-h/16611-h.htm

Eine Einführung in die Geschichte und Geografie der Robinsoninsel bietet Alexander Ermel: Eine Reise nach der Robinson-Crusoe-Insel (Hamburg, 1889)

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