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30.04.2010

Heimchen

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Linguistik, Literatur,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 14:29

Symbolic portrait of the author in his character of the Cricket, Acheta Domestica, selecting a title for his lucubrations (Seite 11)

Die Google-Suche nach “L.M. Budgen” fördert unter anderem folgenden Aufruf eines Schriftstellers vom 7.1.2003 auf http://www.ancestry.ca/ zutage:

Seeking information on Miss L.M. Budgen who published Episodes of Insect Life in three volumes in 1850. She used the pseudonym “Acheta Domestica” which is the latin name of the common European cricket. The book was printed first in England and then in Boston. Neat and smart lady _ I want to write about her in my next book. thanks, Bill

Bill hat bis heute keine Antwort erhalten, und es ist in der Tat schwierig, mehr über das Leben der Autorin mit dem Pseudonym “Acheta Domestica” – oder auf Deutsch übersetzt “Heimchen” – zu erfahren. William Davenport Adams notiert in seinem Dictionary of English Literature (London, 1879-1880), dass Budgen noch weitere Bücher geschrieben hat, darunter March Winds and April Showers (1854), aber das ist dann bald einmal alles, was es über die geheimnisvolle Autorin zu erzählen gibt.

In Episodes of Insect Life treten die Tiere ähnlich wie beim französischen Karikaturisten Grandville in menschlicher Gestalt auf oder tragen zumindest menschliche Attribute. So finden sich etwa die Darstellung von tanzenden Insekten auf der Titelvignette oder ein Porträt der Autorin als Heimchen. Wie die Verfasserin im Vorwort schreibt, ist das Buch kein wissenschaftliches Lehrbuch der Entomologie, sondern will vielmehr den Leser für die Welt der Insekten sensibilisieren und damit die Grundlagen für ein systematisches Studium legen. Das Ganze soll dabei auch amüsant sein, denn bevor man die Insekten studieren kann, muss man sie lieben lernen.

Links:

Episodes of Insect Life ist auf verschiedenen Plattformen online, darunter Google Books und Internet Archive:

http://books.google.ch/books?id=HyUIAQAAIAAJ&printsec=frontcover

http://openlibrary.org/a/OL2436894A/L._M._Budgen

Das Buch kann in NEBIS bestellt und im Lesesaal der Spezialsammlungen konsultiert werden.

23.04.2010

Island: Vulkanausbruch unter dem Gletscher Eyjafjallajökull

Filed under: Bestände,Geologie,Kartensammlung — Tags: , — Carol Ribi @ 8:00

Structural Map of the North Atlantic Ocean, 1:200 000 (2008)

Bereits am 20. März 2010 wurden die ersten Eruptionen und Gesteinsdeformationen vom Nordic Vulcanological Center  weiter östlich vom Gletschervulkan Eyjafjallajökull beobachtet. Am Morgen des 14. Aprils entstanden an der Spitze des Vulkanberges nach einem Erdbeben mehrere neue Krater. Der bis zu diesem Zeitpunkt unter dem Gletscher verborgene Vulkan brach aus.

Das dabei verursachte Schmelzwasser erreichte das Tiefland in mehreren aufeinander folgenden Flutwellen und zerstörte Strassen, Brücken und Agrarland. Zeitgleich fielen erste Ascheregen in der Region und eine grosse Aschewolke stieg auf, um vom Westwind in Richtung des europäischen Kontinents weitergetragen zu werden. Am 15. April erreichte die Aschewolke Europa und verursachte die vorübergehende Schliessung des Luftraumes. Bis heute ist die eruptive Tätigkeit des Vulkans im Gange und das Nordic Vulcanological Center berichtet auf seiner Website von den neusten Ereignissen.

Wie die Karte oben zeigt, liegt Island auf dem Mittelatlantischen Rücken und damit sowohl auf der Nordamerikanischen als auch auf der Eurasischen Platte. Der Mittelatlantische Rücken ist ein vorwiegend unterseeisches Gebirge und besteht aus zwei parallel verlaufenden Gebirgsketten mit einem tiefen Graben dazwischen. An wenigen Stellen ragt das Gebirge über die Meeresoberfläche hinaus. Eine solche Stelle ist Island. Die Linie der vulkanisch aktiven Zone folgt ziemlich genau dem Verlauf des Mittelatlantischen Rückens. Magma gelangt durch die Risse zwischen den auseinanderdriftenden Platten an die Erdoberfläche.

Die Plattengrenzen ziehen sich von Südwest nach Nordost diagonal über die Insel Island. Die Platten entfernen sich jährlich um ca. 2 cm voneinander. Dank immer währender Neubildung und Ablagerung von Gesteinsmaterial, das durch Vulkanausbrüche flüssig aus dem Erdinneren herausgeschleudert wird, bricht die Insel nicht auseinander. Für Islands Geotektonik sind Vulkanausbrüche von grosser Bedeutung. Etwa 30 aktive Vulkansysteme befinden sich derzeit auf Island.

Die Karte ist unter der Signatur K 181040 in der Kartensammlung der ETH-Bibliothek zu finden.

16.04.2010

Die Porträtsammlung der ETH-Bibliothek

Filed under: Astronomie,Bestände,Bildarchiv — Heike Hartmann @ 8:00

Prof. Dr. A. Wolfer. In: Ingenieur – Schule, Eidgenössisches Polytechnikum Zürich, 1899-1903 (Portr 2360: 29 album)

In der Porträtsammlung des Bildarchivs der ETH-Bibliothek befinden sich Porträts von Professorinnen und Professoren sowie teilweise auch von Studierenden der ETH Zürich, die an der Hochschule seit deren Gründung tätig waren. Ergänzt wird die Sammlung durch Bildnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt und aus verschiedenen Epochen. Die Sammlung umfasst rund 16’000 Dokumente, die in unterschiedlichen Formaten vorliegen, wie beispielsweise als Abzüge, in Alben, als Negative, Glasplatten oder als Drucke.

In den rund 90 Alben befinden sich Porträtalben von Abschlussklassen der ETH Zürich (1890er bis Ende 1930er Jahre) sowie Alben von Studentenverbindungen der ETH Zürich (19. Jahrhundert) und private Alben, die als Nachlässe dem Bildarchiv überlassen worden sind.

Beispiele für die Alben sind: Eidgenössisches Polytechnikum Zürich, Ingenieur-Schule 1899-1903 (71 Fotoabzüge, Portr. 2360 A), Diplom 1914 Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (68 Fotoabzüge, Portr. 7022) oder Geschenkalbum für Herrn Professor Ackeret von seiner Abschiedsvorlesung (14 Fotoabzüge, Portr. 11524).

Das dargestellte Bild von Prof. Dr. A. Wolfer ist aus dem Album „Ingenieur – Schule, Eidgenössisches Polytechnikum Zürich, 1899-1903″. Alfred Wolfer war von 1894-1925 Professor für Astronomie an der ETH Zürich. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Jeden Monat stellt die ETH-Bibliothek im „Porträt des Monats” eine bekannte Persönlichkeit vor, die eine Verbindung zur ETH Zürich hat. In diesem Monat ist es ein Porträt über Robert Maillart.

09.04.2010

J. J. Grandville: Scènes de la vie privée et publique des animaux, Paris 1868

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:09

 

“Tanzbär”, S. 299

Die Abbildung aus Scènes de la vie privée et publique des animaux zeigt eine für Grandville typische Verkehrung des Menschlichen ins Tierische: einen Tanzbären in der Pose des Menschen, der eine Schildkröte dressiert. Das Absurde an dieser Szene liegt darin, dass hier ein Tier in einer Rolle gezeigt wird, die dem Menschen vorbehalten ist. Die Dressur ist laut dem französischen Naturforscher Georges Buffon eigentlich etwas, was das Tier vom Menschen unterscheidet: Nur der Mensch dressiert Tiere, oder anders ausgedrückt, ist der Mensch das einzige Tier, das andere Tiere dressiert. Im Stil der obigen Zeichnung finden sich im Buch viele weitere Verkehrungen des Menschlichen ins Tierische, so beispielsweise ein Arzt mit Spritze als Storch, ein Philosoph als Uhu oder in den Krieg ziehende Crevetten und Krebse.

Als Mitarbeiter der Zeitschriften “Le Charivari” und La Caricature” gehörte Jean Ignace Isidore Gérard Grandville oder J.J. Grandville (1803-1847) einer Aufbruchsgeneration in Frankreich an, die zu Beginn der Julimonarchie die satirische Zeichnung als publizistische Waffe nutzte. Der zeitkritische Aspekt von Grandvilles Lithografien wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass 1835 durch die Septembergesetze die politische Satire in Frankreich verboten wurde. Nach dem Verbot wandte sich Grandville der Buchillustration zu. Er gilt als wichtiger Vorläufer des Surrealismus.

Links:

Scènes de la vie privée et publique des animaux im Bibliothekskatalog NEBIS

Einige Bilder aus dem Buch können in E-Pics Alte Drucke betrachtet werden

Weitere Illustrationen von Grandville auf Wikimedia Commons

Grandville bei BibliOdyssey (mit Links zu digitalisierten Werken von Grandville)

02.04.2010

Neu entdecktes Dokument echt falsch – Albert Einsteins Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archiv, Hs 1305:15_f1

Den Leserinnen und Lesern, die dem gestrigen Einstein Bienenblog auf den Honig gekrochen sind, sei versichert: Das neu entdeckte Dokument von Albert Einstein war ein Aprilscherz. Der Titel “Bienblüte” weist darauf hin, dass es sich um eine Fälschung – eben eine sogenannte “Blüte” – handelt, nämlich um eine Tintenfederfingergymnastikübung der Blogautorin.

Am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich endete das Wintersemester 1899/1900 am 24. März 1900. Das Sommersemester 1900 begann am 17. April. Dazwischen waren Semesterferien. Am 1. April 1900, dem Datum der Notiz, fanden gar keine Lehrveranstaltungen statt.

Tatsache ist, nachzulesen In den Matrikeln von Albert Einstein und Mileva Maric, dass beide schon im Wintersemester 1897/98 bei Professor Albert Heim die Vorlesung “Urgeschichte des Menschen” belegten.

Von Heim selber, der anhand einiger Stichworte frei vorzutragen pflegte, ist kein Skript erhalten. Doch notierte im Wintersemester 1906/07 der Student und spätere Chemieprofessor an der Universität München, Arthur Stoll (1887-1971), während Heims “Urgeschichte” die Bemerkung: “Keine Trunksucht etc. keine Irrenhäuser” (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1425:7). Der in der damaligen Sittlichkeitsbewegung engagierte Heim brachte in seiner Veranstaltung also nachweislich zeitgenössische gesellschaftspolitische Fragen zur Sprache. Ob er dies allerdings immer schon so gehalten hatte, ist ungewiss. In den spärlichen Notaten aus der Vorlesung im Wintersemester 1875/76 von Georg Szavitz (1853-1915), Bauingenieurstudent, fehlen solche Hinweise (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 489:31).

Tatsache ist jedenfalls, dass Heim auf Initiative von Studenten “vor der männlichen studierenden Jugend beider Hochschulen im Schwurgerichtssaale in Zürich” über “Das Geschlechtsleben vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte” am 13. Februar 1900 vortrug. Weil das Lokal nur Platz für 700 Hörer bot, wurde angesichts der weitaus grösseren Nachfrage die Veranstaltung am 23. Februar 1900 wiederholt. In der Druckfassung des Vortrags steht auf Seite 4:

Die Sexualität [...] hat die Natur um uns belebt mit Farbenglanz von Blüten und Tieren, mit dem Gesang der Vögel, und durch die Sexualität reift die goldene Frucht am Baume.

Bienen werden hier keine erwähnt. Explizit kommen sie nur auf Seite 20 vor:

Ameisenstaat, Bienenstaat etc. gehen alle eher darauf aus, die Ausübung des Geschlechtstriebes einzugrenzen [...].

Die Herkunft des genauen Wortlauts von Albert Einsteins ungesicherter Äusserung über Bienen bleibt somit weiter ungeklärt.

Links:

Einstein Online

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Nachlassverzeichnis Arthur Stoll

Nachlassverzeichnis Georg Szavitz

01.04.2010

Albert Einstein: Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1305:15_f1)

Ein gleichermassen belesener wie beredter Schweizer Bundesrat eröffnete in seinem Land vor kurzem das internationale Jahr der Biodiversität mit dem Albert Einstein zugeschriebenen Zitat: “Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.” In der Presse und im Internet wird seit längerem diskutiert, ob und in welchem Zusammenhang der theoretische Physiker sich in dieser Weise zur Ökologie geäussert haben könnte. Die Herkunft der umstrittenen Äusserung lag bisher im Dunkeln.

Nun scheint eine Spur zur Lösung des Rätsels gefunden! In nachgelassenen, an der ETH-Bibliothek archivierten Papieren von Elisabeth Heim-von Brasch (1907-1996) liegt folgende Notiz, geschrieben exakt heute vor 110 Jahren:

A. Heim 1. IV.00

Summ…

keine Bienen mehr, keine Pflanzen,

keine Thiere, keine Menschen mehr

Wer die Zeilen schrieb, war bis heute nicht bekannt. Sie stammen weder von der Hand der Nachlasserin, noch der ihres zweiten Gatten Arnold Heim (1882-1965) oder der ihres Schwiegervaters Albert Heim (1849-1937) , Professor für Geologie an der ETH. Ein Vergleich mit frühen Briefen Einsteins, die er in deutscher Kurrentschrift durchsetzt von einzelnen lateinischen Buchstaben schrieb, lässt dagegen den künftigen Nobelpreisträger als Autor vermuten. Da ähnelt einerseits die Vornamensinitiale bei “A. Heim” dem charakteristischen grossen A von Einsteins eigener Unterschrift. Andererseits zeigt das Fluggeräusch des Honiginsekts dasselbe schwungvolle S wie der Anfang einer Postkarte von Einstein an seinen Freund Conrad Habicht (Hs 1457:19).

Die Notiz vom 1. April 1900 war möglicherweise ursprünglich eine Beilage zu Einsteins Dankesschreiben an Arnold Heim vom 14. Juli 1952 gewesen, in welchem er sich an den “magischen Zauber” der Vorlesungen “Ihres unvergesslichen Vaters” erinnert. Einstein hatte während seines Studiums am Eidgenössischen Polytechnikum bei Albert Heim unter anderem über “Urgeschichte des Menschen” gehört. In dieser Veranstaltung berührte Heim auch die sexuelle Evolution der Lebewesen und plädierte für voreheliche Enthaltsamkeit nicht nur der Frauen, wie damals üblich, sondern auch der Männer als naturgewolltes Erfordernis. Ob der naturbegeisterte Heim sich bei der heiklen Aufklärung der studentischen Jugend mit der Analogie der Pflanzenbestäubung durch Bienen behalf, lässt sich heute nicht mehr schwarz auf weiss belegen. Viel eher scheint Einstein die weitschweifigen Ermahnungen seines geschätzten Lehrers auf den Punkt gebracht und sogleich in den Wind geschlagen zu haben. Denn bekanntlich hatte er sich längst seiner Mitstudentin Mileva Maric, ebenfalls Hörerin dieser Vorlesung, folgenreich genähert. Das anfängliche Bienensummen der Notiz wäre somit vielleicht als “Summa”,also Zusammenfassung beziehungsweise Ergebnis, eines verliebten Bruder Leichtfuss zu lesen.

Links:

Einstein Online

Nachlassverzeichnis Albert Heim

Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 1 , Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 2

Nachlassverzeichnis Elisabeth Heim-von Brasch

Literatur:

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Marie Brockmann-Jerosch, Arnold und Helene Heim. Albert Heim – Leben und Forschung, Basel 1952

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