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30.04.2009

„Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben“ – Eine Dokumentation der Kindheit von Arnold Heim

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geologie,Medizin — Tags: — Christian John Huber @ 15:30

Alltagsszenen aus dem Leben des zweijährigen Arnold Heim (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 495a: 34)

In unserem – dem digitalen – Zeitalter ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn Eltern detaillierte Dokumentationen besonders von Erstgeborenen in Bild und Ton anlegen. Wer hingegen im 19. Jh. bewegte Alltagsszenen eines Kleinkindes bildlich festhalten wollte, musste zum Zeichenstift greifen, kleinkindliche Lautkreationen mussten mit Hilfe des Alphabets abgebildet werden. Wer würde eine Mappe mit ebensolchen Darstellungen und Beschreibungen im Archiv einer technischen Hochschule vermuten?

Albert Heim, 1872-1911 Professor für technische und allgemeine Geologie am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, heiratete 1875 Marie Vögtlin, die ein Jahr zuvor als erste Frau in der Schweiz eine eigene Arztpraxis eröffnet hatte. Das illustre Paar hatte die Hoffnung auf Nachwuchs wohl bereits aufgegeben, als 1882 ihr Sohn Arnold zur Welt kam. Albert Heim begann eine Mappe mit Erinnerungsstücken für Arnold anzulegen. In seiner Widmung schrieb der stolze Vater:

„Du sollst dieselben [Blätter] [...] erst nach zurückgelegtem sechzehnten Altersjahr eröffnen und studieren, und dir dabei denken, Dein Vater spreche mit der ganzen Kraft seiner Liebe zu Dir. Die Stunden, in welchen ich hier einzelne Gedanken niedergesetzt habe, waren für mich das, was für den Frommen ein Gebet ist – ein Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben.”

Die Mappe enthält ungeordnete persönliche Dokumente, welche die ersten Lebensjahre Arnold Heims liebevoll dokumentieren. Die Dokumentation setzt mit der Geburtsanzeige und der Widmung ein, enthält Skizzen von der stillenden Mutter oder wie oben abgebildet Alltagsszenen des Kleinkindes, und beschreibt dessen sprachlichen Fortschritte. In den Aufzeichnungen und Skizzen zeigt sich Heim nicht bloss als liebender Vater, sondern ebenso als  exakt beobachtender und beschreibender Naturwissenschaftler. In seinen Texten werden die kleinsten Details ausführlich geschildert und als Geologe ist er im Sehen und bildlichen Darstellen geschult. Natürlich sammelte der Vater auch künstlerische Erzeugnisse des Sohnes. Zudem führte er über die ersten ca. 10 Jahre Tagebuch, wovon „Besondere Notizen und Erfahrungen betreffend Ernährung, Pflege etc.” immerhin 38 Seiten umfassen. So erstaunt es nicht, dass „Maries Dresdener Professor von Winckel [...] sich für die Tagebücher über die Kinder interessiert haben [soll]” wie Verena E. Müller in ihrer Marie-Heim-Biographie schreibt (Verena E. Müller. Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007. S. 199, Endnote 23.).

Arnold trat später in die Fussstapfen seines Vaters und wurde ein weltbekannter Erdölgeologe. Arnolds Schwester Helene, die 1886 zur Welt kam, entschied sich für den Fachbereich ihrer Mutter und wurde Krankenschwester.

24.04.2009

Projekte zur Überschreitung der Alpen östlich des Gotthards, 1:1000000 (1925)

Filed under: Bestände,Eisenbahnwesen,Geographie und Karten,Kartensammlung — Carol Ribi @ 16:57

 

Ausschnitt aus der Karte ”Projekte für die Überschreitung der Alpen östlich des Gotthard”, 1:100’000. Generaldirektion der Schweizerischen Bundesbahnen. Bern, 1925 (K 305020)

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde kontrovers über Bahnprojekte in der Schweiz und den angrenzenden Ländern diskutiert.

Seit 1838 beschäftigten sich Schweizer und ausländische Interessensgruppen mit dem Projekt einer Schweizerischen Ostalpenbahn, die eine Verbindung der Schweiz und des damaligen Deutschen Reiches mit Italien zwischen den damals bereits erbauten Linien über den Gotthart und Brenner bezweckte. Für eine solche Verbindung wurden die Alpenpässe Lukmanier, Greina, Bernhardin, Splügen und Maloja erwogen. Unsere Karte oben aus dem Jahr 1925 skizziert diese verschiedenen Bahnprojekte.

Zwischen den betroffenen Kantonen wurden die Bahnprojekte teils sehr kontrovers diskutiert. Graubünden und St. Gallen traten energisch für eine Splügenbahn ein, die von Thusis über Andeer  durch einen grossen Splügentunnel nach Italien führen und in Chiavenna an die Veltlinerbahn angeschlossen werden sollte. Der Kanton Tessin wiederum verlangte ebenso nachdrücklich eine Greinabahn, die (an Stelle des früheren Lukmanierprojektes) von Chur über Reichenau und Ilanz durch das Oberrheintal mit einem  Tunnel durch die Greina das Bleniothal geführt und bei Bellinzona an die Gotthardbahn angeschlossen werden sollte.

Für die Splügenbahn (Chur-Chiavenna) lagen mehrere Entwürfe vor und zwar ein Entwurf mit einem Scheiteltunnel von 26‘100 m Länge, sowie ein Entwurf mit einem Scheiteltunnel von 18‘640 m Länge. Für eine St. Bernhardinbahn war ein 27‘900 m langer, zweimal geknickter Tunnel, auf 800 und 1000 m ü. M. vorgeschlagen worden.

Schlussendlich wurden aus der Vielzahl der Projekte nur die Gotthardbahn und die Vereinabahn, die auch schon in der obigen Karte vorvisioniert wird, verwirklicht.

Die Karte befindet sich unter der Signatur K 305020 in der Kartensammlung der ETH-Bibliothek und kann im Lesesaal der Spezialsammlungen konsultiert werden.

17.04.2009

Jahr der Astronomie 2009: Porträt von Caroline Herschel

Filed under: Astronomie,Bildarchiv — Nicole Graf @ 8:00

 Porträt von Caroline Herschel. Nach dem Leben gezeichnet und gestochen von G. Busse Hannover 1847 (Portr 11026: 92)

Professor Rudolf Wolf (1816-1893), Professor für Astronomie und Oberbibliothekar an der ETH, beschreibt im Verzeichnis der Sammlungen der Zürcher Sternwarte das Porträt von Caroline Herschel folgendermassen: „Dieses Bild der verdienten Schwester des grossen Wilhelm Herschel hat 25 cm Höhe und 19 ½ cm Breite, [...] stellt also die Greisin in ihrem 97sten Altersjahre dar.”

Caroline Lucretia Herschel (16. März 1750 in Hannover – 9. Januar 1848 ebenda) war eine bedeutende Astronomin. Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützte sie ihren Bruder Wilhelm Herschel bei seinen Forschungen, glänzte aber bald durch eigenständige Leistungen. Ihre wichtigsten Beiträge zur Astronomie waren die Entdeckungen mehrerer Kometen, die Berechnung genauer astronomischer Reduktionen und der Zonenkatalog hunderter Sternhaufen und Nebel.

Zahlreiche Auszeichnungen wurden ihr verliehen – 1828 unter anderem die Goldmedaille der Royal Astronomical Society, zu deren Ehrenmitglied sie 1835 ernannt wurde. Sie war die erste Frau, der Anerkennungen dieser Art zuteil wurden. Anlass dazu war ihr sogenannter Zonenkatalog, den sie zum Andenken an ihren Bruder erstellt hatte. Er enthielt die reduzierten Beobachtungen sämtlicher von Wilhelm Herschel entdeckten Nebel und Sternhaufen. 1846 erhielt sie im Alter von 96 Jahren im Auftrag des Königs von Preussen die goldene Medaille der Preussischen Akademie der Wissenschaften.

Da Porträt von Caroline Herschel ist Bestandteil der Porträtsammlung des Bildarchivs der ETH-Bibliothek. In der Sammlung befinden sich rund 16‘000 Porträts von Professorinnen und Professoren sowie teilweise auch von Studierenden der ETH Zürich, die an der Hochschule seit deren Gründung tätig waren. Ergänzt wird die Sammlung durch Bildnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt und aus verschiedenen Epochen. Die Porträts sind teilweise digitalisiert und über Bildarchiv Online öffentlich zugänglich.

09.04.2009

Zwei astronomische Schriften aus dem 15. Jh. eingebunden in ein Pergamentblatt aus einer karolingischen Handschrift

Filed under: Alte Drucke — Tags: — Anna Maria Stuetzle @ 8:00

 

Bei diesem Buch (Rar 4205) ist schwer zu entscheiden, was wertvoller ist: die beiden Drucke aus dem 16. Jahrhundert, oder der an die 700 Jahre ältere Bucheinband, der zu den ältesten Objekten der Spezialsammlungen gehören dürfte.

Das Tabellenwerk des deutschen Astronomen und Mathematikers Regiomontanus (1436-1476) „Tabulae directionum profectionumque, …” gedruckt 1559 in Tübingen, und seine in Griechisch verfasste Schrift „Astrologica, quorum titulos versa pagella indicabit …”, gedruckt 1532 in Nürnberg, liess der damalige Besitzer vielleicht gegen Ende des 16. Jahrhunderts in einen Band zusammenfassen. Der Buchbinder verwendete dazu sogenannte Makulatur, Material aus alten Büchern.

Der Einband, obwohl heute unscheinbar und abgegriffen, darf als Besonderheit angesehen werden. Das gelbe, an Ecken und Buchrücken brüchig gewordene, fleckige Pergament mit der stark verwischten Schrift stammt aus einem Folianten, der in einem frühmittelalterlichen Skriptorium hergestellt worden war. Die regelmässigen, streng vertikal stehenden Minuskeln wurden mit spitzer Feder und brauner Tinte geschrieben, einzelne Majuskeln am Wortanfang eines Verses sind mit einem roten Vertikalstrich markiert. Der Typus dieser Handschrift verweist in karolingische Zeit, wohl ins erste Drittel des 9. Jahrhunderts. Der Text konnte als Ausschnitt aus Augustinus’ „De Civitate Dei” identifiziert werden. Diese theologische Schrift gehörte in den karolingischen Klosterschulen zum Grundbestand für Studium und Lehre der Benediktiner-Mönche.

Die Literatur hat keinerlei Bezug zum aktuellen Buchinhalt, doch wurde das linierte, zweispaltig beschriebene  Pergamentblatt sehr sorgfältig und sparsam eingesetzt. Auf dem hinteren Buchdeckel ist neben grosszügigen Seitenrändern die linke Textspalte mit den letzten 16-18 Zeilen des 23. Kapitels erhalten. Das Interkolumnium, der Abstand zwischen den Textspalten, ist auf dem Buchrücken platziert, und auf der Vorderseite des Buches liegt die rechte Spalte mit 16-18 Zeilen vom Schluss des 24. Kapitels. Anhand der Textlücke kann geschlossen werden, dass die ursprüngliche Buchseite ungefähr doppelt so gross war wie der Einband. Die obere Hälfte wurde vielleicht für einen zweiten Einband verwendet, sie fehlt heute.

Link:

Zur Handschriftenkunde siehe: Christine Jakobi, Buchmalerei. Ihre Terminologie in der Kunstgeschichte, Berlin 1991.

03.04.2009

Die andere Grand Tour. Karl Culmanns Beschreibung seiner Amerikareise von 1849/50.

Karl Culmann ergänzte seine Reisenotizen mit Skizzen wie diesen von der Güterstation in Baltimore. (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, 2997:3 Hs, Seite 21)

Nach seinem Studium am Polytechnikum in Karlsruhe, trat der später für seine Graphische Statik berühmt gewordene Karl Culmann (1821-1881) eine Stelle als Baupraktikant für Eisenbahnbau im Bayrischen Staatsdienst an. Dort leistete er als verantwortlicher Projektleiter von Teilabschnitten herausragende Arbeit beim Aufbau des staatlichen Eisenbahnnetzes. Entsprechend bewilligte das zuständige Ministerium 1849 Culmanns Antrag auf ein Stipendium für eine ausgedehnte technische Bildungsreise, die ihn über Belgien und England nach Amerika führen sollte.

Verlief die klassische Bildungsreise in erster Linie entlang den europäischen Baudenkmälern der Antike, des Mittelalters und der Renaissance, setzten die Ingenieure des 19. Jahrhunderts andere Schwerpunkte. Auf der Suche nach technischen Neuerungen führten ihre Wege in das in vielen Bereichen führende England und zunehmend auch nach Amerika. Die Resultate hielten sie in technischen Reiseberichten fest, die eine Mischung aus Faktensammlung und Erlebnisbericht darstellen.

Culmann notierte auf seiner Reise durch die Vereinigten Staaten für ihn bedeutsame Informationen zu Eisenbahnen, Schiffen, Bauwerken wie Brücken und Tunnel, Land- bzw. Küstenvermessung und Maschinenfabriken. Daneben dokumentierte er seine Begegnungen mit Ingenieuren, Architekten, Erfindern und sogar mit dem damaligen Präsidenten. Die Route, der Culmann dabei folgte, beruht auf einer sorgfältigen Planung:

“Von grossem Nutzen für mich war die Bekanntschaft des Ingenieurs [Charles] Ellet, des Erbauers der Wheelinger Kettenbrücke; er war so freundlich, mir meinen Reiseplan durch die vereinigten Staaten zu entwerfen und mich auf alle wichtigeren technischen Gegenstände aufmerksam zu machen. Ihm vorzugsweise verdanke ich es, dass ich in so kurzer Zeit und mit so geringen Mitteln die merkwürdigsten Leuten Amerikas sehen konnte und im Voraus schon wusste worauf ich hauptsächlich Augenmerk zu richten hatte.” (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, 2997: 1 (Hs).

Wissenschaftlichen Nutzen zog Culmann vor allem aus seinen Skizzen und Beschreibungen amerikanischer Holzbauten. Aus diesem Material entwickelte er seine Fachwerkstheorie, die er 1851 veröffentlichte. Nicht zuletzt diese Publikation führte dazu, dass Culmann 1855 als Professor für “Ingenieurswissenschaften, vorzüglich für Strassen-, Eisenbahn-, Brücken- und Wasserbau mit Übungen im Zeichnen und Entwerfen von Projekten” ans neu gegründete Polytechnikum nach Zürich berufen wurde.

Lektüre: Eine Abschrift von Karl Culmanns Manuskripts seines Reiseberichts wurde publiziert in: Maurer, Betram. Karl Culmann und die graphische Statik. Berlin, 1998, S. 285-370. Quellenmaterial zum Werk Culmanns findet sich in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek.

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