ETHeritage
Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH-Bibliothek

26.09.2014

Freud und Leid – Zum 75. Todestag von Sigmund Freud

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Martha Freud-Bernays an Paul Bernays, 19. November 1939 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 976a: 489)

Am 23. September 1939 starb Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, in London. Unter den Beileidsbezeugungen an seine Frau Martha und die Tochter Anna, die mit ihm im vorangegangenen Jahr aus Wien vor den Nationalsozialisten geflohen waren, befanden sich auch Trostworte aus der weitverzweigten Verwandtschaft. Aus Zürich hatte Paul Bernays geschrieben, dessen beide Eltern Cousin und Cousine der Witwe waren. Martha Freud-Bernays antwortete ihm handschriftlich auf einer vorgedruckten Dankeskarte:

Auch dir, lieber Paul, möchte ich herzliche danken für Dein teilnamsvolles Schreiben, in dem mich am meisten die Erwäh- / nung der „Traumdeutung“ ergriffen hat. Wirst Du es glauben, dass nach ihrem Erscheinen (im Anfang des Jahrhunderts) keine wiener Zeitung ein Referat darü- / ber bringen wollte, was sie aber nicht hinderte, 10 Jahre später den ganzen, von demselben Schriftsteller geprägten Wortschatz als selbstverständlich zu übernehmen. Und wenn heute jede grössere indische Stadt eine Trauerfeier für ihn veranstaltet hat, so ist es doch für mich wie ein wahr gewordenen Märchen!

Von Deiner Habilitierung habe ich mit Interesse in der Basler Nationalzeitung gelesen und bin froh für Euch Alle, dass Ihr Schweizer geblieben. Auch wir, obwohl staatenlos, haben uns nicht zu beklagen, England ist ein nobles Land und hat uns mit unerhörter Sympathie aufgenommen.

Leb wohl lieber Paul und sei gegrüsst

von einer ganz alten

Tante

Bei der erwähnten „Traumdeutung“  handelt es sich um ein frühes Grundlagenwerk Freuds zur Psychoanalyse. Die angesprochene Habilitierung von Paul Bernays meint die Habilitation an der ETH Zürich 1939. Bernays, der das Zürcher Bürgerrecht besass, war Professor für Mathematik an der Universität Göttingen gewesen, verlor jedoch wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 diese Stelle und kehrte in die Schweiz zurück. An der ETH Zürich erhielt er durch die Vermittlung seines Kollegen Hermann Weyl in den folgenden Jahren Lehraufträge für Logik und Grundlagen der Mathematik. Nach behördlich genehmigtem Habilitationsgesuch unterrichtete er ab 1939 als Privatdozent und schliesslich ab 1945 als ausserordentlicher Professor für höhere Mathematik. Der Brief von Martha Freud-Bernays stammt aus seinem umfangreichen Nachlass, der vom Hochschularchiv der ETH Zürich in der ETH-Bibliothek aufbewahrt wird.

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19.09.2014

Das Frauenbad in Zürich von Tadashi Kawamata

Filed under: Architektur,BILDARCHIV — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Frauenbadi-Kunstwerk von Tadashi Kawamata auf der Limmat, Züric

Tadashi Kawamata, Frauenbad Zürich, 7.5.1993 (Com_L42-0215-0102)

Ein japanischer Künstler, der in der Schweiz recht gut bekannt sein dürfte, ist Tadashi Kawamata. Er realisiert seit den achtziger Jahren weltweit mehr oder weniger ephemere weg- oder hüttenartige Holzkonstruktionen im städtischen Raum. Hierzulande verwirklichte Kawamata im Lauf der Zeit eine Serie von Badehäusern, an deren Anfangspunkt das oben abgebildete “Frauenbad” in Zürich stand. Die temporäre Holzkonstruktion befand sich schräg gegenüber vom “echten” Frauenbad etwas flussaufwärts vom Helmhaus. Es folgten das Felsenbad in Zuoz (1997) und das Zuger Strandbad (1998). Kawamatas leicht prekäre Strukturen können begangen und benutzt werden, was oftmals Irritation, aber auch Verzauberung auslöst.

Ein Besuch auf Kawamatas Webseite zeigt: Der Künstler baut unermüdlich rund um die Welt. Wann kommen Sie wieder einmal nach Zürich, Herr Kawamata?

Links:

Webseite von Tadashi Kawamata: http://www.tk-onthetable.com/

Unter dem Titel “Prekäre Konstruktionen” findet im Kunstmuseum des Kantons Thurgau noch bis zum 19. Oktober eine umfangreiche Einzelausstellung von Tadashi Kawamata statt: http://www.kunstmuseum.ch/xml_1/internet/de/application/d8/f115.cfm?action=ausstellung.show&id=94.

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12.09.2014

Ein Kuppelpavillon aus Stampflehm im Steinerschen Garten des ETH-Campus Hönggerberg

Filed under: Architektur,MATERIALSAMMLUNG — Katja Burzer Hänsli @ 7:00

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Vergangene Woche wurde auf dem ETH-Campus Hönggerberg im sogenannten Steinerschen Garten ein Pavillon aus gewölbten Stampflehmelementen errichtet. Gian Salis hat ihn mit seinen Studenten im Rahmen des Lehr- und Forschungsprojektes Stampflehm-Gewölbe entworfen und ausgeführt. Unterstützt wurden sie dabei von dem Lehmbauexperten Martin Rauch und seiner Firma Lehm Ton Erde Baukunst GmbH. Die Studenten waren aufgefordert, eine überkuppelte Festhütte für rund 10 Personen aus Stampflehm zu konzipieren. Die Herausforderung bestand neben der Formgebung vor allem im Material: Stampflehm kann zwar Druckkräfte aufnehmen, aber anders als Stahlbeton keinerlei Zugkräfte. Deshalb finden sich bislang zwar Böden, Wände und Mauern aus Stampflehm, aber keine Kuppeln. Um der statischen Herausforderung zu begegnen, wurde der Pavillon aus sechs Halbkuppeln konstruiert, deren Form der Kettenlinie folgt und frei von Zugkräften ist.

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Die einzelnen Elemente des Pavillons wurden im September vergangenen Jahres in derselben Lagerhalle in Laufen bei Basel hergestellt, die die Lehm Ton Erde Baukunst GmbH zur Vorfertigung der Stampflehmelemente des Ricola Kräuterzentrums genutzt hat, das dort im Auftrag des Architekturbüros Herzog & de Meuron errichtet wurde. Die Vorfertigung der Elemente erlaubte es, die Halbkuppeln senkrecht in Schalungen zu stampfen und bei Errichtung des Pavillons um 90 Grad zu drehen. Daher verlaufen die Stampfschichten der Deckengewölbe nun senkrecht.
Der Rohbau des Pavillons ist bereits zu besichtigen, er wird in den kommenden Wochen allerdings noch einen Witterungsschutz in Form eines Blechdaches erhalten. Ausserdem werden die Fugen, die durch das Zusammensetzen der insgesamt 19 Elemente entstanden sind, nachträglich mit Lehm verfüllt und retuschiert. Zum Schutz vor aufsteigender Nässe stehen die sechs Pfeiler des Pavillons auf Betonsockeln. Um Erdbebensicherheit zu garantierten, wurden die aufgemörtelten Lehmelemente auf den Sockeln mit Eisenstangen verankert. Wird Stampflehm entsprechend geschützt, ist er sehr dauerhaft und pflegeleicht.
Die Halbkuppelkonstruktion aus Stampflehm ist eine gelungene architektonische Pionierleistung, die nicht nur den Aussenraum des ETH-Campus bereichert, sondern sicher auch weitere Projekte dieser Art anstossen wird.

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 Link: http://www.materialarchiv.ch/#/detail/1481/stampflehm

 

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05.09.2014

Schweizer Kaisertage. Postkarten zum Staatsbesuch des deutschen Kaisers Wilhelm II im September 1912

Filed under: BILDARCHIV,Geschichte,Militärwissenschaften — Michael Gasser @ 7:00

Bern, Erinnerungskarte an den Besuch des Deutschen Kaisers Wilhe

Erinnerungspostkarte an den Besuch des Deutschen Kaisers Wilhelm II in der Schweiz, 1912 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_070132-RE).

Der Staatsbesuch Kaiser Wilhelms II vom 3.–6. September 1912 in der Schweiz war ein politisches, militärisches, gesellschaftliches und mediales Grossereignis. Dankbar wurde es auch von der Postkartenindustrie aufgegriffen, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ihren grössten Boom als Massenmedium erlebte. Einige dieser Ereignispostkarten zum Staatsbesuch Wilhelms II haben Eingang in die Postkartensammlung Adolf Feller (1879–1931) gefunden, die heute im Bildarchiv der ETH-Bibliothek aufbewahrt wird.

Schon zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich solche Ereignispostkarten bezüglich Gestaltung, Bildsprache und Aussage sein konnten. Die oben abgebildete, sorgfältig und künstlerisch gestaltete Postkarte betont gezielt die Gleichberechtigung zweier ungleicher Staaten. Grosse Monarchie und kleine Republik haben zwar gleich grosse Medaillons, ihre Repräsentanten könnten aber kaum unterschiedlicher dargestellt sein. Der abgewandte Blick des Kaisers in obligater Uniform ist strategisch in die Ferne gerichtet, der väterliche Blick des Bundepräsidenten Ludwig Forrer hingegen ruht direkt auf dem Betrachter. Angesichts der offenkundigen Faszination für den Monarchen und des veranstalteten Pomps inklusive Paraden, Empfängen und Feuerwerk musste die bürgernahe republikanische Staatsform und die Eigenständigkeit der Schweiz deutlich ins Bild gesetzt werden.

Kaiser Wilhelm II bei den Schweizer Manövern 1912

Erinnerungspostkarte “Kaiser Wilhelm II bei den Schweizer Manövern 1912″, 1912 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_017047-RE).

Ein ganz anderer Typ von Ereignispostkarte zeigt Wilhelm II beim Besuch des grossen Manövers, das unter der Leitung von Oberstkorpskommandant Ulrich Wille Anfang September 1912 im Raum Wil-Kirchberg stattfand. Diese Postkarte kommt als fotografische Momentaufnahme daher, die nur vordergründig Armeespitzen unter sich zeigt. Bei näherer Betrachtung ist am Rand des Feldes im Hintergrund eine grosse Menge Schaulustiger zu erkennen, die gekommen ist, um einen Blick auf den Kaiser – links, in heller Uniform – zu erhaschen. Für die am Manöver beteiligten Truppen war dieses grosse Interesse ein gemischtes Vergnügen. Nicht ohne Stolz hält etwa Oberstleutnant Julius Meyer in seinem Manöverbericht (Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung Nr. 38, 1912) fest, wie viel internationale Aufmerksamkeit das Manöver fand, beklagt aber gleichzeitig die Präsenz von Zivilisten auf dem Gefechtsfeld:

Um 8 Uhr [des 4. Septembers 1912] erschien Kaiser Wilhelm IL, begleitet von Bundespräsident Forrer auf dem Gefechtsfeld. In der glänzenden Suite folgten der deutsche und schweizerische Generalstabschef v. Moltke und v. Sprecher. Der Chef des Militär-Departements, Bundesrat Hoffmann, war mit den von ihren Regierungen abgeordneten fremden Offizieren und Generälen schon seit dem 2. September anwesend. Unter ihnen befand sich in eigener Mission der französische General Pau, Mitglied des obersten Kriegsrates. Auf der Höhe Häusligs bei Kirchberg trafen sie mit dem leitenden Oberst-Korpskommandant Wille zusammen.
Das alles gab dem Manöver ein besonderes Gepräge, welches durch mehrere Zehntausend freiwillige Besucher gesteigertes Interesse erhielt, zugleich aber den Truppenführern aller Grade, wie nie zuvor, den Ueberblick des Terrains und der gegnerischen Entwicklung erschwerte.

Nicht in jedem Moment gelang es offenbar, die Zuschauer so im Zaum zu halten wie es auf der Postkarte den Anschein hat. Das Bild zeigt nichts von erschwertem oder gar verlorenem Überblick. Ganz im Gegenteil: Die deutschen Generäle folgen aufmerksam den Ausführungen Generalstabschefs Theophil Sprecher von Bernegg in der Bildmitte. Angesichts des erwarteten Krieges ein beruhigender Kartengruss.

Weitere Postkarten zum Besuch Wilhelm II im Bildarchiv der ETH-Bibliothek.

Weiterführende Lektüre zur Postkartensammlung Feller: Burri, Monika: Die Welt im Taschenformat. Zürich : Scheidegger & Spiess, 2011.

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29.08.2014

Licht, Farbe und etwas Magie…

Filed under: *Bestände,GRAPHISCHE SAMMLUNG,Kunstgeschichte,Philosophie, Theologie — Tags: — Konstanze Forst-Battaglia @ 7:00

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Annelies Štrba, Madonna 31, 2014, Pigmentdruck auf Leinwand

Die Schweizer Künstlerin Annelies Štrba (*1947) wurde bereits in frühester Kindheit in den Bann der Muttergottes-Darstellungen gezogen. Obwohl sie selbst nie religiös erzogen wurde, waren es immer kleine Kirchen und Kapellen, die eine besondere Anziehungskraft auf sie ausübten. Stunden verbrachte sie dort und bewunderte sie: Madonna. Ihre Eltern sollten nie davon erfahren. Dieses Geheimnis gehörte nur ihr.

Annelies wurde erwachsen und lernte den Schweizer Schmuckkünstler Bernhard Schobinger kennen. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder: Linda, Sonja und Samuel. Das Familienleben gestaltete sich zeitweise recht turbulent: Zwischen Künstlerwelten und Punkszene zu Hause, fand sie jedoch in der Fotografie eine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen, die Zeit zu entschleunigen, Momente festzuhalten, für sich zu sein, vielleicht sogar Vergangenes in die Gegenwart zurückzuholen. Ihre Kinder standen dabei immer Zentrum. Sie sind die Hauptprotagonisten ihrer ersten Schaffenszeit und sollten für ihren gesamten künstlerischen Werdegang wesentlich bleiben.

Vor etwa sieben Jahren wurde Annelies Štrba von einer Lungenentzündung eingeholt. Eine Kur in Seelisberg sollte ihr dabei helfen ihren Körper wieder in Einklang zu bringen. Von ihrem Zimmer aus hatte sie stets freien Blick auf die dortige Kirche. Täglich ging sie hin und besuchte sie: die Madonnen. Fand die Künstlerin damals wieder zu sich? Waren es die beruhigenden Kindheitserinnerungen, die beim Anblick der Mariendarstellungen wachgerufen wurden? Annelies Štrba wurde gesund, doch ihre neu entdeckte Faszination für Madonna blieb. Wo auch immer sie nun hinkommt, fotografiert sie Madonnen in Kirchen, Kapellen, Museen und unterzieht sie anschliessend einer geheimnisvoll anmutenden Verwandlung. Dabei greift Štrba nicht zu Farbe und Pinsel, sondern bedient sich des Computers als unentbehrliches Zauberwerkzeug bei der Erschaffung ihrer „Lichtmalereien.“ Ihre Arbeiten sind das Ergebnis eines freudvollen Experimentierens mit Verfremdungen, Verzerrungen und dem Vordringen in ungewöhnliche, neuartige Farbwelten. Wenngleich die Madonnen losgelöst von ihrem eigentlichen religiösen Kontext erscheinen, ist die Künstlerin stets darum bemüht deren transzendente Aura zu bewahren. Für Štrba ist Maria Urbild aller Frauen und Mütter, Symbol für das Weibliche schlechthin; sie ist Ikone im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Die Madonnen von Annelies Štrba sind bis 19. Oktober 2014 im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Annelies Štrba. Madonnen“ in der Graphischen Sammlung der ETH zu bewundern.

 

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26.08.2014

Vom Joghurt zur Kunst

Filed under: BILDARCHIV — Tags: , — Roland Lüthi @ 6:00

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Produktionsstrasse in der ehemaligen Toni-Molkerei, September 1966 (Com_L15-0575-0122)

Während viele von uns in den Sommerferien weilten, fand im Toni-Areal in Zürich-West eine riesige Umzugsaktion statt. Die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK zügelte aus 35 Standorten ins Toni-Areal, wo am 16. September mit Beginn des Herbstsemesters der Betrieb neu aufgenommen wird. Am 25. Oktober soll dann das neue Domizil mit einem grossen Fest eingeweiht werden.

Die 1977 erbaute ehemalige Verbandsmolkerei und spätere Toni- Joghurtfabrik wurde vom Architekturbüro EM2N unter grossem Aufwand umgebaut und beherbergt neben Unterrichts- und Ausstellungsräumen auch Konzertsäle, ein Kino und eine Bibliothek. Wo früher Lebensmitteltechnologen auf dem Fliessband vorbeifahrende Milchflaschen betrachteten, wird zukünftig Videokunst, Malerei und Musik kreiert. Da auch Joghurt etwas mit Kultur und Fermentierung zu tun hat, steht die neue Brutstätte der Kultur im quirligen Zürich-West sicher am richtigen Ort. Wir wünschen der ZHdK auf jeden Fall gutes Gedeihen in den neuen Räumen.

Link:

ZHdK auf dem Toni-Areal

 

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24.08.2014

“Home is where you feel at home. I’m still looking.” Zum 30. Todestag von Truman Capote (30.9.1924-25.8.1984)

Filed under: BILDARCHIV,Linguistik, Literatur — Roland Lüthi @ 6:00

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Truman Capote bei der Ankunft in Zürich Kloten, vermutlich 1956 (Com_L05-0048-0027)

Der viel- und weitgereiste amerikanische Schriftsteller Truman Capote weilte in den 50er und 60er- Jahren mehrfach in der Schweiz. Das obige Bild zeigt ihn bei der Ankunft in Zürich Kloten, vermutlich im Jahr 1956. Der Fotograf der Agentur Comet dachte damals leider nicht an das Archivpersonal, welches seine Fotos in der fernen Zukunft verwalten würde. So steht denn auf dem Umschlag mit den Negativen lediglich: „Truman Capote in Klosters + Zürich/Gerber/Negativ-Kartei Nr. L5/48“. Wir wissen nun wenigstens den Namen des Fotografen (Hans Gerber) und können aufgrund der Nummerierung der Negativtasche das Jahr 1956 als ungefähres Entstehungsjahr des Bildes festlegen, allein der genaue Zweck von Capotes Reise nach Zürich bleibt im Verborgenen.

In der umfangreichen Capote-Biographie von Gerald Clarke findet sich zwar kein konkreter Hinweis auf einen Aufenthalt Capotes in Klosters im Jahr 1956, wohl aber die Erwähnung mehrerer Besuche bei Charles Chaplin und Oona o‘ Neill in Verbier zwischen 1953 und 1973. Das fragliche Jahr 1956 war für Capote besonders reich mit Reisen befrachtet. So reiste er am 19. Dezember 1955 von Berlin über Leningrad nach Moskau, wo er am 10. Januar 1956 der Premiere von George Gershwins Porgy and Bess beiwohnte. Ende Februar kehrte er zurück nach New York, hätte also vorher gut einen Abstecher nach Zürich und Klosters machen können. Aus New York reiste er alsbald wieder ab und begab sich nach Venedig, wo er bei Peggy Guggenheim logierte. Schon Anfang Mai war er wieder in Manhattan und bereits Mitte Juni verlegte er seinen Haushalt vorübergehend ans Meer nach Stonington (CT). Das Jahr endete mit einer längeren Reise nach Japan, Hongkong, Thailand und Kambodscha.

Literatur:

Gerald Clarke: Truman Capote; Eine Biographie (München, 1990)

 

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22.08.2014

„Swissair Luftbilder“ – Bilderwelten No. 4 zeigt die Schweiz von oben

Filed under: *Bestände,BILDARCHIV — Tags: , — Michael Gasser @ 7:00

Cover "Swissair Luftbilder"

In der Schweiz verhalf der Flugpionier Walter Mittelholzer (1894–1937) dem Luftbild zum Durchbruch. Machte der gelernte Fotograf als Mitglied der kleinen Schweizer Fliegertruppe im Ersten Weltkrieg noch Luftaufnahmen zu Aufklärungszwecken, entstand daraus nach dem Krieg ein Geschäftsmodell. Die Bilder von Ortschaften, Landstrichen oder einzelnen Gebäuden aus der damals ungewohnten Vogelperspektive verkauften sich gut. Als 1931 aus der Fusion von Mittelholzers Ad Astra Aero AG und der Balair die Swissair entstand, vermarktete ab 1934 die Tochterfirma Swissair Photo AG jahrzehntelang Luftaufnahmen.

Der neu erschienene Band „Swissair Luftbilder“ gibt Einblick in den rund 135‘000 Aufnahmen umfassenden Bestand an Luftaufnahmen der Swissair, der seit 2012 vom Bildarchiv der ETH-Bibliothek betreut wird. Im einleitenden Text gibt der Historiker Ruedi Weidmann nicht nur einen Überblick über die Entwicklung der Luftbildfotografie. Er geht auch der spannenden Frage nach, welchen Einfluss die Perspektive der abstrahierenden, Luftbild gestützten Vermessung auf markante Prozesse wie Flurbereinigung, Siedlungswachstum und Infrastrukturbau ausübten, welche die Schweiz vor allem in den Nachkriegsjahrzehnten deutlich prägten. Die Luftbildfotografie dokumentiert nicht nur Wandel, sie ist über ihre Vermessungen selbst daran beteiligt.

Die faszinierenden Luftaufnahmen im umfangreichen Bildteil illustrieren die ganze zeitliche und thematische Breite des Swissair-Luftbildbestand. Senkrecht- und Schrägaufnahmen in Schwarz-Weiss und in Farbe laden zum Entdeckungsflug über die Schweiz ein.

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Bremgarten (AG) an der Reuss, 1919 (Bildarchiv, LBS_MH01-000231-01, Ausschnitt)

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Cupfinal am Ostermontag 1973 im Wankdorfstadion in Bern. (Bildarchiv, LBS_R1-734409, Ausschnitt)

Die Publikation „Swissair Luftbilder“ ist im Buchhandel erhältlich oder kann direkt beim Verlag Scheidegger & Spiess bestellt werden.

Ausstellungshinweis

Das Museum im Bellpark in Kriens zeigt unter dem Titel “Switzairland. Ein Porträt aus der Vogelperspektive” (24.8. bis 2.11.2014) ebenfalls Aufnahmen aus dem Bestand des Swissair-Luftbilder.

Link
Über die Plattform BildarchivOnline sind zahlreiche Luftbilder aus dem Bestand öffentlich zugänglich.

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15.08.2014

Aus der Geschichte der Dampfmaschine

Filed under: *Bestände,ALTE UND SELTENE DRUCKE,Mechanik und Maschinenbau — Martin Bosshard @ 10:00

Früher benutzte man zum Ziehen und Stossen der Wagen Pferde und sogar die Menschen selbst. Bereits in der Antike wurde beobachtet, dass der Deckel eines Kochgefässes bei Erhitzung des Inhalts vom dabei entstehenden Wasserdampf angehoben wird. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Gelehrte des Altertums mit diesem Phänomen beschäftigten. Erste diesbezügliche Experimente wurden etwa im ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung durchgeführt. Bei einem dieser Versuche wurde eine mit Wasser gefüllte und mit düsenförmigen Austrittsöffnungen versehene Kugel erhitzt, was zur Folge hatte, dass sich die Kugel zu drehen begann. Diese Erfindung fand unter dem Begriff „Heronsball“, nach dem Erfinder Heron von Alexandria, Eingang in die Geschichtsbücher. Was aus heutiger Sicht verwundert, dass noch einmal rund 1‘600 Jahre vergehen mussten, ehe sich weitere Wissenschaftler mit dem Dampf und seinen nutzbaren Eigenschaften auseinandersetzen sollten.

Als dann im Zuge der Industrialisierung und der damit verbundenen beschleunigten Entwicklung von Technik, Produktivität und Wissenschaften in England die Dampfmaschine erfunden wurde, wurde diese innerhalb kurzer Zeit zur wichtigsten Arbeitsmaschine in verschiedensten Bereichen und schliesslich zum Motor der Fortbewegung, sei es auf dem Wasser (Schiffahrt) oder auf dem Land (Eisenbahn). Die erste Dampfmaschine, deren Einsatz in Bergwerken zum Abpumpen von Wasser sich rentierte, war eine Erfindung aus dem Jahre 1712. Ihr Konstrukteur war der Engländer Thomas Newcomen.

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Abb.: Elemente einer frühen Dampfmaschine aus Rar 4755 “Bernoulli, Anfangsgründe der Dampfmaschinenlehre für Techniker und Freunde der Mechanik”

Einer der ersten Wissenschaftler, welcher sich theoretisch mit der Dampfmaschine befasste, war Christoph Bernoulli, Professor für industrielle Wissenschaften in Basel und ein Vordenker seiner Zeit. Als Anhänger der Ideen der französischen Revolution übertrug er seinen unbedingten Fortschrittsglauben auf die Technik. Sein 1833 erschienenes Grundlagenwerk zur Dampfmaschinenkunde richtet sich an Techniker, denen Bernoulli vor allem die Praxis nahe bringt. Dies macht das Werk aus einer Zeit, deren Bücher eher theoretisch als praktisch geprägt waren, zu einer Ausnahmeerscheinung und wird zum Standardwerk für alle, die mit Dampfmaschinen zu tun haben.

Allein die Vorbemerkung des Verfassers unterstreicht die Leidenschaft, mit welcher sich dieser dem Thema widmete: „Das Vergnügen, das ich mehr und mehr bei einem nähern Studium der Dampfmaschine fand, und die Wahrnehmung, dass es unserer Literatur noch an einem umfassenden Werke über diese merkwürdigste aller Maschinen fehle, bewogen mich vor neun Jahren, eine Darstellung derselben unter dem Titel „Anfangsgründe der Dampfmaschinenlehre für Techniker und Freunde der Mechanik“ herauszugeben, und dieses kleine Werk wurde so wohlwollend beurtheilt und aufgenommen, dass ich mich vor mehreren Jahren schon zur Veranstaltung einer neuen Auflage aufgefordert sah.“ In der Einleitung betont Bernoulli die Bedeutung der Erfindung der Dampfmaschine für die ganze Menschheit, dass mit deren Einführung eine neue Zeitrechnung beginne und dass die Folgen für die ganze menschliche Gesellschaft und Zivilisation unabsehbar seien. Wie recht er doch hatte!

 

Links:

http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-21478

Literaturhinweise:

- Christoph Bernoulli, Anfangsgründe der Dampfmaschinenlehre für Techniker und Freunde der Mechanik, Basel, Neukirch,

1824

- Christoph Bernoulli, Bernoullis Dampfmaschinenlehre, 8. Aufl., Stuttgart, Bergsträsser, 1900

 

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08.08.2014

Von der ETH auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Teil I: Die Studenten

Die Schweiz ist keine Insel, weder heute noch vor 100 Jahren. Als im Sommer 1914 in Europa der Krieg ausbrach, der als Erster Weltkrieg in die Geschichte eingehen würde, war davon auch die ETH Zürich betroffen. Über 180 ausländische Studenten unterbrachen ihr Studium, um in den Streitkräften ihrer Heimatländer Kriegsdienst zu leisten. In den folgenden Kriegsjahren erhöhte sich diese Zahl nochmals auf rund 250 ETH-Studenten. Von den Studierenden mit Schweizer Bürgerrecht mussten zwischen 1914 und 1918 fast 600 ihr Studium zurückstellen, um Dienst bei der Grenzbesetzung zu leisten.

Bald waren auch unter den kämpfenden ETH-Studenten Opfer zu beklagen.

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Brief von Hugo Honda, k.u.k. Konsularsekretär an den Rektor der ETH Zürich, Basel, 14.11.1914.
Honda war ein Onkel des ETH-Doktoranden Herbert von Wayer
(Hochschularchiv der ETH Zürich, Doktorandenmatrikel Nr. 119, Wayer)

Am 1. Oktober 1914 wurde Herbert von Wayer, Offizier in der k.u.k. Armee, im Kampf zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schwer verwundet. Er wurde nach Tuzla (Bosnien-Herzegowina) in ein Militärspital gebracht, wo er am 20. Oktober im Alter von 24 Jahren verstarb.

Sein Onkel schrieb an den Rektor der ETH Zürich:

Im Namen meiner Cousine, Frau v. Wayer, sowie im eigenen, danke ich Ihnen hochgeehrter Herr, für die trostreichen Worte, welche Sie aus Anlass des Todes Herberts an uns zu richten die Güte hatten.

Er starb sanft und gottergeben und gedachte in einem Briefe, den er kurz vor seinem Tode an seine Mutter schrieb, auch seiner ehemaligen Lehrer und der Stätte an der er so viel Wissen gesammelt. Auch des Landes, dessen Gastfreundschaft er und wir alle genossen, gedachte er noch. Und vor dem Abmarsch aufs Schlachtfeld rief er seiner Mutter noch zu: ,… und grüsse mir die schöne Schweiz‘!

Der ETH-Doktorand Herbert von Wayer stammte aus Pola (Pula, heute Kroatien) und hatte in Triest (heute Italien) die Matura gemacht. 1908 kam er nach Zürich ans Polytechnikum, wo er im Sommer 1912 sein Diplom als Fachlehrer in mathematisch-physikalischer Richtung erhielt. Sein Studium hatte er mehrmals unterbrochen, um in Österreich-Ungarn seine Militärdienstpflicht zu leisten. Wayer blieb als Doktorand an der ETH und wurde Assistent für Geometrie bei Prof. Marcel Grossmann. Sein Doktorvater war allerdings mit Wayer unzufrieden und verlangte eine Überarbeitung der Dissertation, was Wayer mit seiner Kündigung quittierte. Die Doktorarbeit wurde nie fertig gestellt.

 Todesanzeige

Sammel-Todesanzeige der ETH für gefallene Studenten, Tagblatt der Stadt Zürich und Amtsblatt, 20. Oktober 1915, S. 7

ETH-Studenten kämpften an jeder Front auf dem europäischen Kontinent, in den Reihen der Mittelmächte wie auch der Entente. Sie kämpften also auch gegeneinander. Insgesamt fielen 15 Studenten und Doktoranden der ETH Zürich auf den Schlachtfeldern Europas, darunter auch ein Student aus England und einer aus Australien. Alle diese jungen Männer starben im Alter zwischen 21 und 24 Jahren.

In Zürich merkte man davon nicht viel. Die Namen der gefallenen Studenten wurden zwar am Schwarzen Brett im ETH-Hauptgebäude und in den jährlichen Studentenverzeichnissen veröffentlicht. Eine Todesanzeige schaltete die ETH nur gerade einmal, im Oktober 1915, und noch dazu als Sammel-Todesanzeige im Amtsblatt – wohl einiges billiger als eine Todesanzeige in der NZZ.

Matrikel Kis

Das Rektorat der ETH Zürich kennzeichnete die Matrikel von verstorbenen Studenten jeweils
mit einem handgemalten schwarzen Kreuz.  Ausschnitt aus der Studentenmatrikel von Karl Kis.
(Hochschularchiv der ETH Zürich, Studentenmatrikel, EZ-REK 1/1/14‘161)

 

Die traurige Bilanz der im Ersten Weltkrieg gefallenen ETH-Studenten:

Herbert von Wayer 1890-1914 Mathematik-Physik Österreich-Ungarn, auf dem Balkan gefallen
Jules Exner 1893-1915 Maschineningenieurwissenschaften Frankreich, an der Westfront gefallen
Paul Schlumberger 1892-1915 Chemie Deutschland (Elsass), an der Westfront gefallen
Eugen Lassovszky 1894-1915 Maschineningenieurwissenschaften Österreich-Ungarn, in Galizien gefallen
Gerhard Thalmann 1894-1915 Chemie Österreich-Ungarn
Thomas Dibbs 1892-1915 Maschineningenieurwissenschaften Australien, in Flandern gefallen
Paul Gégauff 1893-1915 Maschineningenieurwissenschaften Deutschland (Elsass), in der Champagne gefallen
Henri Mongin 1891-1915 Maschineningenieurwissenschaften Frankreich, an der Westfront gefallen
Milosch Komadinitisch 1891-1915 Ingenieurwissenschaften Serbien, auf dem Balkan gefallen
Eberto Sarra 1894-1916 Maschineningenieurwissenschaften Italien, am Isonzo gefallen
Karl Kis 1896-1916 Maschineningenieurwissenschaften Österreich-Ungarn
Alexander Jennings 1894-1917 Maschineningenieurwissenschaften England
Hugo Dietsche 1894-1917 Chemie Deutschland
Hans Müller 1894-1918 Architektur Deutschland
Raoul Simonini 1894-1918 Ingenieurwissenschaften Italien

 

Quellen im Hochschularchiv der ETH Zürich

Auf die Einträge zu Herbert von Weyer in den Protokollen des Schweizerischen Schulrats kann online zugegriffen werden. Die Namen der gefallenen Studenten wurden jeweils einmal im Jahr im Vorlesungsverzeichnis abgedruckt. Dieses ist ebenfalls online zugänglich (Suchbegriff „Polyprogramme“). Die Studenten- und Doktorandenmatrikel aus dieser Zeit können im Hochschularchiv der ETH Zürich eingesehen werden.

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