ETHeritage
Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH-Bibliothek

03.03.2015

Aus der Welt der Optik: Francesco Bianchini und seine Beobachtungen auf der Venus mittels Riesenteleskop

Filed under: *Bestände,ALTE UND SELTENE DRUCKE,Astronomie — Martin Bosshard @ 8:23

122531

Abb.: Astronomisches Riesenfernrohr aus “Hesperi et phosphori nova phaenomena, sive Observationes circa planetam Veneris” (1728)

Als Riesenteleskope wurden im 17. und 18. Jahrhundert astronomische Fernrohre mit enorm grossen Dimensionen bezeichnet. Die Grösse bezog sich sowohl auf die Länge des Teleskops als auch auf die Öffnung des Objektivs.

Nach der Erfindung des Fernrohrs durch Galilei und Kepler war man bestrebt, die Vergrösserung und Lichtstärke der Objektive möglichst zu steigern. So entstanden spektakuläre Linsenfernrohre von enormer Länge (bis zu 25 m).

Einer der wenigen Wissenschaftler, welcher den Einsatz dieser hochkomplizierten Teleskope beherrschte, war der italienische Astronome und Philosoph Francesco Bianchini (1662-1729). Der aus Verona stammende Bianchini absolvierte eine sehr breitgefächerte Ausbildung, indem er sich nicht nur den Naturwissenschaften widmete sondern sich auch mit der Theologie und der Rechtswissenschaft befasste. Berühmt wurde Bianchini durch seine Bemühungen, die Genauigkeit des Kalenders zu verbessern, indem er einige wichtige Mittagslinien (Meridiane) konstruierte, mit denen man die Position der Sonne und der Sterne berechnet. Die bekanntesten sind in der Kirche San Petronio in Bologna und in der Basilika von Santa Maria degli Angeli e die Martiri in Rom zu sehen.

Dank persönlicher Beziehungen und Kontakte gelang ihm die Übersiedlung nach Rom, wo er bei Kardinal Ottoboni, einem grossen Förderer der Künste und Wissenschaften, als Bibliothekar angestellt wurde. Bei der Familie Ottoboni war er unter das Patronat einer der wichtigsten Mäzenatenfamilien Roms gelangt, was ihm ausgezeichnete Möglichkeiten für die Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Karriere bot und ihn schliesslich zum päpstlichen Kurialbeamten werden liess.

Zu seinen populärsten naturwissenschaftlichen Werken zählen die Ergebnisse seiner Venus-Beobachtungen, welche er in „Hesperi et Phosphori nova phaenomena sive observationes circa planetam Veneris“ (online via e-rara.ch  http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-423) veröffentlichte. In seiner Theorie leitet Bianchini eine Rotationsperiode von der Beobachtung der Oberfläche der Venus ab. Heute weiss man, dass dies wegen der starken Wolkenabdeckung auf der Venus unmöglich ist, aber zu seiner Zeit waren solche Beobachtungen spektakulär, insbesondere auch aufgrund der Art ihres Zustandekommens mittels der Verwendung eines Riesenteleskops.

Quellen:

Kockel/Sölch (Hrsg.), Francesco Bianchini und die europäische gelehrte Welt um 1700, Berlin, 2005

Share Button

20.02.2015

The Baddest Daddy in the Whole World

Filed under: BILDARCHIV,Geschichte — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Welti-Furrer: Ankunft von Cassius Clay in Kloten Flughafen

Hans Krebs: Ankunft von Muhammad Ali in Kloten, 16.12.1971 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L20-0040-2608)

Eigentlich war dieser Beitrag für das vergangene Jahr geplant, schaffte es aber dennoch nicht bis zur Publikation. Etwas verspätet hier also zur Abwechslung ein nicht ganz runder Jahrestag: Vor 51 Jahren, am 25. Februar 1964 wurde Muhammad Ali (damals noch “Cassius Clay”) erstmals Schwergewichtsweltmeister in Miami Beach, Florida. Aus Anlass dieses 51. Jahrestages zeigen wir ein jüngeres Bild Alis aus dem Bestand der Presseagentur Comet und werfen einen Blick auf seinen Besuch in Zürich im Jahr 1971.

Das Kind in dieser Aufnahme ist sehr wahrscheinlich Alis Tochter Maryum. Insgesamt soll der Tross des Champions mehr als fünfzig Leute aus Familie, Betreuern und Freunden gezählt haben. Der Grund des Besuchs in Zürich war der Kampf gegen Jürgen Blin am 26. Dezember. Ali gewann diesen Kampf und bekam dafür eine Gage von 300’000 US-Dollar, was damals rund einer Million Schweizer Franken entsprach. Laut Peter Hartmann in der Weltwoche 03/2012 blieb der zehntägige Besuch des berühmten Boxers in Zürich eine Fussnote in seiner Karriere, doch …

Es gibt darüber einen fabelhaften Film, dessen Geschichte so mysteriös ist, wie die des Kampfes. Gedreht hat ihn der Filmer Ernst Bertschi, der sich später Max Ramp nannte, mit einer acht Kilo schweren geräuschlosen Eclair-Kamera, im Alleingang, ohne Assistenten. Er hatte Tag und Nacht Zugang zu Ali und seiner Familie und betitelte das Werk “Muhammad Ali – The Baddest Daddy in the Whole World”, was wortspielerisch das Gegenteil bedeutet: Ali als liebevoller, verschmitzter Vater (er konnte auch hervorragend zaubern und Dinge verschwinden lassen) mit der dreijährigen Maryum und den Zwillingsbabys Jamillah und Rasheda.[…] Der Streifen bleibt verschollen, bis auf einige Video Raubkopien.

Immerhin wurde der Aufenthalt Muhammad Alis auch vom Zürcher Fotograf Eric Bachmann ausgiebig dokumentiert. Die Bilder sind erst kürzlich in einem Buch in der Edition Patrick Frey erschienen. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass der verschollene Film eines Tages wieder auftaucht und für die breite Öffentlichkeit zugänglich wird.

 

Share Button

13.02.2015

Photographers aloft – eine Pionierfahrt 1863 im Ballon von Henry Coxwell

Filed under: *Bestände,Geschichte,HOCHSCHULARCHIV ETHZ,Meteorologie, Klimatologie — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 7:00

HS_597_001_01COXWELL_f1e065faf9ad46d7a97f5bc7c95f5c97_0002

Brief von Henry Coxwell (1819-1900) an James Glaisher (1809-1903), 26.5.1863, Seite 1 mit Erwähnung von Mr. Negretti, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 597:1, doi: 10.7891/e-manuscripta-16222

 HS_597_001_02COXWELL_f1e065faf9ad46d7a97f5bc7c95f5c97_0003

Seite 2 des Briefes, , Hs 597:1, doi: 10.7891/e-manuscripta-16222 

Der englische Ballonfahrer Henry Coxwell schrieb 1863 bis 1865 etliche Briefe an den Meteorologen James Glaisher, mit dem er in den 1860er Jahren 28 meteorologisch-wissenschaftliche Ballonaufstiege unternahm. Es sind schnell notierte Mitteilungen, die zwar nicht mit einer Schilderung der Pionierfahrten aufwarten können, die aber die Organisationsfragen und die täglichen Herausforderungen spiegeln und manchmal zeigen, dass sich sogar ein Anflug von Routine ergab, wenn sich die Ballonfahrer über hängige Fragen absprachen.

Im Mai 1863 war jedoch zweifellos ausserordentlich, dass Henry Coxwell James Glaisher danach fragte, was er von einem bestimmten, vermutlich bereits in vorhergehenden Briefen erwähnten Vorschlag Negrettis halte:„What about Mr. Negretti’s proposition [?]“ Wer war der erwähnte Negretti? Was hatte er zur Diskussion gestellt? In der vorliegenden Quelle haben wir wenig Anhaltspunkte. Immerhin aber wissen wir, dass die ersten Luftaufnahmen in England über London entstanden sind, 1863 auf einer Ballonfahrt mit Henry Coxwell und seinem Ballon „Mammoth“, geschossen von Henry Negretti. Fünf Jahre zuvor waren dem französischen Fotografen Nadar über Paris die ersten Luftaufnahmen überhaupt gelungen. Laut einem Literaturnachweis zu „Negretti’s Ballon ride“ war die Fahrt über London Thema in der „London Review“ im Juni 1863.

Henry Negretti war ursprünglich Konstrukteur wissenschaftlicher Geräte, zusammen mit Joseph Zambra Firmengründer von Negretti & Zambra und ein Pionier der Fotografie. Er hatte unter anderem als offfizieller Fotograf der Londoner Weltausstellung von 1851 gearbeitet. Negretti & Zambra waren seit den 1850er Jahren bekannt für die Veröffentlichungen von stereoskopischen Ansichten, die Fotografen auch in entfernten Ländern in Kommission erstellten.

Negretti unternahm die Ballonfahrt für seine Luftaufnahmen am 28. Mai 1863. Dieses Datum ist in der Encyclopedia of Nineteenth-Century Photography, herausgegeben von John Hannavy, S. 986 vermerkt. Dies war zwei Tage nach dem Brief von Henry Coxwell an James Glaisher, in dem Coxwell Glaisher um eine telegraphische Benachrichtigung bat:.., „if you think tomorrow will suit you.“ War James Glaisher am 28. Mai ebenfalls mit von der Partie?

Die Ballonfahrt der Fotografen führte auf 4000 feet, rund 1.2 km Höhe. Die „London Review” berichtete am 6. Juni 1863:

“It does not much matter what motive induced Mr. Negretti to go up with Mr. Coxwell on Thursday last, with a dark tent, in the famous “Mammoth”, but Mr. Negretti says he was deeply interested in ascertaining the possibility of taking photographic pictures in a balloon; and whether business, science, or pleasure tempted him to use the camera and hypo-sulphite bath at 4,000 feet above the earth, we, at least, are very much interested in his proceedings and their results. The special hiring of the balloon, when Mr. Coxwell had offered free passages on the occasions of his public ascents, solely for the completely and effectively carrying out his experiment, must make us accord, however, to Mr. Negretti all the honour due to a true scientific investigator; and it is but justice to himself and his firm to acknowledge how readily and ably, on all occasions when new scientific instruments have been required for scientific inquiries, the resources of their manufactory and their own practical skill and experience have been placed at the service of competent observers in furtherance of the attainment of scientific knowledge. Ascending at noon from Sydenham, the balloon rose swiftly…”

Es war ein schneller Aufstieg. Dabei galt es, ein neues, aber nicht unerwartetes Problem zu bewältigen: Fotoshooting diesmal nicht eines sich bewegenden Objekts wie an einem Pferderennen, sondern Aufnahmen von einer bewegenden Basis aus, hier von einem sich drehenden Ballon.

„It is a very different thing to take a photograph of a moving object from a solid base of operations and to take one of an immoveable scene from a whirling and rotative base. It is no wonder, then, Mr. Negretti’s assistant, when views were attempted in the elevated regions of the air, where the motion of the balloon had become steadier, reported of the Pictures „moved”, that is, that the edges of the objects were a little shifted, and the pictures not quite sharp and true.”

Um dem Missstand abzuhelfen, wurden möglichst viele Aufnahmen gemacht. Zudem wurde offenbar der Versuch in der Luft als Erfolg gesehen, da er die gesuchten Klärungen brachte.

„… the primary question to be solved was, whether the actinic powers of the sunbeams ware as effective as in the lower regions; and, indeed, whether sunligt up there had any actinic power at all. The fact that many pictures were taken, although all reported „moved”, distinctly proves that sun-pictures may be taken at from 3’000 to 4’000 feet at least, and higher no doubt when the trial is made.”

Bereits am 25. Mai muss Negretti einen Ballonflug unternommen haben. Dies berichtete Henry Coxwell James Glaisher im vorliegenden Brief. „Yesterday he went up with a party of Officers, but without any instruments or photographic apparatus whatever.”

Wir dürfen vermuten, dass James Glaisher die Fragen, die sich bei Fotoaufnahmen in der Luft stellten, ebenfalls vor Ort verfolgen wollte. Eine Biographie über James Glaisher, die 1996 in der Zeitschrift der Royal Astronomical Society erschienen ist, enthält den spannenden Hinweis, dass sich im Bestand der Library of the Royal Astronomical Society zu James Glaisher eine Fotografie befinde, die Glaisher und Henry Coxwell zeige, „sitting in the balloon car before lift off“, aufgenommen von Henry Negretti.

Damit gibt es vom Experiment Luftaufnahmen vom 28.5.1863 neben den schriftlichen Hinweisen auch eine fotografische Spur. Die zahlreichen Aufnahmen, von denen in der „London Review“ die Rede ist, gelten heute leider als verschollen.

 

Weiterführende links:

Die Briefe von Henry Coxwell in Hochschularchiv der ETH Zürich

Angaben zu Henry Negretti bei „photoLondon“

Biographie über James Glaisher von J.L. Hunt, in: Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society, 1996, S.315-347

Zeitungsartikel in der London Review 1863, S. 618

Bestand Glaisher bei der Royal Astronomical Society (RAS) (unter G, Glaisher)

Share Button

06.02.2015

Ein Künstler ordnet die Welt – Matt Mullican in der Graphischen Sammlung ETH Zürich

Filed under: *Bestände,GRAPHISCHE SAMMLUNG,Kunstgeschichte — Tags: — Konstanze Forst-Battaglia @ 7:00

Abb_3

Matt Mullican (*1951), Hrsg. Brooke Alexander Editions, New York, Untitled. 1990-1991,Holzkasten mit 554 Abreibungen auf Rives, in 16 Original-Kassetten, 66.50 x 48.50 cm (Blattgrösse) 144.10 x 77.50 x 55.90 cm (Kastengrösse)

Seit über zwanzig Jahren sammelt die Graphische Sammlung ETH Zürich Werke des amerikanischen Künstlers Matt Mullican. 1951 in Kalifornien geboren, ist der Konzeptkünstler heute in Berlin und New York zu Hause. In der am 3. Februar 2015 eröffneten Ausstellung werden die von der Graphischen Sammlung erworbenen Werke erstmals in ihrer Gesamtheit gezeigt. Als Höhepunkt der Ausstellung darf der 1993 erworbene Holzkasten mit 16 Kassetten  gelten, die 554 Ölkreide-Frottagen, sogenannte Rubbings, enthalten. Diese von Brooke Alexander, New York, 1991 herausgegebene umfangreiche Edition gibt Abbildungen der „Edinburgh Encyclopædia“ (zwischen 1808 und 1830 erschienen) wieder.

Mullican bedient sich der Gattung der Enzyklopädie, um sein von ihm entwickeltes Ordnungssystem zu demonstrieren, das in fünf Kategorien eingeteilt wird: Die in der Hierarchie unten stehende Kategorie, Physical Elements, umfasst alles, was der Mensch vorfindet, aber nicht selber gestaltet und bearbeitet hat; World Unframed steht für die vom Menschen eingerichtete Welt; World Framed bezeichnet die Künste, die künstlerischen Aktivitäten in jeglicher Form; Language ist die Sprache, die Bild- und Schriftzeichen; Subjective Meaning, als höchste Kategorie seines Ordnungssystems, erfasst das Subjektive, die geistige Aktivität des Menschen, die Philosophie. Mullican ordnet jedem Enzyklopädie-Auszug eine oder mehrere Kategorien seines Ordnungssystem zu: Eine bestimmte botanische Darstellung, eine Pflanze, kann sowohl vom Menschen vorgefunden (Physical Elements), als auch vom Menschen als Nutzpflanze gehalten werden (World Unframed).

Ausgewählte Zeichnungen und ein von Mullican für die Edition Cestio 2014 geschaffenes Blatt mit dem Titel „Untitled (Cosmology, Subject, Model)“ bereichern die Ausstellungen, die noch bis zum 29. März 2015 in der Graphischen Sammlung ETH Zürich zu sehen ist.

Share Button

30.01.2015

Warda Blèser-Bircher (1905-2006) – Geologin, Paläontologin, Botanikerin, Künstlerin. Das Frausein in einer Zeit vor der Emanzipation.

Filed under: Botanik,ERDWISSENSCHAFTLICHE SAMMLUNGEN,Geologie,Paläontologie — Milena Pika-Biolzi @ 7:00

Bléser

Warda Bircher und Hugo Dünner mit einem Abguss von Andrias Scheuchzeri in der Geologischen Sammlung der ETH Zürich (Bussmann, 2005)

Warda Blèser-Bircher wurde 1905 in Kairo, als einziges Kind der Schweizer Iduna und Alfred Bircher-Hunziker geboren. Der Vater führte erfolgreich eine Fabrik für Gips und Ziegelsteine in El Saff, 100 km südlich von Kairo. Die ganze Freizeit opferte er seinem botanischen Garten in El Saff und es entstand ein weltweit anerkanntes Werk in Form eines mehrere Hektaren umfassenden Gartens mit über 2000 tropischen Pflanzen. Die gewonnenen Erfahrungen mit den Pflanzen aus aller Welt versuchte der Vater jahrelang in einem Buch zusammenzufassen. Erst seine Tochter vervollständigte das Werk und gab es zwei Jahre nach seinem Tod unter dem Titel “Gardens of the Hesperides” heraus.

1927 begann Warda ihre Studien an der Universität Zürich, erst Botanik, dann Geologie und Paläontologie. Sie schloss als zweite Frau in Zürich mit dem Doktorgrad in Geologie ab. Auf Grund ihrer Ausbildung arbeitete sie als Geologin und Paläontologin für die Shell Corporation in der Türkei, in Iran und in Ägypten. Sie zeichnete ihr ganzes Leben lang Pflanzen und Landschaften an allen Stationen ihres Lebens. 1946 heiratete sie den Geologen Paul Blèser, welcher für Shell in der ganzen Welt geologische Untersuchungen machte. Warda reiste immer mit ihrem Ehemann mit. Sie durfte selten arbeiten weil damals eine Frau nach ihrer Heirat nicht mehr berufstätig sein konnte, dies aus gesellschaftlichen Gründen und weil sie einem „Ernährer“ den Arbeitsplatz weggenommen hätte.

Nach dem Tod des Vaters und mit der Pensionierung von Paul Blèser führte das Ehepaar gemeinsam das Werk des Vaters weiter und bewirtschafteten den Garten in El Saff. 1963 wurde dieser vom Staat Ägypten enteignet. Warda klagte gegen den ägyptischen Staat und gewann den Prozess ein Jahr später. Sie war eine der wenigen, denen es gelang, eine Enteignung rückgängig zu machen. 29 Jahre lang, bis zum Tod von Paul, waren der Garten und die Malerei der Lebensinhalt des Ehepaares. 1990 beschlossen Paul und Warda den Garten in El Saff zu verkaufen, denn beide waren inzwischen 85 Jahre alt. Zu ihrer Unzufriedenheit fanden sie keinen Käufer, der das Werk weiter führen wollte, sondern nur einen Chirurgen, der sich lediglich im Garten am Wochenende erholen wollte.

Das Ehepaar verbrachte die Wintermonate in El Saff und den Sommer jeweils in Orselina, im Tessin, wo Paul 1991 starb. Im Jahr 2000 gab Warda Blèser-Bircher die “Encyclopedia of fruit trees and edible flowering plants” heraus. Darin enthalten sind die Erfahrungen von Warda und Alfred Bircher, zwei Menschen, die sich über 80 Jahre lang mit tropischen Pflanzen auseinandersetzten. Im Oktober 2005 reiste die Hundertjährige nach Ägypten, um ihren Haushalt aufzulösen. Eine Menge Briefe, Bücher, Bilder, Fotos, Tagebücher, Koffer und Möbel hatten sich hier angesammelt. Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich war schon im Jahr 2002 kontaktiert worden und hatte sich entschieden den Bestand der Familie Bircher zu archivieren. In Kairo und Orselina wurden damals schon geschichtlich wertvolle Dokumente gesichtet und schon zu Lebzeiten von Warda Blèser-Bircher wurde ein Teil des Nachlasses im Archiv aufgenommen, um ihn so der Nachwelt zu erhalten.

Warda war eine grossartige Frau, die die rasante Entwicklung der Technik miterlebte und mit 100 Jahren begann, am Computer Briefe zu schreiben und als E-Mails zu verschicken. 2006 starb Warda Blèser-Bircher im Alter von 101 in Orselina. 2005 veröffentlichte Nora Bussmann das Buch: “Die mutige Pionierin: Warda Blèser-Birchers Jahrhundert”. Mit Interviewausschnitten, Quellentexten, Briefen und Tagebucheintragungen gestaltete die Autorin eine ungewöhnliche Biographie der damals 99-jährigen. 2007 hat der Regisseur Jens-Peter Rövekamp im Dokumentarfilm “Unter einer anderen Sonne geboren”, ein feinfühliges Portrait über das Leben der Wissenschaftlerin und Künstlerin geschaffen.

Publikationen von Warda Blèser-Bircher:

Studien im obern Bajocien der Ostschweiz (Glarner- und St. Galleralpen) (Dissertation Universität Zürich, Kairo 1935)

“Gardens of the Hesperides. A book on old and new plants for Egypt and similar climes” (Kairo 1960)

“The Date Palm: A Boon for Mankind” (Kairo 1990),

“The Date Palm: A Friend and Companion of Man” (Kairo 1995)

“Encyclopedia of Fruit Trees and Edible Flowering Plants in Egypt and the Subtropics” (Kairo / New York 2001).

Publikationen über Warda Blèser-Bircher:

Bussmann, Nora, 2005: Die mutige Pionierin: Warda Blèser-Birchers Jahrhundert. Zürich. Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Dokumentarfilm: ”Unter einer anderen Sonne geboren”. Regie und Kamera Jens-Peter Rövekamp, Recherche Susanne Hausammann.

 

Share Button

23.01.2015

Bilderrätsel

Filed under: BILDARCHIV,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Technisches Gerät, 1944 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, PI_44-X-0001)

Im internationalen Jahr des Lichts präsentieren wir ein Bild aus den Beständen des Photographischen Instituts der ETH Zürich. Es handelt sich um einen elektrischen Apparat mit einer Projektionsvorrichtung. Eine motorbetriebene runde Scheibe weist spiralförmig angeordnete Schlitze und eine Linse auf. Ist es eine Art Stroboskop, ein kinematographisches Urgerät?

Das Photographische Institut der ETH wurde im Wintersemester 1886/87 gegründet, nachdem bereits in den Jahren zuvor Veranstaltungen zum Thema Photographie stattgefunden hatten. Die Aufgaben umfassten Theorie und Praxis der Photographie, der Kinematographie und graphischer Reproduktionsverfahren, die Forschung sowie die Herstellung von Photographien, Diapositiven und kinematographischen Filmen für ETH-interne Zwecke. Das Institut existierte bis 1979; danach wurden verschiedene Aufgaben  im Rahmen des Instituts für Kommunikationstechnik weitergeführt. Die Bildbestände sind heute Teil des Bildarchivs und umfassen etwa 35‘000 Negative mit sehr unterschiedlichen Sujets.

Ideen betreffend Funktion und Zweck des abgebildeten Geräts können gerne als Kommentar deponiert werden. Wir freuen uns über Ihre Zuschrift!

Übrigens immer noch ungelöst ist das Bilderrätsel vom 28.6.2013: http://blogs.ethz.ch/digital-collections/2013/06/28/bilderratsel-3/

Share Button

16.01.2015

Corpus delicti: Rebblatt

Filed under: *Bestände,Chemie und Pharmazie,HOCHSCHULARCHIV ETHZ — Tags: , , , — Christian John Huber @ 10:02

Robert Gnehm (1852-1926) war manches in seinem arbeitssamen Leben: Kolorist, Chemiker, CEO, Verwaltungsratspräsident, Parlamentarier, ETH-Professor, Rektor und Präsident des Schweizerischen Schulrats. Und trotzdem fand er daneben Zeit als Berater für chemische Fragen aufzutreten. So auch 1895 im „Prozess Wegenstein contra Aluminiumfabrik Neuhausen“, wie Gnehm am Mittwoch, den 2. Oktober um 9.30 Uhr vormittags in sein Notizbüchlein schrieb. Anlass der Notiz war ein erster Augenschein vor Ort in Neuhausen. Anwesend waren:

  • die Herren Ammann und Tanner vom Bezirksgericht Schaffhausen
  • der Kläger Franz Wegenstein, Hotelier
  • der Beklagte Herr Schindler, Direktor der Aluminiumfabrik
  • die Gutachter Professor Julius Weber aus Winterthur und Robert Gnehm

Als einflussreicher Besitzer mehrerer Hotels rund um den Rheinfall klagte Franz Wegenstein, die Emissionen der Aluminiumhütte und des Anodenwerks schädigten seine Reben. Als Beweisstücke dienten Rebblätter, die im Technisch-chemischen Laboratorium des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich untersucht wurden. Einige dieser Beweisstücke haben die letzten 120 Jahre in Robert Gnehms Nachlass überdauert – allerdings in einem äusserst fragilen Zustand. Es sollte nicht die einzige Begehung bleiben. Der Prozess dauerte bis 1902 an.

Dossier Gutachten Fall Wegenstein

Notizbuch, Korrespondenz und Beweisstücke aus Gnehms Dossier Prozess Wegenstein contra Aluminiumfabrik Neuhausen (Hochschularchiv Hs 633:57)

Das Gutachten vom 9. April 1902 beschreibt ausführlich, welche Massnahmen die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft in Neuhausen zur Verhinderung von gefährlichen Emissionen unternahm. Das Expertenteam kam zu folgendem Schluss:

„Durch unsere Erhebungen haben wir den allgemeinen Eindruck erhalten, dass mit den Einrichtungen der Aluminiumfabrik in Bezug auf Absorption und Condensation schädlicher Gase das erreicht wird, was bei einem derartigen Betrieb verlangt werden kann. Es schien uns, dass in der Fabrik zur Verhinderung von Rauchschäden – für den gegenwärtigen Betrieb und unter der Voraussetzung, dass die Installation regelmässig und normal funktionirt (sic!) – dasjenige getan wird, was dem heutigen Standpunkte der Technik entspricht.“

Hs633_57_Gutachten_1902

Seiten 2 und 3 des Gutachtens vom 9. April 1902 im Prozess F. Wegenstein gegen die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft (Hochschularchiv Hs 633:57)

Der Historiker Adrian Knoepfli weist in seiner Gnehm-Biografie auf das pikante Detail hin, dass die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft (später Alusuisse) Gnehms Dienste auch als Berater in Anspruch nahm.

Adrian Knoepflis Buch Robert Gnehm – Brückenbauer zwischen Hochschule und Industrie ist soeben in der Reihe Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik erschienen. Die Vernissage des Werkes findet heute, 16.1.2015, um 17.00 Uhr an der ETH Zürich (Gebäude LEE, Raum E101) statt.

Die abgebildeten Dokumente stammen aus dem Nachlass Robert Gnehms im Hochschularchiv der ETH Zürich.

Share Button

09.01.2015

Sihlsee

Filed under: Geographie und Karten,KARTEN — Markus Appenzeller @ 7:00

Alt_Ausschnitt_200dpi

SK_150dpi

Neu_Ausschnitt_200dpi

Quelle: Bundesamt für Landestopographie

Der Sihlsee, dessen Wassermassen bei einem Dammbruch auch Teile der Stadt Zürich überfluten könnten (wir erinnern uns daran, wenn die schaurig-schönen Sirenen des Probealarms uns aufschrecken), hatte einen natürlichen Vorläufer, der durch einen Gletscher entstanden ist. Nach dessen Rückzug bildeten die Endmoränen einen natürlichen Damm, der das Wasser staute. Das von den Bächen und Flüssen angeschwemmte Material füllte den See allmählich auf. Es entstand eine Sumpflandschaft. Bis ins 20. Jahrhundert wurde Torf abgebaut. Die zahlreichen kleinen Torfhütten in der Region Todtmeer sind auf dem Kartenausschnitt der Siegfriedkarte deutlich zu sehen. Nach jahrelangen Diskussionen über die Umsiedlung der Bevölkerung  folgte der Bau der Staumauer. 1937 begann man mit dem Stauen.

Die Kartenausschnitte zeigen die Situation des Sihltals vor der Ueberflutung (Topographische Karte der Schweiz 1:100 000, Blatt 9, Nachträge bis 1930) und die heutige Situation mit dem Sihlsee (Landeskarte der Schweiz 1:100 000, Blatt 33, Nachträge bis 2010). Die Torfhütten sind auf  dem Topographischen Atlas der Schweiz 1:25 000 (genannt Siegfriedatlas) Blatt 245, Nachträge bis 1906 zu sehen.

Die Veränderung der Landschaft in der Region Sihlsee lässt sich mit der Internetanwendung Zeitreise vom Bundesamt für Landestopografie sehr schön zeigen.

Literatur: Mehr als eine Batterie für die SBB. In: Schwyz zu Fuss / Patrik Litscher ; S.62- 67

Weiterführende Informationen im Internet: Projektarbeit zum Thema Kulturlandschaftswandel vom Institut für Kartografie ETH Zürich Mai 2008

Share Button

02.01.2015

Zum internationalen Jahr des Lichts 2015

Filed under: BILDARCHIV,Physik — Roland Lüthi @ 7:00

Fabrik Volpi AG in Schlieren: Glasfaseroptik für Licht- und Bil

 Hans Baumann: Fabrik Volpi AG in Schlieren, Glasfaseroptik für Licht- und Bildübertragung, September 1968 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L17-0524-0121)

Die Initiatoren des Internationalen Jahr des Lichts und lichtbasierter Technologien möchten das Bewusstsein dafür stärken, wie sehr optische Technologien für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen für Energie, Landwirtschaft, Kommunikation, Erziehung und Gesundheit von Bedeutung sind. Seit den ersten Studien in Optik bis zu den neuesten Errungenschaften in der Glasfasertechnologie, welche heute die Grundlage des Internets bilden, sind ungefähr 1’000 Jahre vergangen. Optische Technologien sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken.

Die Aktivitäten stehen unter der Schirmherrschaft der UNESCO und werden getragen von mehreren Partnern wie American Institute of Physics (AIP), American Physical Society (APS), Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), European Physical Society (EPS), IEEE Photonics Society (IPS),  Institute of Physics (IOP), International Society for Optics and Photonics (SPIE), lightsources.org International Network und The Optical Society (OSA).

An der ETH und der Universität Zürich wird im September eine Scientifica unter dem Arbeitstitel “Es werde Licht” präsentiert. Die Ausstellung wird sich rund um Licht und Erleuchtung im physikalischen und übertragenen Sinne drehen.

Links:

Scientifica 2015: http://www.scientifica.ch/scientifica-2015/

Offizielle Webseite zum Jahr des Lichts: http://www.light2015.org/Home.html

International Year of Light 2015 – Blog: http://light2015blog.org/

Faszination Licht – Blog: http://lichtfarben.ch

Share Button

30.12.2014

Ein Licht zum Jahresende

Filed under: BILDARCHIV,Geschichte,HOCHSCHULARCHIV ETHZ — Tags: , — Roland Lüthi @ 8:58

Ein reiches Jahr geht zu Ende, in dem wir als Schwerpunkte das “Jubiläum 150 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz” sowie das düstere Kapitel “100 Jahre Erster Weltkrieg” gesetzt haben. Als Schlusslicht und zugleich als Ausblick auf das neue „Jahr des Lichts“ 2015 zeigen wir eine japanische Lampe gezeichnet von Johann Caspar Horner.

Japanische Lampe, Ausschnitt aus dem Skizzenbuch

Japanische Lampe, Ausschnitt aus dem Skizzenbuch, Hochschularchiv ETHZ (Hs_0296-0002d-et)

Der Zürcher Physiker, Mathematiker und Astronom Johann Caspar Horner (1774 – 1834) nahm in den Jahren 1803 bis 1806 an der Expedition von Adam Johann von Krusenstern teil. Die Weltumseglung hatte zum Ziel, neue Handelsbeziehungen mit Japan zu knüpfen. Krusenstern war über Brasilien und Nordkalifornien quer durch den Pazifik bis nach Kamschatka und ins japanische Nagasaki gereist, hatte Sachalin und die Kurilen erforscht, bis er sich im Jahre 1806 durch das südchinesische Meer nach Europa zurückschiffte. Während das eigentliche Ziel besserer Handelsbeziehungen nicht erreicht werden konnte, war sie für die mitreisenden Wissenschafter ein voller Erfolg:

Horners Publikationen […] beschränkten sich dabei auf naturwissenschaftliche Aspekte, während Krusenstern, Resanow und andere Mitglieder umfangreiche Erlebnisberichte veröffentlichten. […] Im Jahr 2004 fand man im Keller des Ethnographischen Museums der Universität Zürich die verschollen geglaubten Aquarelle und Skizzen, die Horner während seiner Reise um die Welt angefertigt hatte (Mottini, S. 74-76).

Während sich der eigentliche Nachlass Horners in der Zentralbibliothek Zürich befindet, besitzt auch die ETH-Bibliothek Materialien von Johann Caspar Horner, darunter die obige Zeichnung einer japanischen Lampe.

Literatur:

Mottini, Roger: „Im Dienste der Wissenschaft und des Zaren: ein Schweizer in Nagasaki: Johann Kaspar Horner (1774-1834)“ In: Handbuch Schweiz – Japan. Zürich; S. 74-76.

Krusensterns Reise um die Welt

 

Share Button
« Older Posts

Powered by WordPress