ETHeritage
Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH-Bibliothek

23.01.2015

Bilderrätsel

Filed under: BILDARCHIV,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Technisches Gerät, 1944 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, PI_44-X-0001)

Im internationalen Jahr des Lichts präsentieren wir ein Bild aus den Beständen des Photographischen Instituts der ETH Zürich. Es handelt sich um einen elektrischen Apparat mit einer Projektionsvorrichtung. Eine motorbetriebene runde Scheibe weist spiralförmig angeordnete Schlitze und eine Linse auf. Ist es eine Art Stroboskop, ein kinematographisches Urgerät?

Das Photographische Institut der ETH wurde im Wintersemester 1886/87 gegründet, nachdem bereits in den Jahren zuvor Veranstaltungen zum Thema Photographie stattgefunden hatten. Die Aufgaben umfassten Theorie und Praxis der Photographie, der Kinematographie und graphischer Reproduktionsverfahren, die Forschung sowie die Herstellung von Photographien, Diapositiven und kinematographischen Filmen für ETH-interne Zwecke. Das Institut existierte bis 1979; danach wurden verschiedene Aufgaben  im Rahmen des Instituts für Kommunikationstechnik weitergeführt. Die Bildbestände sind heute Teil des Bildarchivs und umfassen etwa 35‘000 Negative mit sehr unterschiedlichen Sujets.

Ideen betreffend Funktion und Zweck des abgebildeten Geräts können gerne als Kommentar deponiert werden. Wir freuen uns über Ihre Zuschrift!

Übrigens immer noch ungelöst ist das Bilderrätsel vom 28.6.2013: http://blogs.ethz.ch/digital-collections/2013/06/28/bilderratsel-3/

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16.01.2015

Corpus delicti: Rebblatt

Filed under: *Bestände,Chemie und Pharmazie,HOCHSCHULARCHIV ETHZ — Tags: , , , — Christian John Huber @ 10:02

Robert Gnehm (1852-1926) war manches in seinem arbeitssamen Leben: Kolorist, Chemiker, CEO, Verwaltungsratspräsident, Parlamentarier, ETH-Professor, Rektor und Präsident des Schweizerischen Schulrats. Und trotzdem fand er daneben Zeit als Berater für chemische Fragen aufzutreten. So auch 1895 im „Prozess Wegenstein contra Aluminiumfabrik Neuhausen“, wie Gnehm am Mittwoch, den 2. Oktober um 9.30 Uhr vormittags in sein Notizbüchlein schrieb. Anlass der Notiz war ein erster Augenschein vor Ort in Neuhausen. Anwesend waren:

  • die Herren Ammann und Tanner vom Bezirksgericht Schaffhausen
  • der Kläger Franz Wegenstein, Hotelier
  • der Beklagte Herr Schindler, Direktor der Aluminiumfabrik
  • die Gutachter Professor Julius Weber aus Winterthur und Robert Gnehm

Als einflussreicher Besitzer mehrerer Hotels rund um den Rheinfall klagte Franz Wegenstein, die Emissionen der Aluminiumhütte und des Anodenwerks schädigten seine Reben. Als Beweisstücke dienten Rebblätter, die im Technisch-chemischen Laboratorium des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich untersucht wurden. Einige dieser Beweisstücke haben die letzten 120 Jahre in Robert Gnehms Nachlass überdauert – allerdings in einem äusserst fragilen Zustand. Es sollte nicht die einzige Begehung bleiben. Der Prozess dauerte bis 1902 an.

Dossier Gutachten Fall Wegenstein

Notizbuch, Korrespondenz und Beweisstücke aus Gnehms Dossier Prozess Wegenstein contra Aluminiumfabrik Neuhausen (Hochschularchiv Hs 633:57)

Das Gutachten vom 9. April 1902 beschreibt ausführlich, welche Massnahmen die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft in Neuhausen zur Verhinderung von gefährlichen Emissionen unternahm. Das Expertenteam kam zu folgendem Schluss:

„Durch unsere Erhebungen haben wir den allgemeinen Eindruck erhalten, dass mit den Einrichtungen der Aluminiumfabrik in Bezug auf Absorption und Condensation schädlicher Gase das erreicht wird, was bei einem derartigen Betrieb verlangt werden kann. Es schien uns, dass in der Fabrik zur Verhinderung von Rauchschäden – für den gegenwärtigen Betrieb und unter der Voraussetzung, dass die Installation regelmässig und normal funktionirt (sic!) – dasjenige getan wird, was dem heutigen Standpunkte der Technik entspricht.“

Hs633_57_Gutachten_1902

Seiten 2 und 3 des Gutachtens vom 9. April 1902 im Prozess F. Wegenstein gegen die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft (Hochschularchiv Hs 633:57)

Der Historiker Adrian Knoepfli weist in seiner Gnehm-Biografie auf das pikante Detail hin, dass die Aluminium-Industrie-Aktiengesellschaft (später Alusuisse) Gnehms Dienste auch als Berater in Anspruch nahm.

Adrian Knoepflis Buch Robert Gnehm – Brückenbauer zwischen Hochschule und Industrie ist soeben in der Reihe Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik erschienen. Die Vernissage des Werkes findet heute, 16.1.2015, um 17.00 Uhr an der ETH Zürich (Gebäude LEE, Raum E101) statt.

Die abgebildeten Dokumente stammen aus dem Nachlass Robert Gnehms im Hochschularchiv der ETH Zürich.

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09.01.2015

Sihlsee

Filed under: Geographie und Karten,KARTEN — Markus Appenzeller @ 7:00

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Quelle: Bundesamt für Landestopographie

Der Sihlsee, dessen Wassermassen bei einem Dammbruch auch Teile der Stadt Zürich überfluten könnten (wir erinnern uns daran, wenn die schaurig-schönen Sirenen des Probealarms uns aufschrecken), hatte einen natürlichen Vorläufer, der durch einen Gletscher entstanden ist. Nach dessen Rückzug bildeten die Endmoränen einen natürlichen Damm, der das Wasser staute. Das von den Bächen und Flüssen angeschwemmte Material füllte den See allmählich auf. Es entstand eine Sumpflandschaft. Bis ins 20. Jahrhundert wurde Torf abgebaut. Die zahlreichen kleinen Torfhütten in der Region Todtmeer sind auf dem Kartenausschnitt der Siegfriedkarte deutlich zu sehen. Nach jahrelangen Diskussionen über die Umsiedlung der Bevölkerung  folgte der Bau der Staumauer. 1937 begann man mit dem Stauen.

Die Kartenausschnitte zeigen die Situation des Sihltals vor der Ueberflutung (Topographische Karte der Schweiz 1:100 000, Blatt 9, Nachträge bis 1930) und die heutige Situation mit dem Sihlsee (Landeskarte der Schweiz 1:100 000, Blatt 33, Nachträge bis 2010). Die Torfhütten sind auf  dem Topographischen Atlas der Schweiz 1:25 000 (genannt Siegfriedatlas) Blatt 245, Nachträge bis 1906 zu sehen.

Die Veränderung der Landschaft in der Region Sihlsee lässt sich mit der Internetanwendung Zeitreise vom Bundesamt für Landestopografie sehr schön zeigen.

Literatur: Mehr als eine Batterie für die SBB. In: Schwyz zu Fuss / Patrik Litscher ; S.62- 67

Weiterführende Informationen im Internet: Projektarbeit zum Thema Kulturlandschaftswandel vom Institut für Kartografie ETH Zürich Mai 2008

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02.01.2015

Zum internationalen Jahr des Lichts 2015

Filed under: BILDARCHIV,Physik — Roland Lüthi @ 7:00

Fabrik Volpi AG in Schlieren: Glasfaseroptik für Licht- und Bil

 Hans Baumann: Fabrik Volpi AG in Schlieren, Glasfaseroptik für Licht- und Bildübertragung, September 1968 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L17-0524-0121)

Die Initiatoren des Internationalen Jahr des Lichts und lichtbasierter Technologien möchten das Bewusstsein dafür stärken, wie sehr optische Technologien für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen für Energie, Landwirtschaft, Kommunikation, Erziehung und Gesundheit von Bedeutung sind. Seit den ersten Studien in Optik bis zu den neuesten Errungenschaften in der Glasfasertechnologie, welche heute die Grundlage des Internets bilden, sind ungefähr 1’000 Jahre vergangen. Optische Technologien sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken.

Die Aktivitäten stehen unter der Schirmherrschaft der UNESCO und werden getragen von mehreren Partnern wie American Institute of Physics (AIP), American Physical Society (APS), Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), European Physical Society (EPS), IEEE Photonics Society (IPS),  Institute of Physics (IOP), International Society for Optics and Photonics (SPIE), lightsources.org International Network und The Optical Society (OSA).

An der ETH und der Universität Zürich wird im September eine Scientifica unter dem Arbeitstitel “Es werde Licht” präsentiert. Die Ausstellung wird sich rund um Licht und Erleuchtung im physikalischen und übertragenen Sinne drehen.

Links:

Scientifica 2015: http://www.scientifica.ch/scientifica-2015/

Offizielle Webseite zum Jahr des Lichts: http://www.light2015.org/Home.html

International Year of Light 2015 – Blog: http://light2015blog.org/

Faszination Licht – Blog: http://lichtfarben.ch

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30.12.2014

Ein Licht zum Jahresende

Filed under: BILDARCHIV,Geschichte,HOCHSCHULARCHIV ETHZ — Tags: , — Roland Lüthi @ 8:58

Ein reiches Jahr geht zu Ende, in dem wir als Schwerpunkte das “Jubiläum 150 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz” sowie das düstere Kapitel “100 Jahre Erster Weltkrieg” gesetzt haben. Als Schlusslicht und zugleich als Ausblick auf das neue „Jahr des Lichts“ 2015 zeigen wir eine japanische Lampe gezeichnet von Johann Caspar Horner.

Japanische Lampe, Ausschnitt aus dem Skizzenbuch

Japanische Lampe, Ausschnitt aus dem Skizzenbuch, Hochschularchiv ETHZ (Hs_0296-0002d-et)

Der Zürcher Physiker, Mathematiker und Astronom Johann Caspar Horner (1774 – 1834) nahm in den Jahren 1803 bis 1806 an der Expedition von Adam Johann von Krusenstern teil. Die Weltumseglung hatte zum Ziel, neue Handelsbeziehungen mit Japan zu knüpfen. Krusenstern war über Brasilien und Nordkalifornien quer durch den Pazifik bis nach Kamschatka und ins japanische Nagasaki gereist, hatte Sachalin und die Kurilen erforscht, bis er sich im Jahre 1806 durch das südchinesische Meer nach Europa zurückschiffte. Während das eigentliche Ziel besserer Handelsbeziehungen nicht erreicht werden konnte, war sie für die mitreisenden Wissenschafter ein voller Erfolg:

Horners Publikationen […] beschränkten sich dabei auf naturwissenschaftliche Aspekte, während Krusenstern, Resanow und andere Mitglieder umfangreiche Erlebnisberichte veröffentlichten. […] Im Jahr 2004 fand man im Keller des Ethnographischen Museums der Universität Zürich die verschollen geglaubten Aquarelle und Skizzen, die Horner während seiner Reise um die Welt angefertigt hatte (Mottini, S. 74-76).

Während sich der eigentliche Nachlass Horners in der Zentralbibliothek Zürich befindet, besitzt auch die ETH-Bibliothek Materialien von Johann Caspar Horner, darunter die obige Zeichnung einer japanischen Lampe.

Literatur:

Mottini, Roger: „Im Dienste der Wissenschaft und des Zaren: ein Schweizer in Nagasaki: Johann Kaspar Horner (1774-1834)“ In: Handbuch Schweiz – Japan. Zürich; S. 74-76.

Krusensterns Reise um die Welt

 

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19.12.2014

Weihnachten im Basler Rheinhafen

Filed under: BILDARCHIV — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Weihnachten in Basler Rheinhafen

Unbekannter Fotograf, 1960, Weihnachten im Basler Rheinhafen (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_C09-190-005)

Der Kapitän hat seine Weihnachtseinkäufe gemacht und bringt sie auf sein Schiff im Basler Rheinhafen Kleinhüningen. Mit diesem stimmungsvollen Bild aus dem Archiv der Fotoagentur Comet wünschen wir unseren Leserinnen und Lesern eine schöne Weihnachtszeit und frohe Festtage.

Links:

Webseite des Kantons Basel Stadt und “Port of Switzerland” zu den Perspektiven für die Basler Rheinhäfen

Blogbeitrag zu den Basler Rheinhäfen von Susanne Zollinger

 

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12.12.2014

Wie der Tee nach Japan kam

Filed under: BILDARCHIV,Medizin — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Thee [Tee] 7/10

Teeernte in Japan, undatiertes Bild aus dem Nachlass von Otto Jaag (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia_289-0996)

Tee spielt in der japanischen Kultur eine wichtige Rolle. Das war nicht immer so, denn das Getränk hatte in Japan anfänglich einen schweren Stand. Der Teegenuss verbreitete sich in einer Zeit, als Kyoto in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts von einer Reihe von Naturkatastrophen heimgesucht wurde und viele Menschen von Krankheit und Pestilenz gebeutelt waren. Im Jahr 1191, als der Buddhistische Mönch Myōan Eisai von seinen Studien in China zurückkehrte und in seinem Gepäck Teesamen mitbrachte, fing der Zenmeister an, Tee als Medizin zu propagieren, welche die vielen kranken Menschen wieder heilen würde. Damit begann sich die japanische Teekultur zu etablieren. Eisai, der selbst Tee anpflanzte, verfasste ein Traktat über die wunderbaren medizinischen Eigenschaften des Tees, das Kissa Yōjōki. Darin stellt er fest, dass die japanische Küche zwar reich an sauren, scharfen und süssen Geschmäckern ist, jedoch des bitteren Geschmacks entbehre. Dieser sei aber unabdingbar für die einwandfreie Funktion des Herzens.

Mit der wachsenden Popularität des Tees in Japan wurde das Getränk zunehmend in die religiösen, kulturellen und ästhetischen Praktiken integriert. Am Angelpunkt von Natur, Kunst und menschlichen Beziehungen entstand so die japanische Teezeremonie, die unter dem Namen chanoyu (wörtlich: „heisses Wasser für Tee“) bekannt ist und etwa im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte (The true History of Tea, S. 85-87).

Literatur: Mair, Victor H. und Hoh, Erling: The true History of Tea (London, 2009)

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05.12.2014

Appenzeller Gesundheitsmode im 19. Jahrhundert

Filed under: *Bestände,ALTE UND SELTENE DRUCKE,Medizin — Fabian Till Schneider @ 7:00

Alexandre Martin bietet mit seinem reich illustrierten Werk „La Suisse pittoresque et ses environs […]“ vielfältige Einblicke in die Schweiz des 19. Jahrhunderts. Neben bekannten Sehenswürdigkeiten wie der Rütliwiese und Tellskapelle zeigt Martin auch typische Besonderheiten der verschiedenen Kantone. Bezogen auf das Appenzell auch wirtschafts- und medizingeschichtliche Aspekte, wie die nähere Betrachtung der enthaltenen Abbildung (Gaïs – Cures de petit lait) des Molke trinkenden Mannes zeigt.

Im Appenzell wurde die Tradition der Badekultur bereits gepflegt, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Mode der Molkenkur aufkam. Molke ist das, was nach der Käseherstellung bzw. Milchgerinnung übrigbleibt: eine energiearme, aus Wasser, Milchzucker, Mineralstoffen und Vitaminen bestehende Flüssigkeit. Der Molke wurde damals eine gesundheitsfördernde bzw. heilende Wirkung bei allerlei Leiden zugeschrieben.

Gais war neben Heinrichsbad (Herisau) in Appenzell Ausserrhoden und Weissbad (Appenzell Innerrhoden) einer der Hauptkurorte. Diesen Ruf verdankte es vor allem dem dort ansässigen Arzt Johann Heinrich Heim und seiner Theorie der heilwirksamen Ziegenmolke, welcher viele der damals praktizierenden Ärzte folgten und ihre Patienten nach Gais in die Kur schickten.

Gaïs - Cures de petit lait

Gaïs – Cures de petit lait, aus: Alexandre Martin: La Suisse pittoresque et ses environs […], Taf. [33]

In der Folge wurde das von wichtigen Verkehrsrouten abseits gelegene Appenzell weltberühmt und konnte viele, auch ausländische Gäste verzeichnen. Der Fremdenverkehr gewann wirtschaftliche Bedeutung und überhaupt bot die Molkenkur angesichts einer insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Situation eine grosse Chance – und diese wurde wohl genutzt. Mit der Abbildung wird eindrücklich bezeugt, wie bemüht sich die Appenzeller um ihre Gäste kümmerten. Die frische Molke wurde jeweils direkt von der Alp geliefert und die Wirte stellten sich perfekt auf die Kurgäste ein.

Trotzdem wurde die heilende Wirkung der Molkenkur schon bald angezweifelt und gesundheitliche Erfolge auf die mit einer Kur üblicherweise einhergehende Ruhe, Erholung und Bewegung an der frischen Luft zurückgeführt. Ab 1860 kam die Molkenkur schliesslich aus der Mode und auch Gais als Hauptkurort verlor entsprechend an Bedeutung.

Literatur

Reichen, Quirinus: Molkenkur, in: Historisches Lexikon der Schweiz [4.12.2014]

Schläpfer, Walter: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939. Gais 1984, 205 ff.

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27.11.2014

Das Fräulein Doktor Privatdozent – Laura Hezner, die erste Habilitandin der ETH

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Habilitationsgesuch von Laura Hezner 14. Juli 1909, erste Seite (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, SR3 1909/No. 702)

Im historischen Schulratsarchiv, den Geschäftsunterlagen des ETH Leitungsgremiums aus vergangener Zeit, schlummert eine besondere Kostbarkeit: Das einzige handschriftliche Original aus der Feder von Laura Hezner. Es ist ihr Habilitationsgesuch vom 14. Juli 1909. Darin schreibt sie:

„Die Gründe für das Gesuch sind folgende: seit dem Jahr 1902 als Assistentin im chemischen Laboratorium des mineralogischen Instituts tätig, hatte ich Gelegenheit zu verfolgen, wie im Laufe der letzten Jahrzehnte die chemische Seite nicht nur der Mineralogie sondern auch der Petrographie an Bedeutung gewonnen hat, so dass die Chemie der Gesteine ein wesentlicher Zweig der Gesteinskunde geworden ist.

[...]

Da der Unterricht, welcher den Praktikanden während der Laboratoriumsarbeit erteilt werden kann, selbstverständlich unvollständig bleibt, weil er nur das bietet, was eben der Augenblick fordert, schiene es mir nicht wertlos, ihnen die chemische Gesteinskunde zusammenfassend und in einer gewissen Abrundung zu bieten. Auch würden gewiss manche Studierende der chemischen Abteilung gerne die chemischen Systeme, welche die Natur selbst bietet, kennen lernen.“

Der Schulrat reichte das Gesuch in seiner Sitzung vom 21. Juli 1909 diskussionslos zur Begutachtung weiter an die Konferenz der Abteilung für die Bildung von Fachlehrern in mathematischer und naturwissenschaftlicher Richtung. Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner, arbeitete das Gutachten aus. Die Abteilungskonferenz nahm in ihrer Sitzung vom 21. Oktober 1909 von seiner Empfehlung zur Annahme des Gesuchs positiv Kenntnis. Der Konferenzvorstand sandte anderntags einen kurzen Bericht zusammen mit dem Gutachten an den Schulratspräsidenten. In der Sitzung vom 27. November 1909 beschloss der Schulrat wiederum diskussionslos:

„Frl. Dr. Laura Hezner, von München, wird gestattet, als Privatdozent an der XI. Abteilung [= Fachlehrer für Naturwissenschaften] der eidgenössischen polytechnischen Schule Vorlesungen über chemische Mineralogie und Petrographie anzukündigen und zu halten.“

Dieser Privatdozent war der erste seines oder vielmehr die erste ihres Geschlechts an der eidgenössischen Lehranstalt. Ohne Wenn und Aber, ohne fintenreiche Winkelzüge zur Verhinderung oder wenigstens Verzögerung hatten die Entscheidungsträger diese Neuheit eingeführt. Kein Vergleich zum peinlichen Hin- und Her bis zur Ernennung der ersten Assistentin vor ein paar Jahren. Hatten sich die Verantwortlichen seither etwa zu akademischen Feministen gemausert? Oder waren die Meinungsverschiedenheiten derart unbeherrscht ausgefallen, dass protokollarische Diskretion geboten schien?

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Laura Hezner und Marie Jerosch aus dem Bahnwaggonfenster schauend: „Ziegelbrücke (die Botaniker kommen)“, Bild Nr. 1 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-001)

Die am 15. September 1862 im bayrischen Apfelthal geborene Laura Hezner war das zweite von fünf Kindern einer Bahningenieursfamilie. Sie besuchte die Klosterschule in Sigmaringen, kam nach dem Tod der Mutter mit 12 Jahren in die Obhut einer Tante nach München, absolvierte hier die Töchterschule, die Kunstgewerbeschule und die Ausbildung zur Französischlehrerin. Im Selbststudium lernte sie antike Sprachen und vertiefte sich in philosophische Werke. Nach der Heirat ihrer älteren Schwester übernahm sie für den Vater und die drei jüngeren Geschwister die Haushaltführung, ohne ihre philosophischen Studien aufzugeben. Die Überlastung führte zu einer langjährigen Nervenkrise, die sie bei einer älteren Freundin auskurierte. In deren Umkreis lernte sie eine junge Studentin kennen, die sie zum Studium in Zürich anregte. Da sie sich während ihrer Krankheit mit Ethnologie beschäftigt hatte, wollte die inzwischen 36jährige 1898 zunächst an der Universität Ethnologie studieren. Sie wechselte jedoch rasch an die Abteilung für Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung des Eidgenössischen Polytechnikums. Hier diplomierte sie 1901 mit Auszeichnung, promovierte 1903 beim Mineralogen und Petrographen Ulrich Grubenmann, Professor beider Hochschulen, und blieb danach weiterhin dessen wissenschaftliche Assistentin.

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Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_05587)

Sie war ihm schlicht unentbehrlich geworden, wie der Schriftsteller und ehemalige Geologiestudent Arnold Kübler 1947 in seinem autobiographischen Roman „Öppi der Student“ darstellt. Es ist zu lesen „von ihren schönen Augen vom hellsten Blau. Zwiesands [= Grubenmanns] Augen waren ja auch bläulich, lagen aber hinter Gläsern und sahen trüb wie angehauchte Scheiben aus.“

Über Äusserlichkeiten hinaus umschreiben die verschiedenen Grade von Blauäugigkeit hier nicht die persönliche Naivität, sondern das wissenschaftliche Erkenntnisvermögen. Zwiesand/Grubenmann sah mit Hezners Augen: ohne Hezners klaren Durchblick keine schlüssigen Forschungsergebnisse bei Grubenmann. Einige Romanseiten später wird das verdeutlicht:

„In Zwiesands Büchern war das Fräulein Doktor jeweils lobend im Vorwort mit einer Zeile erwähnt. Er dankte ihr dort für die Gesteinszerlegungen, welche allemal einen Pfeiler der Bucherkenntnisse darstellten. Diese Zerlegungen erschienen aber im endgültigen Ordnungsbeschrieb als untergeordnete Dienste. Das viele Namenwesen erdrückte die bescheidenen Linien des Vorworts. Dabei merkte Öppi mit der Zeit, dass Zwiesands Einteilungen und Leistungen nicht ohne Fräulein Doktors hörende und ratende, geduldige Mitarbeit zustande kamen. Der Ruhm fiel aber dem Mann allein zu, weil er zuletzt das Wort führte. Die Verteilung des Ansehens war ungerecht.“

 

Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911

Arnold Kübler, Geologiestudent und später Schriftsteller, im Fensterrahmen. Ausschnitt aus „Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0494b-0115-067-AL)

Doch Grubenmann war kein skrupelloser Profiteur. 1909 schien ihm offenbar die Gelegenheit günstig, für die geschätzte Mitarbeiterin nicht nur wie bisher magere Gehaltsaufbesserungen beim Schulrat zu erwirken, sondern sich ihr endlich auch mit einer längst verdienten akademischen Beförderung erkenntlich zu zeigen. Er war soeben zum Direktor (heute: Rektor) des Polytechnikums berufen worden. In der neuen Funktion hatte er mehr Möglichkeiten als bis anhin sich zu revanchieren, sollte der eine oder andere Kollege sich gegen Hezners Habilitation stellen wollen. Zeitpunkt und Inhalt des Gesuchs hatte er vermutlich mit seiner Mitarbeiterin abgesprochen. Überdies vermied er vorsorglich, das Geschäft mit der eigenen garstigen Handschrift zu gefährden. Stattdessen hatte er säuberliche drei Seiten mit der Empfehlung zur Annahme des Habilitationsgesuchs in die Maschine getippt oder tippen lassen. Die Ingenieure im Schulrat liessen sich aber wohl nicht zuletzt von folgendem Satz in Hezners Gesuch beeindrucken:

„Auch führte ich eine grosse Anzahl von Mineral- und Gesteinsanalysen aus, darunter die Serie des Simplontunnels.“

Das hiess, dass sich diese philosophierende Gesteinschemikerin nicht bloss in nebulöse Theorien verstieg, sondern brauchbare praktische Arbeit lieferte, war sie doch mit einer sicherheitstechnisch verantwortungsvollen Aufgabe für eines der wichtigsten schweizerisches Eisenbahnbauprojekt betraut gewesen – gewiss unter höherer Aufsicht, aber nichtsdestotrotz: Es sprach für ihr Können.

Hezners chemische Analysen kamen zudem nicht nur Grubenmann zu gute. Auch andere Forscher, Erdwissenschafter, Chemiker, Physiker, Physikochemiker, bauten auf ihren Untersuchungsergebnissen auf. Sie leistete die mühselige, langwierige Grundlagenarbeit im Labor, welche die theoretisierenden Kollegen ihr wohl nur zu gerne überliessen. Nicht von ungefähr rühmten verschiedene Zeitgenossen ihre Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Hingabe, Tüchtigkeit, Geduld, aber auch ihre Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit. Grubenmann lobte die am 10. Oktober 1916 an den Folgen eines Augenhöhlentumors Verstorbene im Nachruf als „vorbildliche stille Forscherin“, die

„in den mannigfachen und oft so verwickelten Erscheinungen der Gesteinsmetamorphose ein ihr in tiefster Seele zusagendes, erfolgreiches Arbeitsgebiet fand. […] Jetzt war ein Arbeitsfeld gefunden, ein Forschungsgebiet erobert, das sie mit tiefinniger Befriedigung erfüllte, auf welchem zu arbeiten und zu lehren ihr geistiges Lebensglück ausmachte.“

Kübler meinte in seinem Roman knapp und vielsagend: „Sie diente der Sache der Wissenschaft und sie kannte die Wissenschafter“.

Die Fachkollegen sahen in Hezner also keine bedrohliche Konkurrentin, sondern die willkommene Ratgeberin, nicht karriereorientiert, sondern ausschliesslich inhaltlich interessiert. Als Lehrerin mit „pädagogischem Takt“ – so Grubenmann in seinem Gutachten zum Habilitationsgesuch – war sie sowohl für gestandene Forscher wie für Studierende eine mütterliche Instanz. Paul Niggli, zur Zeit Hezners Geologiestudent und späterer Nachfolger von Grubenmann auf dessen Professur, erinnerte sich:

„Niemals spottete sie über die ersten fehlerhaften Versuche, sie half die Quellen des Missgeschicks aufzufinden, die Fehler zu beseitigen. Nie suchte sie durch leicht hingeworfene Bemerkungen zu blenden. Wo sie selbst der Deutung nicht ganz sicher sein konnte, bekannte sie das unumwunden und übte so unaufdringlich eine gerade bei dieser Arbeit so ausserordentlich nötige erzieherische Wirkung zur Wahrhaftigkeit“.

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Marie Jerosch (später Brockmann-Jerosch), Studienkollegin von Laura Hezner, 14. August 1901 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13847)

Leicht anders als durch die männliche Brille, wenn auch nicht widersprechend, nahm die Geologin und Botanikerin Marie Jerosch ihre Studienkollegin wahr:

„Ihr energisches Wesen, das sie noch mit 36 Jahren sich auf die Schulbank setzen und ein ihr neues Wissensgebiet betreten liess, ihr scharfer Verstand und vor allem ihr überlegenes Fühlen und Verstehen, ihre tiefe einer kritisch-ironischen Note nicht entbehrende Lebensweisheit band mich trotz des Alterunterschieds innig an sie und lässt sie mir als die bedeutendste Frau erscheinen, der ich je begegnet bin.“

Die Habilitation von Hezner war anscheinend eine persönliche Auszeichnung für diese wissende, weise Mutter, die für menschliche Wärme in der ansonsten kultivierten Ruppigkeit des Männerumfelds sorgte. „Die Krönung“ nannte Grubenmann die Habilitation. Somit wäre vielleicht ein weiterer akademischer Aufstieg nicht möglich gewesen, hätte Hezner länger gelebt. Den blossen Titel eines Professors, den sonst jeder damalige „Hülfslehrer“ oft gleich bei der Anstellung zur Stärkung der Amtsautorität gegenüber den Studierenden erhielt, wäre ihr womöglich vorenthalten worden, denn sie war auch ohne eine geachtete Persönlichkeit. Eine ausserordentliche oder gar ordentliche Professur? Undenkbar damals, das denn doch nicht, bei aller Wertschätzung und Sympathie.

 

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Rückseite des Fotoalbums „Exkursion 27.-31. Juli 1899“, Schrift von Albert Heim (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 401:780)

Wie sah die erste und mehr als vierzig Jahre lang einzige Privatdozentin der ETH aus? Bilder von Laura Hezner sind genauso selten wie handschriftliche Dokumente. In ihrer Studienzeit nahm sie jeweils an den Exkursionen der Abteilung für Naturwissenschaften teil. Im Nachlass von Albert Heim, Geologieprofessor beider Hochschulen, hat sich ein Leporello mit 32 briefmarkenkleinen Fotos der Exkursion vom 27. – 31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet erhalten. Auf der Rückseite des Zickzackalbums notierte Heim die die „Theilnehmer“. Laura Hezner ist als zweite in der ersten Kolonne erwähnt, als erster in der zweiten Kolonne figuriert ein „Ad. Hezner Beamter“, der jüngere Bruder.

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Laura Hezner links vorne. „Nach Tierfehd“, Bild Nr. 4 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-004)

Beim Betrachten der Bildchen sind unterhalb des vierten Fotos auf dem Albumkarton die winzigen Tinteninitialen „L.H.“ zu entdecken, Laura Hezner. Sie stochert im Vordergrund am langen Wanderstab zusammen mit anderen Stabwanderern durch das Glarner Gestein, den berühmten blauen Blick im schützenden Schatten des Strohhutes: Es war sonnig und heiss gewesen laut Albert Heims Notiz auf der Albumrückseite: „alles bei Glanzwetter“. Anhand der Hutform ist sie auch auf dem ersten Bild im Fenster des Bahnwaggons zu identifizieren, sie lacht, neben ihr Marie Jerosch mit Taschentuch in der Hand, bereit zum Abschiedwinken. Im Album stehen oberhalb des Fotos auf dem Karton die Buchstaben „H.“ und „J.“ Dann zwei Frauen in Rückenansicht, die grössere links anhand der wuchtigen Blusenärmel als Laura Hezner zu erkennen, rechts mit flatterndem Nackenschutz am Hut Marie Jerosch aufgrund des Vergleichs von Kleidung und Gestalt auf den übrigen Bildern.

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Laura Hezner und Marie Jerosch auf dem Weg „Nach Flims“, Bild Nr. 21 aus  dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-021)

Hinweise und Literatur

– Im Hochschularchiv ETHZ an der ETH-Bibliothek befinden sich die Unterlagen zu Laura Hezners Studienzeit, Assistenz, Habilitation und Lehrtätigkeit. Ebenso der Nachlass Albert Heim, der das Fotoalbum der Exkursion 27.-31. Juli 1899 enthält.

– Publikationen von Laura Hezner sind im Wissensportal der ETH-Bibliothek auffindbar.

– Brockmann-Jerosch, Marie: Rückblick, in: Das Frauenstudium an den Schweizer Hochschulen, hg. Vom Schweizerischen Verband der Akademikerinnen, Zürich/Leipzig/Stuttgart, 1928, S. 74-79.

– Grubenmann Ulrich: Laura Hezner (1862-1916), in: NZZ Nr. 1734, 31. Oktober 1916.

– Kübler, Arnold: Öppi der Student, Zürich 1947.

– Port, Frieda: Dr. Laura Hezner. Privatdozentin an der eidgenössischen Technischen Hochschule zu Zürich. Ein Gedenkwort, in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Hgg. Helene Lange und Gertrud Bäumer, Berlin, 24. Jg. 1916-1917, S. 352-357. Darin das Zitat von Paul Niggli.

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21.11.2014

Vegetation und Landwirtschaft in der Schweiz 1927

Filed under: *Bestände,Agrar- und Forstwissenschaften,Geographie und Karten,KARTEN — Markus Appenzeller @ 7:00

Vegetation_Schweiz

Der Titel der Vegetations- und Wirtschaftskarte der Schweiz von 1927 ist irreführend. Die Karte behandelt nebst der Vegetation nur die Landwirtschaft. In der Zwischenkriegszeit waren in der Schweiz im Primärsektor, zu dem die Landwirtschaft gehört, noch ca. 25 % aller Erwerbstätigen beschäftigt, heute sind es weniger als 4 %.

Aus der Karte können wir die Vegetationsstufen herauslesen (Baumgrenzen, Buchengrenzen, Föhrengrenzen), die Rückschlüsse auf das Klima erlauben.

Interessant sind die roten Texteinträge, die sich auf die Landwirtschaft beziehen. So erfahren wir beispielsweise, dass im Linth Gebiet zwischen Zürich- und Walensee und im Rheintal intensiv Mais angebaut wurde. Mais diente damals als Ersatz für den Weizen, der in der Linthebene wegen der feuchten Witterung schlecht gedeiht. Meine Grosseltern, die bis in die sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Linthebene noch als Bauern tätig waren, nannten den Mais „Türgge“ aus dem „Türggeribel“ gemacht wurde. Der Mais, ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika, wurde im 16. Jahrhundert nach Südeuropa eingeführt und gelangte auf Umwegen über die heutige Türkei zu uns. Interessant in diesem Zusammenhang sind die Internetseiten des Vereins Kulinarisches Erbe der Schweiz sowie des Vereins Linthmais.

Im Tessin wurden in den untersten Höhenstufen noch Oliven angebaut. Diese Kulturen sind heute wahrscheinlich verschwunden, ich kenne jedenfalls kein Tessiner Olivenöl. Ebenfalls im Tessin wurde Weinbau an Stützbäumen betrieben, eine Anbauform, die heute kaum mehr zu sehen ist.

Die Edelkastanie hatte auch nördlich der Alpen (Vierwaldstättersee, Walensee und Seeztal) eine gewisse Bedeutung .

Der Autor der Karte war Heinrich Brockmann-Jerosch, der an der ETH studierte und auch zum Thema Volkskunde publizierte. Sein Nachlass befindet sich im Hochschularchiv der ETH.

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