ETHeritage
Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH-Bibliothek

27.11.2014

Das Fräulein Doktor Privatdozent – Laura Hezner, die erste Habilitandin der ETH

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Habilitationsgesuch von Laura Hezner 14. Juli 1909, erste Seite (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, SR3 1909/No. 702)

Im historischen Schulratsarchiv, den Geschäftsunterlagen des ETH Leitungsgremiums aus vergangener Zeit, schlummert eine besondere Kostbarkeit: Das einzige handschriftliche Original aus der Feder von Laura Hezner. Es ist ihr Habilitationsgesuch vom 14. Juli 1909. Darin schreibt sie:

„Die Gründe für das Gesuch sind folgende: seit dem Jahr 1902 als Assistentin im chemischen Laboratorium des mineralogischen Instituts tätig, hatte ich Gelegenheit zu verfolgen, wie im Laufe der letzten Jahrzehnte die chemische Seite nicht nur der Mineralogie sondern auch der Petrographie an Bedeutung gewonnen hat, so dass die Chemie der Gesteine ein wesentlicher Zweig der Gesteinskunde geworden ist.

[...]

Da der Unterricht, welcher den Praktikanden während der Laboratoriumsarbeit erteilt werden kann, selbstverständlich unvollständig bleibt, weil er nur das bietet, was eben der Augenblick fordert, schiene es mir nicht wertlos, ihnen die chemische Gesteinskunde zusammenfassend und in einer gewissen Abrundung zu bieten. Auch würden gewiss manche Studierende der chemischen Abteilung gerne die chemischen Systeme, welche die Natur selbst bietet, kennen lernen.“

Der Schulrat reichte das Gesuch in seiner Sitzung vom 21. Juli 1909 diskussionslos zur Begutachtung weiter an die Konferenz der Abteilung für die Bildung von Fachlehrern in mathematischer und naturwissenschaftlicher Richtung. Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner, arbeitete das Gutachten aus. Die Abteilungskonferenz nahm in ihrer Sitzung vom 21. Oktober 1909 von seiner Empfehlung zur Annahme des Gesuchs positiv Kenntnis. Der Konferenzvorstand sandte anderntags einen kurzen Bericht zusammen mit dem Gutachten an den Schulratspräsidenten. In der Sitzung vom 27. November 1909 beschloss der Schulrat wiederum diskussionslos:

„Frl. Dr. Laura Hezner, von München, wird gestattet, als Privatdozent an der XI. Abteilung [= Fachlehrer für Naturwissenschaften] der eidgenössischen polytechnischen Schule Vorlesungen über chemische Mineralogie und Petrographie anzukündigen und zu halten.“

Dieser Privatdozent war der erste seines oder vielmehr die erste ihres Geschlechts an der eidgenössischen Lehranstalt. Ohne Wenn und Aber, ohne fintenreiche Winkelzüge zur Verhinderung oder wenigstens Verzögerung hatten die Entscheidungsträger diese Neuheit eingeführt. Kein Vergleich zum peinlichen Hin- und Her bis zur Ernennung der ersten Assistentin vor ein paar Jahren. Hatten sich die Verantwortlichen seither etwa zu akademischen Feministen gemausert? Oder waren die Meinungsverschiedenheiten derart unbeherrscht ausgefallen, dass protokollarische Diskretion geboten schien?

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Laura Hezner und Marie Jerosch aus dem Bahnwaggonfenster schauend: „Ziegelbrücke (die Botaniker kommen)“, Bild Nr. 1 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-001)

Die am 15. September 1862 im bayrischen Apfelthal geborene Laura Hezner war das zweite von fünf Kindern einer Bahningenieursfamilie. Sie besuchte die Klosterschule in Sigmaringen, kam nach dem Tod der Mutter mit 12 Jahren in die Obhut einer Tante nach München, absolvierte hier die Töchterschule, die Kunstgewerbeschule und die Ausbildung zur Französischlehrerin. Im Selbststudium lernte sie antike Sprachen und vertiefte sich in philosophische Werke. Nach der Heirat ihrer älteren Schwester übernahm sie für den Vater und die drei jüngeren Geschwister die Haushaltführung, ohne ihre philosophischen Studien aufzugeben. Die Überlastung führte zu einer langjährigen Nervenkrise, die sie bei einer älteren Freundin auskurierte. In deren Umkreis lernte sie eine junge Studentin kennen, die sie zum Studium in Zürich anregte. Da sie sich während ihrer Krankheit mit Ethnologie beschäftigt hatte, wollte die inzwischen 36jährige 1898 zunächst an der Universität Ethnologie studieren. Sie wechselte jedoch rasch an die Abteilung für Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung des Eidgenössischen Polytechnikums. Hier diplomierte sie 1901 mit Auszeichnung, promovierte 1903 beim Mineralogen und Petrographen Ulrich Grubenmann, Professor beider Hochschulen, und blieb danach weiterhin dessen wissenschaftliche Assistentin.

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Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_05587)

Sie war ihm schlicht unentbehrlich geworden, wie der Schriftsteller und ehemalige Geologiestudent Arnold Kübler 1947 in seinem autobiographischen Roman „Öppi der Student“ darstellt. Es ist zu lesen „von ihren schönen Augen vom hellsten Blau. Zwiesands [= Grubenmanns] Augen waren ja auch bläulich, lagen aber hinter Gläsern und sahen trüb wie angehauchte Scheiben aus.“

Über Äusserlichkeiten hinaus umschreiben die verschiedenen Grade von Blauäugigkeit hier nicht die persönliche Naivität, sondern das wissenschaftliche Erkenntnisvermögen. Zwiesand/Grubenmann sah mit Hezners Augen: ohne Hezners klaren Durchblick keine schlüssigen Forschungsergebnisse bei Grubenmann. Einige Romanseiten später wird das verdeutlicht:

„In Zwiesands Büchern war das Fräulein Doktor jeweils lobend im Vorwort mit einer Zeile erwähnt. Er dankte ihr dort für die Gesteinszerlegungen, welche allemal einen Pfeiler der Bucherkenntnisse darstellten. Diese Zerlegungen erschienen aber im endgültigen Ordnungsbeschrieb als untergeordnete Dienste. Das viele Namenwesen erdrückte die bescheidenen Linien des Vorworts. Dabei merkte Öppi mit der Zeit, dass Zwiesands Einteilungen und Leistungen nicht ohne Fräulein Doktors hörende und ratende, geduldige Mitarbeit zustande kamen. Der Ruhm fiel aber dem Mann allein zu, weil er zuletzt das Wort führte. Die Verteilung des Ansehens war ungerecht.“

 

Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911

Arnold Kübler, Geologiestudent und später Schriftsteller, im Fensterrahmen. Ausschnitt aus „Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0494b-0115-067-AL)

Doch Grubenmann war kein skrupelloser Profiteur. 1909 schien ihm offenbar die Gelegenheit günstig, für die geschätzte Mitarbeiterin nicht nur wie bisher magere Gehaltsaufbesserungen beim Schulrat zu erwirken, sondern sich ihr endlich auch mit einer längst verdienten akademischen Beförderung erkenntlich zu zeigen. Er war soeben zum Direktor (heute: Rektor) des Polytechnikums berufen worden. In der neuen Funktion hatte er mehr Möglichkeiten als bis anhin sich zu revanchieren, sollte der eine oder andere Kollege sich gegen Hezners Habilitation stellen wollen. Zeitpunkt und Inhalt des Gesuchs hatte er vermutlich mit seiner Mitarbeiterin abgesprochen. Überdies vermied er vorsorglich, das Geschäft mit der eigenen garstigen Handschrift zu gefährden. Stattdessen hatte er säuberliche drei Seiten mit der Empfehlung zur Annahme des Habilitationsgesuchs in die Maschine getippt oder tippen lassen. Die Ingenieure im Schulrat liessen sich aber wohl nicht zuletzt von folgendem Satz in Hezners Gesuch beeindrucken:

„Auch führte ich eine grosse Anzahl von Mineral- und Gesteinsanalysen aus, darunter die Serie des Simplontunnels.“

Das hiess, dass sich diese philosophierende Gesteinschemikerin nicht bloss in nebulöse Theorien verstieg, sondern brauchbare praktische Arbeit lieferte, war sie doch mit einer sicherheitstechnisch verantwortungsvollen Aufgabe für eines der wichtigsten schweizerisches Eisenbahnbauprojekt betraut gewesen – gewiss unter höherer Aufsicht, aber nichtsdestotrotz: Es sprach für ihr Können.

Hezners chemische Analysen kamen zudem nicht nur Grubenmann zu gute. Auch andere Forscher, Erdwissenschafter, Chemiker, Physiker, Physikochemiker, bauten auf ihren Untersuchungsergebnissen auf. Sie leistete die mühselige, langwierige Grundlagenarbeit im Labor, welche die theoretisierenden Kollegen ihr wohl nur zu gerne überliessen. Nicht von ungefähr rühmen verschiedene Zeitgenossen ihre Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Hingabe, Tüchtigkeit, Geduld, aber auch ihre Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit. Grubenmann lobte die am 10. Oktober 1916 an den Folgen eines Augenhöhlentumors Verstorbene im Nachruf als „vorbildliche stille Forscherin“, die

„in den mannigfachen und oft so verwickelten Erscheinungen der Gesteinsmetamorphose ein ihr in tiefster Seele zusagendes, erfolgreiches Arbeitsgebiet fand. […] Jetzt war ein Arbeitsfeld gefunden, ein Forschungsgebiet erobert, das sie mit tiefinniger Befriedigung erfüllte, auf welchem zu arbeiten und zu lehren ihr geistiges Lebensglück ausmachte.“

Kübler meinte in seinem Roman knapp und vielsagend: „Sie diente der Sache der Wissenschaft und sie kannte die Wissenschafter“.

Die Fachkollegen sahen in Hezner also keine bedrohliche Konkurrentin, sondern die willkommene Ratgeberin, nicht karriereorientiert, sondern ausschliesslich inhaltlich interessiert. Als Lehrerin mit „pädagogischem Takt“ – so Grubenmann in seinem Gutachten zum Habilitationsgesuch – war sie sowohl für gestandene Forscher wie für Studierende eine mütterliche Instanz. Paul Niggli, zur Zeit Hezners Geologiestudent und späterer Nachfolger von Grubenmann auf dessen Professur, erinnerte sich:

„Niemals spottete sie über die ersten fehlerhaften Versuche, sie half die Quellen des Missgeschicks aufzufinden, die Fehler zu beseitigen. Nie suchte sie durch leicht hingeworfene Bemerkungen zu blenden. Wo sie selbst der Deutung nicht ganz sicher sein konnte, bekannte sie das unumwunden und übte so unaufdringlich eine gerade bei dieser Arbeit so ausserordentlich nötige erzieherische Wirkung zur Wahrhaftigkeit“.

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Marie Jerosch (später Brockmann-Jerosch), Studienkollegin von Laura Hezner, 14. August 1901 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13847)

Leicht anders als durch die männliche Brille, wenn auch nicht widersprechend, nahm die Geologin und Botanikerin Marie Jerosch ihre Studienkollegin wahr:

„Ihr energisches Wesen, das sie noch mit 36 Jahren sich auf die Schulbank setzten und ein ihr neues Wissensgebiet betreten liess, ihr scharfer Verstand und vor allem ihr überlegenes Fühlen und Verstehen, ihre tiefe einer kritisch-ironischen Note nicht entbehrende Lebensweisheit band mich trotz des Alterunterschieds innig an sie und lässt sie mir als die bedeutendste Frau erscheinen, der ich je begegnet bin.“

Die Habilitation von Hezner war anscheinend eine persönliche Auszeichnung für diese wissende, weise Mutter, die für menschliche Wärme in der ansonsten kultivierten Ruppigkeit des Männerumfeld sorgte. „Die Krönung“ nannte Grubenmann die Habilitation. Somit wäre vielleicht ein weiterer akademischer Aufstieg nicht möglich gewesen, hätte Hezner länger gelebt. Den blossen Titel eines Professors, den sonst jeder damalige „Hülfslehrer“ oft gleich bei der Anstellung zur Stärkung der Amtsautorität gegenüber den Studierenden erhielt, wäre ihr womöglich vorenthalten worden, denn sie war auch ohne eine geachtete Persönlichkeit. Eine ausserordentliche oder gar ordentliche Professur? Undenkbar damals, das denn doch nicht, bei aller Wertschätzung und Sympathie.

 

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Rückseite des Fotoalbums „Exkursion 27.-31. Juli 1899“, Schrift von Albert Heim (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 401:780)

Wie sah die erste und mehr als vierzig Jahre lang einzige Privatdozentin der ETH aus? Bilder von Laura Hezner sind genauso selten wie handschriftliche Dokumente. In ihrer Studienzeit nahm sie jeweils an den Exkursionen der Abteilung für Naturwissenschaften teil. Im Nachlass von Albert Heim, Geologieprofessor beider Hochschulen, hat sich ein Leporello mit 32 briefmarkenkleinen Fotos der Exkursion vom 27. – 31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet erhalten. Auf der Rückseite des Zickzackalbums notierte Heim die die „Theilnehmer“. Laura Hezner ist als zweite in der ersten Kolonne erwähnt, als erster in der zweiten Kolonne figuriert ein „Ad. Hezner Beamter“, der jüngere Bruder.

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Laura Hezner links vorne. „Nach Tierfehd“, Bild Nr. 4 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-004)

Beim Betrachten der Bildchen sind unterhalb des vierten Fotos auf dem Albumkarton die winzigen Tinteninitialen „L.H.“ zu entdecken, Laura Hezner. Sie stochert im Vordergrund am langen Wanderstab zusammen mit anderen Stabwanderern durch das Glarner Gestein, den berühmten blauen Blick im schützenden Schatten des Strohhutes: Es war sonnig und heiss gewesen laut Albert Heims Notiz auf der Albumrückseite: „alles bei Glanzwetter“. Anhand der Hutform ist sie auch auf dem ersten Bild im Fenster des Bahnwaggons zu identifizieren, sie lacht, neben ihr Marie Jerosch mit Taschentuch in der Hand, bereit zum Abschiedwinken. Im Album stehen oberhalb des Fotos auf dem Karton die Buchstaben „H.“ und „J.“ Dann zwei Frauen in Rückenansicht, die grössere links anhand der wuchtigen Blusenärmel als Laura Hezner zu erkennen, rechts mit flatterndem Nackenschutz am Hut Marie Jerosch aufgrund des Vergleichs von Kleidung und Gestalt auf den übrigen Bildern.

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Laura Hezner und Marie Jerosch auf dem Weg „Nach Flims“, Bild Nr. 21 aus  dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-021)

Hinweise und Literatur

– Im Hochschularchiv ETHZ an der ETH-Bibliothek befinden sich die Unterlagen zu Laura Hezners Studienzeit, Assistenz, Habilitation und Lehrtätigkeit. Ebenso der Nachlass Albert Heim, der das Fotoalbum der Exkursion 27.-31. Juli 1899 enthält.

– Publikationen von Laura Hezner sind im Wissensportal der ETH-Bibliothek auffindbar.

– Brockmann-Jerosch, Marie: Rückblick, in: Das Frauenstudium an den Schweizer Hochschulen, hg. Vom Schweizerischen Verband der Akademikerinnen, Zürich/Leipzig/Stuttgart, 1928, S. 74-79.

– Grubenmann Ulrich: Laura Hezner (1862-1916), in: NZZ Nr. 1734, 31. Oktober 1916.

– Kübler, Arnold: Öppi der Student, Zürich 1947.

– Port, Frieda: Dr. Laura Hezner. Privatdozentin an der eidgenössischen Technischen Hochschule zu Zürich. Ein Gedenkwort, in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Hgg. Helene Lange und Gertrud Bäumer, Berlin, 24. Jg. 1916-1917, S. 352-357. Darin das Zitat von Paul Niggli.

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21.11.2014

Vegetation und Landwirtschaft in der Schweiz 1927

Filed under: *Bestände,Agrar- und Forstwissenschaften,Geographie und Karten,KARTEN — Markus Appenzeller @ 7:00

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Der Titel der Vegetations- und Wirtschaftskarte der Schweiz von 1927 ist irreführend. Die Karte behandelt nebst der Vegetation nur die Landwirtschaft. In der Zwischenkriegszeit waren in der Schweiz im Primärsektor, zu dem die Landwirtschaft gehört, noch ca. 25 % aller Erwerbstätigen beschäftigt, heute sind es weniger als 4 %.

Aus der Karte können wir die Vegetationsstufen herauslesen (Baumgrenzen, Buchengrenzen, Föhrengrenzen), die Rückschlüsse auf das Klima erlauben.

Interessant sind die roten Texteinträge, die sich auf die Landwirtschaft beziehen. So erfahren wir beispielsweise, dass im Linth Gebiet zwischen Zürich- und Walensee und im Rheintal intensiv Mais angebaut wurde. Mais diente damals als Ersatz für den Weizen, der in der Linthebene wegen der feuchten Witterung schlecht gedeiht. Meine Grosseltern, die bis in die sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Linthebene noch als Bauern tätig waren, nannten den Mais „Türgge“ aus dem „Türggeribel“ gemacht wurde. Der Mais, ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika, wurde im 16. Jahrhundert nach Südeuropa eingeführt und gelangte auf Umwegen über die heutige Türkei zu uns. Interessant in diesem Zusammenhang sind die Internetseiten des Vereins Kulinarisches Erbe der Schweiz sowie des Vereins Linthmais.

Im Tessin wurden in den untersten Höhenstufen noch Oliven angebaut. Diese Kulturen sind heute wahrscheinlich verschwunden, ich kenne jedenfalls kein Tessiner Olivenöl. Ebenfalls im Tessin wurde Weinbau an Stützbäumen betrieben, eine Anbauform, die heute kaum mehr zu sehen ist.

Die Edelkastanie hatte auch nördlich der Alpen (Vierwaldstättersee, Walensee und Seeztal) eine gewisse Bedeutung .

Der Autor der Karte war Heinrich Brockmann-Jerosch, der an der ETH studierte und auch zum Thema Volkskunde publizierte. Sein Nachlass befindet sich im Hochschularchiv der ETH.

 

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14.11.2014

Bilderrätsel

Filed under: BILDARCHIV,Geographie und Karten — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Unser “Japan-Jahr” neigt sich allmählich dem Ende zu und was noch fehlt, ist ein japanisches Bilderrätsel. Hier ist es: Die folgenden Stadtansichten einer Hafenstadt am Meer stammen aus einem Album mit weiteren Fotos aus Japan, die mit „ca. 1890“ datiert sind. Einige Bilder sind rechts unten mit Nummern beschriftet, aber leider findet sich kein entsprechendes Inhaltsverzeichnis. Das Rätsel lautet deshalb: Wie heisst diese japanische Stadt? Es könnte sich auch um verschiedene Städte handeln. Für Vorschläge nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.

Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Stadt in Japan

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Übrigens immer noch ungelöst sind die Bilderrätsel vom 14.3.2014 und vom 28.6.2013.

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07.11.2014

Das Auge isst mit!

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Abraham Bosse (1604-1676), Der Geschmacksinn, Blatt 4 der Folge “Die fünf Sinne”, Radierung, um 1638

An einem vornehm gedeckten Tisch lässt sich ein elegantes Paar eine Artischocke wohl schmecken. Das hier gezeigte, noble Gemüse, dem im 17. Jh. aphrodisische Wirkungen zugeschrieben wurden, schaffte es unter Catharina de Medici auf den Speiseplan des französischen Hofes. Damit die exotische, aussergewöhnliche Speise nicht auskühlt, steht in der Mitte des Tisches ein sehr ausgefallenes Accessoire: ein Rechaud. Und weil man Artischocken mit den Fingern isst, ist die Benutzung der Serviette unverzichtbar für die Eleganz der Tafelszene. Im 17. Jahrhundert setzt sich das individuelle Gedeck – Teller, Gabel. Messer – durch. Sogar das Hündchen frisst aus einem eigenen Teller; Essensreste auf den Boden fallen zu lassen, wäre hier nicht comme il faut. „Was für die Wissenschaft die Erfindung der Buchdruckerkunst und für die Kriegskunst die des Schiesspulvers, das ist für die Esskunst die Erfindung der Gabeln und Servietten.“ (Antonius Anthus, Vorlesungen über die Esskunst. 1838).

Der Geschmacksinn von Abraham Bosse ist eine von fünf herausragenden Radierungen, die der berühmte, französische Künstler Abraham Bosse (Tours um 1604 – Paris 1676) zum Thema der Fünf Sinne schuf. Um 1638 entstanden, greift der Künstler in der Serie ein seit der Antike beliebtes, ikonographisches Thema auf. In der Regel wählten Künstler für die Darstellung der fünf Sinne mythologische oder allegorische Szenen. Bosse bricht mit dieser Tradition und zeigt statt dessen Szenen aus dem höfischen Alltag.

Das Blatt ist noch bis 15. Jänner 2014 im Rahmen der von Eva Korazija kuratierten Ausstellung „Das Auge isst mit. Vom Essen und Trinken und allem Drumherum“ in der Graphischen Sammlung ETH Zürich zu bewundern.

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31.10.2014

Drei Bienen für Barberini: Zur ältesten eingebundenen Abbildung, welche mit Hilfe eines Mikroskops angefertigt wurde.

Die Beobachtung von Insekten gehört mit zu den Ursprüngen der Mikroskopie, deren ursprüngliches Prinzip (Vergrösserung durch gefüllte Glasschalen) bereits von den Römern beschrieben wurde und Ende des 16. Jahrhunderts mit den ersten zusammengesetzten Lichtmikroskopen einen Schub in wissenschaftlichen Kreisen erfuhr.
Wenn auch etwas umstritten zu sein scheint wer nun der eigentliche Erfinder der ersten zusammengesetzten Lichtmikroskope sei (Zacharias Janssen, Hans Lipperhey oder gar Galileo Galilei), so ist doch relativ unbestritten, welches denn der erste in einem Buch veröffentlichte Druck eines naturwissenschaftlichen Objekts sei, welches durch ein Mikroskop beobachtet und danach illustriert worden war: Es sind dies drei Bienen, gezeichnet von Francesco Stelluti und gestochen von Mathhäus Greuther aus dem Jahre 1630.

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Abb.: Descrizzione [dell' ape] 

Das Spezielle an dieser Abbildung – nebst dem fortschrittlichen, hohen Detailgrad der Abbildung, welche durch die Beobachtungen durch das Mikroskop gemacht werden konnten – ist das Werk, in welches die Bienen eingebunden wurden. Es handelt sich hierbei um das Werk Persio : tradotto in verso sciolto e dichiarato, welches die Sechs Satiren des römischen Dichters Aulus Persius Flaccus in Latein und in italienischer Sprache (von Stelluti kommentiert) enthält. Wie gelangten nun aber Bienen als erstes mit mikroskopischer Hilfe angefertigtes Motiv in ein Werk, welches auf den ersten Blick nichts mit Naturwissenschaften zu tun hat?

Francesco Stelluti (1577-1653), italienischer Universalgelehrter mit Schwerpunkten in Mathematik, Optik und Literatur, widmete dieses Werk dem Kardinalnepoten und Neffen Papst Urbans VIII. (1623-1644), Kardinal Francesco Barberini mit der Absicht, diesen für die 1603 gegründete Accademia dei Lincei als Mitglied und Gönner zu gewinnen. Die Accademia, welche Stelluti zusammen mit Federico Cesi gegründet hat und zu deren Mitglieder auch Galilei zählte, gilt als erste bedeutende private Institution zur Förderung der Naturwissenschaften in Europa. Von Galilei stammte vermutlich auch das Mikroskop, durch welches Stelluti seine Beobachtungen vorgenommen hatte.

Die Bienen als Motiv hängen ebenfalls mit dem Geschlecht der Barberini zusammen: Ursprünglich fanden sich im Familienwappen der Barberini (ehem. Tafani da Barberino) drei Pferdefliegen (ital. tafani = Pferdefliege, Bremse), mit der Wahl Maffeo Barberini zum Papst Urban VIII. wurden diese durch die edleren Bienen ersetzt.

Und da in Persius erster Satire der antike Ort Eretum Erwähnung findet, welche als Vorgängerin der Stadt Monterotondo gilt und 1626 in den Besitz der Familie Barberini wechselte, ergibt sich endlich die komplette Verbindung zwischen Motiv, Druck und Werk.

 

Literatur:

– Dieter Gerlach: Geschichte der Mikroskopie. Frankfurt am Main: Harri Deutsch, 2009

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24.10.2014

Eine Ausstellung des Max Frisch-Archivs Zürich: »Ich probiere Geschichten an wie Kleider!« 50 Jahre »Gantenbein« von Max Frisch  

Filed under: Linguistik, Literatur,MAX FRISCH-ARCHIV — Margit Unser @ 7:00

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Max Frisch in Rom, 1964, © Pia Zanetti, Zürich

Leicht ist ihm das Schreiben nicht gefallen. Während der vierjährigen Schaffensphase bekennt Max Frisch wiederholt gegenüber Freunden und Vertrauten, dass es mit dem Roman nur langsam vorangehe, weil dieser einem Sandhaufen ähnle, der kein Turm zu werden vermag. Dennoch lasse ihn die »irre Spielerei» nicht los. Bereits Ende 1959 verfügt er über eine erste handschriftliche Ideensammlung, die er mit »Der Blindgänger« betitelt. Ein Jahr später veröffentlicht er in der Weltwoche den Text »Unsere Gier nach Geschichten«, der zu einem programmatischen Entwurf für den neuen Roman wird. Nicht die Biografie eines Helden steht im Zentrum des Textes, sondern die Vielfalt an Entwürfen zu einem Ich. Der Ich-Erzähler hat die Möglichkeit, Geschichten wie Kleider anzuprobieren und zu einer Spielfigur, zu Variationen von Existenzmöglichkeiten zu werden.

Eine erste Fassung des Romans, die Frisch im Mai 1963 beendet, trägt den Namen »Lila oder Ich bin blind«. Auch Ingeborg Bachmann, mit der Frisch von 1958 bis 1962 zusammenlebt, liest das Manuskript. Auf Grund ihrer Eindrücke überarbeitet Frisch das Manuskript noch mehrere Male. Seinem Schriftstellerkollegen Martin Walser gegenüber bekennt er die Sorge, „dass Lila-Gantenbein gleichgesetzt werde mit Bachmann-Frisch. Das wäre schrecklich. Ich musste auf vieles, Erfundenes, deswegen verzichten.“ Als er im März 1964 die vorerst letzte Fassung an seinen Verleger schickt, entscheidet er sich für den Titel »Mein Name sei Gantenbein«.

Mit Bangen sieht Frisch ersten Reaktionen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis entgegen. Er befürchtet, dass das Buch wegen „der lustig getarnten Trostlosigkeit“ ein Misserfolg werden könnte. Entgegen dieser Erwartung löst der Roman nach seinem Erscheinen eine grosse Resonanz bei den Lesern aus. So steht er von Oktober 1964 bis Februar 1965 auf Platz 1 der Bestseller-Liste der Zeitung Die Zeit. Bereits wenige Monate nach der Erstausgabe wird die Auflage von 100’000 überschritten. In der zeitgenössischen Literaturkritik hingegen findet das Buch vielfach skeptische bis ablehnende Aufnahme.

 

Ort der Ausstellung:

Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek

Rämistrasse 101

8092 Zürich

Laufzeit der Ausstellung:

22. September 2014 – 30. Januar 2015

Montag – Freitag, 10:00 – 17:00

Eintritt frei

Ansprechpartner:

Dr. Margit Unser

Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek

Mail: unser@libary.ethz.ch

Telefon 044 632 40 35

 

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17.10.2014

Immanuel Friedländer auf Mt. Fuji

Filed under: BILDARCHIV,Geologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Unter der bedeutenden Fotosammlung des Vulkanologen Immanuel Friedländer befinden sich auch rund 700 Bilder zu japanischen Vulkanen. Deren ungefähre Anzahl wird von Friedländer auf 165 geschätzt (Über einige japanische Vulkane, S. 47). Davon besuchte der Forscher während seines halbjährigen Aufenthaltes im Jahr 1909 etwa einen Zehntel, darunter auch den wohl bekanntesten, Mt. Fuji. Dieser ist mit 3776 Metern der höchste und wohl bekannteste Berg Japans. Seit 2013 ist er Teil des Weltkulturerbes.

Bombe am Ost-Abhang des Fuji Kraters

 Immanuel Friedländer mit vulkanischer Bombe am Ost-Abhang des Fuji Kraters, 1909 (Ans_05420-122-AL-FL)

Rand des Fuji Kraters

Rand des Fuji Kraters (Ans_05420-113-AL-FL)

Fuji Krater

Fuji Krater (Ans_05420-118-AL-FL)

Literatur: Immanuel Friedländer: Über einige japanische Vulkane (Tokio, 1909)

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10.10.2014

Von der ETH auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, Teil II: Die Professoren

Eigentlich wollte ETH-Professor Kurt Wiesinger mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern in die wohlverdienten Sommerferien nach Braunwald fahren. Als er aber am 1. August 1914 auf der Zugsfahrt ins Glarnerland an jeder Brücke und jedem Tunneleingang bewaffnete Soldaten bemerkte, kehrte er schnurstracks nach Zürich zurück. Wiesinger war zwei Jahre zuvor aus Deutschland an die ETH berufen worden und rückte nun zum deutschen Heer ein.

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Wiesinger als Leutnant der Landwehr hoch zu Ross, Kommandant des Divisions-Brücken-Train Nr. 18,
aufgenommen in Hamburg 1914 (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 41 verso)

Schon am 13. August 1914 erlebte Wiesinger seine Feuertaufe an der Westfront. Zwei Tage später wurde er bei der Belagerung der Festung Lüttich in Belgien verletzt und ins Hinterland versetzt. Im Januar 1915 kam er wieder an die Front, dieses Mal in Ostpreussen. Von diesem Kampfeinsatz trug Wiesinger psychische Schäden davon. Er berichtete selbst von Nervenschwäche, Appetitlosigkeit und Gedächtnislücken, die wiederholte Klinikaufenthalte nötig machten. Einigermassen wiederhergestellt, wurde er nach Berlin in die Daimler-Werke versetzt, wo er sein Fachwissen als Maschineningenieur beim Bau von Armeelastwagen einbringen konnte. Wiesinger sehnte sich jedoch auf seinen Lehrstuhl in der Schweiz zurück. Die Befreiung vom deutschen Militärdienst gelang ihm schliesslich 1916, so dass er an die ETH zurückkehren konnte.

Wiesinger war nicht der Einzige unter den 26 ETH-Professoren mit ausländischer Staatsbürgerschaft, der im Ersten Weltkrieg kämpfte. So setzte der Physiker Pierre Weiss (1865-1940) seine Fachkenntnisse im französischen Heer ein, indem er Schallmessgeräte zur Aufklärung von Artilleriestellungen baute. Der Mathematiker Hermann Weyl (1885-1955) kämpfte auf deutscher Seite als Infanterist an der Westfront, bis er 1916 dank Unterstützung der Hochschulleitung wieder auf seinen Posten an der ETH zurückkehren konnte. Auch der Agrikulturchemiker Georg Wiegner (1883-1936) kehrte 1916 nach Zürich zurück, nachdem er als deutscher Infanterieleutnant bei einem Sturmangriff auf englische Stellungen schwer verletzt worden war. Wenig später gelang auch Karl Kuhlmann, der 1915 nur ungern die ETH verlassen hatte, die Rückkehr auf seinen Lehrstuhl für Elektrotechnik.

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Wiesinger als Oberleutnant der Landwehr mit seinen Kindern Senta (geb. 1911) und Klaus (geb. 1913),
aufgenommen in Berlin 1915 oder 1916 (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 45 verso)

Nach seiner Rückkehr nach Zürich engagierte sich Wiesinger in einer ganzen Reihe von Hilfsvereinen für deutsche Staatsangehörige, darunter der „Hilfsbund für deutsche Kriegerfürsorge“ oder auch der „Deutsche Kriegerbund Germania“. Seine betont deutschnationale (später auch antisemitische) Haltung war in Zürich nicht überall gern gesehen. Wiesinger erhielt anonyme Briefe, die ihn als unerwünschten Ausländer verunglimpften.

 

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 Ausschnitt aus Wiesingers Memoiren (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 56)

Auch an der ETH wurde Wiesinger zur Zielscheibe antideutscher Ressentiments. Er berichtet dazu in seinen Memoiren:

„Erwähnen möchte ich nur, dass kurz vor dem deutschen Zusammenbruch in meiner Hauptvorlesung auf der einen Schiebewandtafel, die zunächst durch die andere verdeckt war, beim Wechseln der Tafeln sich in grosser, etwa vier Meter langer Kreideschrift die Bemerkung ‚Espion allemand‘, zeigt. Als ich dies las, wischte ich es nicht fort, sondern tat so, als ob die Tafel sauber wäre und machte meine weiteren Angaben über diese Herausforderung hinweg. Sehr erstaunt hatte es mich immerhin, dass von den anwesenden über 50 Studierenden niemand daran Anstoss nahm, sondern alle eisig schwiegen.“ (S. 56)

Dass zur selben Zeit an der ETH auch etliche Franzosen studierten, die im Krieg verletzt und danach in der Schweiz interniert worden waren, mag zu dieser Episode beigetragen haben. Aber dazu mehr ein ander Mal.

 

Den Teil I dieser Serie über die ETH-Studenten und Professoren im Ersten Weltkrieg finden Sie hier.

 

Quellen:

Kurt Wiesinger (1879-1965) verfasste Memoiren unter dem Titel „Aus dem Leben eines Ingenieurs und Erfinders“, die im Hochschularchiv der ETH Zürich einsehbar sind. Zu Wiesingers politischer Haltung in den 1930er Jahren vgl. Peter Kamber: Geschichte zweier Leben – Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, Zürich 1990

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03.10.2014

Klimaatlas

Filed under: *Bestände,KARTEN,Meteorologie, Klimatologie — Markus Appenzeller @ 7:00

Klimaatlas_Titel

 Abbildung 1

Klimaatlas_Dezember

 Abbildung 2

Von der Bibliothek des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz ist ein grosser Bestand an Büchern als Legat an die ETH-Bibliothek gelangt. Unter den Atlanten, die teilweise in die Kartensammlung der ETH-Bibliothek einverleibt wurden, befindet sich ein besonderer Klimaatlas mit dem Titel „Die Temperatur-Verhältnisse des Russischen Reiches“ (Abbildung 1). Er wurde 1881 in St. Petersburg herausgegeben und beschäftigt sich mit den Temperaturverhältnissen. In der Abbildung 2 sind blaue Kurven mit den gleichen Temperaturwerten im Dezember auf einer physischen Karte eingezeichnet. Im Atlas werden diese Kurven als Isothermen bezeichnet. Auffällig verhält sich die dicke 0° Celsius Isotherme, die entlang der atlantischen Küste von Norwegen Richtung Norden abbiegt, d.h. im hohen Norden von Norwegen sind im Dezember ähnliche Temperaturen zu erwarten wie am Schwarzen Meer. Ganz krass sind die Temperaturunterschiede zwischen dem milden vom Golfstrom beeinflussten Meeresklima an der Atlantikküste von Westeuropa und dem Kontinentalklima im Osten des russischen Reiches: 0° C an der Atlantikküste von Norwegen, im Osten dagegen auf gleichen Breitengraden weit unter minus 30° C.

Verantwortlich für den Atlas ist Heinrich Wild.  Er war Schweizer, und wirkte wie einige andere Schweizer Wissenschaftler vor ihm, im damaligen Zarenreich. Eine ausführliche Biographie zu Heinrich Wild und anderen Wissenschaftler befindet sich im Buch „Im Paradies der Gelehrten : Schweizer Wissenschaftler im Zarenreich (1725-1917)“ von Rudolf Mumenthaler.

Der Atlas von Heinrich Wild kann bestellt und im Lesesaal Sammlungen und Archive der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

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26.09.2014

Freud und Leid – Zum 75. Todestag von Sigmund Freud

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Martha Freud-Bernays an Paul Bernays, 19. November 1939 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 976a: 489)

Am 23. September 1939 starb Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, in London. Unter den Beileidsbezeugungen an seine Frau Martha und die Tochter Anna, die mit ihm im vorangegangenen Jahr aus Wien vor den Nationalsozialisten geflohen waren, befanden sich auch Trostworte aus der weitverzweigten Verwandtschaft. Aus Zürich hatte Paul Bernays geschrieben, dessen beide Eltern Cousin und Cousine der Witwe waren. Martha Freud-Bernays antwortete ihm handschriftlich auf einer vorgedruckten Dankeskarte:

Auch dir, lieber Paul, möchte ich herzliche danken für Dein teilnamsvolles Schreiben, in dem mich am meisten die Erwäh- / nung der „Traumdeutung“ ergriffen hat. Wirst Du es glauben, dass nach ihrem Erscheinen (im Anfang des Jahrhunderts) keine wiener Zeitung ein Referat darü- / ber bringen wollte, was sie aber nicht hinderte, 10 Jahre später den ganzen, von demselben Schriftsteller geprägten Wortschatz als selbstverständlich zu übernehmen. Und wenn heute jede grössere indische Stadt eine Trauerfeier für ihn veranstaltet hat, so ist es doch für mich wie ein wahr gewordenen Märchen!

Von Deiner Habilitierung habe ich mit Interesse in der Basler Nationalzeitung gelesen und bin froh für Euch Alle, dass Ihr Schweizer geblieben. Auch wir, obwohl staatenlos, haben uns nicht zu beklagen, England ist ein nobles Land und hat uns mit unerhörter Sympathie aufgenommen.

Leb wohl lieber Paul und sei gegrüsst

von einer ganz alten

Tante

Bei der erwähnten „Traumdeutung“  handelt es sich um ein frühes Grundlagenwerk Freuds zur Psychoanalyse. Die angesprochene Habilitierung von Paul Bernays meint die Habilitation an der ETH Zürich 1939. Bernays, der das Zürcher Bürgerrecht besass, war Professor für Mathematik an der Universität Göttingen gewesen, verlor jedoch wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 diese Stelle und kehrte in die Schweiz zurück. An der ETH Zürich erhielt er durch die Vermittlung seines Kollegen Hermann Weyl in den folgenden Jahren Lehraufträge für Logik und Grundlagen der Mathematik. Nach behördlich genehmigtem Habilitationsgesuch unterrichtete er ab 1939 als Privatdozent und schliesslich ab 1945 als ausserordentlicher Professor für höhere Mathematik. Der Brief von Martha Freud-Bernays stammt aus seinem umfangreichen Nachlass, der vom Hochschularchiv der ETH Zürich in der ETH-Bibliothek aufbewahrt wird.

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