Eisenbahnwaggons von innen betrachtet

August Berlinger hat sich mit den Innenausstattungen von Eisenbahnwaggons beschäftigt. In unserer über 3000 Bilder umfassenden Eisenbahn-Sammlung  (Ans_05373) hat er Innenansichten von Eisenbahnen aus unterschiedlichen Epochen und Kontinenten gefunden. Er macht dabei interessante Entdeckungen.

Die frühen Jahre von 1870 bis 1910

Das erste Bild zeigt einen Speisewagen aus der „Bel Epoque“. Leider sind weder Erbauerfirma noch Eisenbahngesellschaft bekannt. August Berlinger schreibt zu diesem Bild: „Diese Aufnahme zeigt eindrücklich den Luxus und die Vorliebe für überladene Dekorationen der ‚Bel Epoque‘. Ein Beispiel dafür sind die Vorhangdekorationen. Oben die tiefen Raffbogen, seitlich die zurückgefassten Schals und alle Säume besetzt mit Quastenborten. Die Fenstervorhänge sind aus Damast, diejenigen im Durchgang zur Anrichte aus Velvet. Wer hier mitfuhr, hatte ein dickes Scheckbuch. Wenn die bestehende Zeitangabe eine Schätzung ist, ginge ich bis 40 Jahre zurück (1870-1890).“

Speisewagen aus der "Bel Epoque"

Unbekannt: Speisewagen aus der „Bel Epoque“, 1870-1890 (Ans_05373-2735, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105455)

Beim nächsten Bild steht zumindest soviel fest, es ist ein Salonwagen der Canadian Pacific Railway. August Berlinger beschreibt auch dieses Interieur sehr genau: „Hinterster (Salon)Wagen mit Aussichtsplattform (quasi Balkon am Zugsende). Mahagoni-Interieur mit Messingfilets, in Messing gefasste farbige Flussglasarbeiten über den Fenstern, schwere Sessel, flache Sonnenblenden, Spannteppich. Und natürlich mit einem (afroamerikanischen) Wagenbutler (diese gab es in den 1970er-Jahren immer noch).“

Interessant natürlich auch immer, wenn Menschen mit abgebildet sind, die Kleidermode, Hüte, Schuhe, Frisuren sind dabei von grösstem Interesse.

Canadian Pacific Railway, saloon car

Unbekannt: Canadian Pacific Railway, saloon car, 1890-1910 (Ans_05373-2737, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105457)

Das nächste Bild zeigt einen Schlafwagen aus den Jahren 1890 bis 1900. Auch hier fehlen uns Hinweise auf die Herstellerfirma und die Bahngesellschaft, bei der dieser Schlafwagen lief. August Berlinger beschreibt das Interieur folgendermassen: „Spätklassizistisches Interieur mit Empire-Anlehnungen. Interessant sind einerseits die Verdunkelungs-Faltrollos und andererseits die am Betthauptpfosten aufgehängten Lichtschalter samt Kabeln zu den ‚Nachtlämpchen‘ oben an der Wand zum Baderaum.“

Schlafwagen

Unbekannt: Schlafwagen, 1890-1900 (Ans_05373-2745, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105465)

Drei Beispiele der LB&SCR in den 1900er-Jahren

„Holzklasse“ hiess bis 1935 in Deutschland die 3. Klasse, da sie ausschliesslich mit Holzbänken bestückt war. Im 19. Jahrhundert gab es bspw. in Preussen sogar eine 4. Klasse mit wohl noch spartanischerer Ausstattung. Das nächste Bild zeigt einen Eisenbahnwagen mit Holzbänken der London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR) aus dem Jahr 1905. August Berlinger mutmasst hier folgendes: „Wahrscheinlich 2.-Klass-Abteil (bei 3 Klassen). Interessant ist die Lochmusterung der aus Sperrholz gefertigten Sitze und Rücklehnen. Sie diente einerseits als Schmuck und andererseits der Belüftung, damit die Fahrgäste nicht/weniger schwitzten.“

London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), steam bar, Br

Unbekannt: London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), steam bar, Brighton, 13.09.1905 (Ans_05373-2888, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000903411)

Aus derselben Serie stammt das folgende Bild: ein motor car der LB&SCR, aufgenommen am selben Tag wie das vorherige Bild, und zwar deutlich erkennbar aus einer besseren Klasse. August Berlinger schreibt dazu: „1.- oder 2.-Klass-Abteil. Die beidseitig gepolsterten Rücklehnen konnten per Handgriff vor- oder zurückbewegt werden und damit war es möglich, dass die Fahrgäste immer in Fahrtrichtung sitzen konnten (ein System, das heute noch anzutreffen ist).“

London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), motor car, Ea

Unbekannt: London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), motor car, Eastbourne, 13.09.1905 (Ans_05373-2889, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000903412)

Schliesslich noch ein weiteres Interieur eines LB&SCR-Waggons, des „8.45 am Express Brighton to London“. Es ist gemäss August Berlinger ein „Salonwagen mit fest eingebauten Bänken/Fauteuils und freistehenden Sesseln, alles mit gemusterter Moquette (dichter und dicker Samt) bezogen und capitoniert. An den Fenstern bedruckte Sonnenschutz-Rollos. Am Boden Linoleum mit Parquettmusterung und Milieuteppichen.“

London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), 8.45 am Expre

Unbekannt: London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR), 8.45 am Express Brighton to London, 05.04.1907 (Ans_05373-2892, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000903416)

Die 1940er- und 1950er-Jahre

Weiter geht es mit Eisenbahnwagen ab den 1940er-Jahren, meist aus den USA. Zunächst dieser Salonwagen der American Car Foundry Company (AFC) für die Missouri Pacific Lines and the Texas and Pacific Railway. Bemerkenswert ist hier gemäss August Berlinger: „Salonwagen der 1940er – als man im Zug (auch in Damenbegleitung) noch rauchen durfte.“

American Car Foundry Company (AFC), new dining-lounge cars for t

Unbekannt: American Car Foundry Company (AFC), new dining-lounge cars for the Missouri Pacific Lines and the Texas and Pacific Railway, 1940-1950 (Ans_05373-2740, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105460)

Schliesslich kommen wir zum „letzten Schrei“: ein „Barwagen mit viel Chrom und Aluminium. Hygienisch wie ein Operationssaal, aber auch das war mal der ‚letzte Schrei'“, wie August Berlinger den Great Northern’s „Red River“, einen neuen Streamliner der AFC beschreibt.

Great Northern's "Red River", new streamliner built by the Ameri

Unbekannt: Great Northern’s „Red River“, new streamliner built by the American Car and Foundry Company (AFC) St. Charles, Mo., 1940-1950 (Ans_05373-2747, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105467)

Beim nächsten Bild geben sowohl die Innenausstattung als auch die abgebildeten Personen einiges des damaligen Zeitgeistes wider. August Berlinger benennt die interessantesten Punkte: „Zu beachten: Die Leute und andererseits das Halbrelief. Da ist der (schwarze) Wagenkellner mit (natürlich) Coca-Cola, dann die diskret gekleidete Nannie mit dem Kinderbuch für die beiden Buben. Das Halbrelief zeigt (fast heroisch) Landwirtschaft, Schwerindustrie, Hochseefischerei und Holzindustrie. Darüber als weiteres Idealbild das ursprüngliche Amerika mit Bärenfamilie, Indianer und Inuit.“

The parlor-lounge car on the "International" the Great Northern'

Unbekannt: The parlor-lounge car on the „International“ the Great Northern’s new streamliner, American Car and Foundry Company (AFC) St. Charles Mi. (AFC), running between Seattle and Vancouver, 1940-1950 (Ans_05373-2751, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105471)

Zum Abschluss dieser interessanten Serie Innenausstattungen von Eisenbahnwagen noch zwei Beispiele für das Design aus den 1950er-Jahren. August Berlinger meint einleitend zum folgenden Bild: „Jacques Tati und Monsieur Hulot lassen grüssen :-)“. Den nicht näher identifizierte Salon-Wagen beschreibt er wie folgt: „Wandverkleidung wahrscheinlich in farbigem Linoleum (allenfalls Inlaid), Boden mit Spannteppich, Möbel in hellem Holz und Lederbezug, Vorhänge mit durchgewobenem Muster, Frischblumenschmuck.“

Saloon, buffet car

Unbekannt: Saloon, buffet car, 1950-1960 (Ans_05373-2739, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105459)

Das Titelbild dieses Blogposts kommentiert August Berlinger folgendermassen: „Erstklass-Reise(schluss)wagen im 1950er-Design: Neu sind die drehbaren Doppelsessel. Man konnte so alles in Fahrtrichtung stuhlen oder vis-à-vis erstellen oder in Diagonalrichtung (wie auf der Foto demonstriert) die Aussicht geniessen. Wandverkleidung in Kunstharzplatten, Bodenbelag aus Linoleum- oder Inlaid-Platten, Sesselbezüge in Manchesterstoff, Vorhänge aus Chinz mit Faux-uni-Muster.“

Coaches on this new Reading streamliner are long, wide and beaut

Vollständige Bildinformationen

Unbekannt: Coaches on this new Reading streamliner are long, wide and beautiful, 1950-1960 (Ans_05373-2741, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000105461)

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2 Kommentare

  1. August Berlinger
    Freitag, der 13. Oktober 2017
    Antworten

    Wow – Nach obigem bin ich einige Zentimeter ge w a ch s e n ;-))
    August Berlinger

    • Nicole Graf
      Montag, der 16. Oktober 2017
      Antworten

      🙂

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