Und dieses Haus steht heute nicht mehr…

Manchmal sind es die kleinen Reportagen, die mir ganz besonders Freude bereiten. Dieter Glatz hat diese Woche drei Bilder rund um den Stauffacher in Zürich entdeckt und genauer beschrieben. Dabei handelt es sich um zeitgeschichtlich sehr interessante Aufnahmen. Auf dem Titelbild ist das sogenannte „Tor zu Aussersihl“ mit dem Eckhaus an der Kasernenstrasse und der Badenerstrasse abgelichtet. Es ist das Haus Nr. 2 an der Badenerstrasse. Dass das Haus seine ganz spezielle Geschichte hat, lässt die durch Farbbeutel eingefärbte und mit Sprüchen beschriebene Fassade von Weitem vermuten. Sogleich denkt man an die Jugendunruhen der 1980er-Jahre. Dieter Glatz jedoch wählt einen anderen Weg, er schickt uns eine nüchtern-sachliche Beschreibung: „Zürich, Werd (Aussersihl), Aufnahmedatum: zwischen 1981-1986. Ecke Badenerstrasse / Kasernenstrasse. Auch genannt Tor zu Aussersihl. Die ehemals selbständige Gemeinde Aussersihl wurde 1893 in die Stadt Zürich eingemeindet und bildet zusammen mit Wiedikon seit 1913 den Stadtkreis 3, Quartier Werd. Das Tram der Linie 5 kommt vom Stauffacher (Badenerstrasse) und fährt über die Sihlbrücke Richtung City. Das Eckhaus Kasernenstrasse 1 und das folgende wurde abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Das anschliesende Gebäude in der Badenerstrasse, Haus Nr. 4 steht heute noch (2017), das nachfolgende Haus Nr. 6 wurde durch einen Neubau ersetzt. Der moderne Betonbau ist die Nr. 16 mit dem Cinema Metropol.“

Dahinter steckt jedoch auch die folgende bewegte Geschichte.

Wo-Wo-Wonige

In den 1970er-Jahren wurde preisgünstiger Wohnraum in Zürich knapp. Damals bildete sich eine Bewegung gegen das Verschwinden von Wohnräumen, in denen für wenig Geld und in selbstbestimmtem Miteinander gelebt werden konnte. Es begann die Zeit der politischen Aktionen gegen den „Citydruck“ und die Hausbesetzungen nahmen sprunghaft zu.

Beispielhaft dafür gilt das Haus an der Badenerstrasse 2. Thomas Stahel promovierte 2006 an der Universität Zürich mit „Wo-Wo-Wonige: stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968“. Darin nachzulesen ist u. a. auch die „Chronologie des Widerstands gegen den Abriss des Tor zu Aussersihl“ (Anhang A): 1984 wurde das Haus an der Badenerstrasse 2 besetzt und nach anderthalb Jahren polizeilich geräumt, um danach jahrelang leer zu stehen. Während dieser Zeit war der Stauffacher Zankapfel in einem facettenreichen Streit zwischen Behörden und Besitzern auf der einen Seite und den Wohnaktivist/innen auf der anderen. Gleichzeitig wurde er zur Projektionsfläche für Sozialutopien und Wohnträume: Er hätte das Herz der im August 1986 gegründeten Genossenschaft Karthago werden sollen. Wohnen und Arbeiten am selben Ort, Eigenproduktion der Nahrungsmittel, Energie aus ökologischen Quellen usw., das sind die zentralen Anliegen von „Karthago am Stauffacher“. Diese Ideen ernteten in der Öffentlichkeit viel Sympathie, was aber nicht verhinderte, dass die Häuser am Stauffacher Anfang 1990 einer grossen Geschäftsüberbauung weichen mussten. Mit einem grossen Trauerzug durch die Stadt wurde das Projekt zu Grabe getragen.

Rund um den Stauffacher in Zürich

In der Reportage gibt es noch zwei weitere Bilder rund um den Stauffacher, die Dieter Glatz beschrieben hat: „Zürich, Werd (Aussersihl), Aufnahmedatum zwischen 1981-1986, Kreuzung Stauffacherquai/Werdstrasse, von links unten mündet das Stauffacherquai ein, von links Mitte die Werdstrasse. Die Häuser gegenüber in der Werdstrasse wurden durch einen Neubau ersetzt. Im Hintergrund ist der Kirchturm der Katholischen Kirche Sankt Peter + Paul sichtbar (Werdstrasse 63).“

Zürich, Werd (Aussersihl), Kreuzung Staufacherquai/Werdstrasse

(Com_LC1000-059-003, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000989719)

Dieter Glatz: „Zürich, Werd (Aussersihl), Aufnahmedatum zwischen 1981-1986, Kreuzung Stauffacherquai/Werdstrasse, von links mündet die Werdstrasse ein. Rechts das Gebäude Nr. 1+3 mit der Helvti Bar. Die Häuser links im Bild, Werdstrasse 2+4, wurden durch einen Neubau (Einkaufscenter Stauffachertor) ersetzt. Das Eckgebäude hinter dem Lieferwagen Kasernenstrasse 1 wurde auch durch einen Neubau ersetzt.“

Von links mündet die Werdstrasse ein, rechts: Gebäude Nr. 1+3 mit der Helvti Bar. Die Häuser links: Werdstrasse 2+4, wurden durch einen Neubau (Einkaufscenter Stauffachertor) ersetzt. Das Eckgebäude hinter dem Lieferwagen Kasernenstrasse 1 wurde auch durch einen Neubau ersetzt

(Com_LC1000-059-002, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000989718)

Schliesslich noch eine Aussenaufnahme des GZ Heuried (Gemeinschaftszentrum in Zürich-Heuried) aus dem Jahr 1985.

Zürich, Gemeinschaftszentrum Heuried

(Com_LC1000-059-001, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000989717)

Vollständige Bildinformationen

Comet Photo AG: Zürich, Werd (Aussersihl), Ecke Badenerstrasse/Kasernenstrasse, Tor zu Aussersihl, 1984-1986 (Com_LC1000-059-004, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000989720)

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