Ein markanter Flusslauf – spannend wie ein Krimi

Über diesem Luftbild von Walter Mittelholzer rätselte unser Stammnutzer Walter Aeberli bereits seit längerer Zeit. Durch den Aufruf in der NZZ vom 18. Januar 2016 mit dem Artikel „Wer kennt die Berge, Orte und Fabriken?“ bekamen wir diverse Vorschläge wie etwa die Rheinschlucht bei Flims, der Saanegraben oder der Sensegraben im Freiburgischen. Herr Aeberli prüfte alle Hinweise und kam zum Schluss, dass die Anzahl Flussschlaufen, das Vorhandensein einer Staumauer und eines Stausees am oberen Bildrand dagegen sprechen. Zudem war Walter Mittelholzer an besagtem Aufnahmetag auf einem Bodenseeflug. Gelöst hat das Rätsel schliesslich Thomas Scheidegger: Zwischen Flawil und Gossau (SG), Stausee im Glatt-Tobel bei der Ruine Helfenberg. Dort ist auch die Salpeterhöhle / St.  Kolumbanshöhle. Herr Aeberli seinerseits war hocherfreut über den Treffer und quittierte die Suche mit einem herrlichen „Hurrah!“.

Vollständige Bildinformationen

Mittelholzer, Walter: Flawil-Gossau, Stausee im Glatt-Tobel bei der Ruine Helfenberg, 17.08.1932, Negativ, 13 x 18 cm (LBS_MH01-006949, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000298816)

Hier der ganze Diskussionsverlauf

Nicht jedes Bild wirft so viele Fragen auf und wird so intensiv diskutiert!

Ueli Bellwald: Bei der Luftaufnahme handelt es sich um die Saaneschlucht bei Illens und Arconciel im Kanton Freiburg.

Klaus Danube: Rheinschlucht unterhalb Flims, von Versam aus gesehen?

Daniel Vonwiller: Ich habe gestern auch schon an diesem Bild herumstudiert, bin aber nicht schlüssig geworden. Es kann aber nicht die Schlucht bei Versam sein, nach Google Earth sieht es dort ganz anders aus.

Bodyl Bastian: Sieht eher aus wie der Zufluss Flem in den Rhein. Keine Zugstrecke, sprich nicht für Rheinschlucht (Zugverbindung in Rheinschlucht existiert schon seit mehr als 100 Jahren).

Eduard Baumgartner: Ich bezweifle, ob es wie als Titel angegeben die Rheinschlucht ist (soll es sich um die Rheinschlucht bei Versam GR zwischen Ilanz und Reichenau handel?). Ist es evtl. ein Ausschnitt vom Saanegraben oder Sensegraben (BE/FR)?

Walter Aeberli: Die Saaneschlucht war auch eine meiner Vermutungen. Ich habe mir sogar von der „Zeitreise“ auf der Webseite der Landestopographie einen Ausschnitt der Siegfriedkarte fürs Jahr 1933 ausgedruckt. Und dieser Ausdruck liegt vor mir, während ich diese Antwort schreibe.

Zur Foto: Sie zeigt am rechten Rand ein Strässchen und in der rechten oberen Ecke ein paar Bauernhäuser in zwei Gruppen. So etwas findet man nicht zwischen Illens und Arconciel. Und auf der Foto fehlt die schroffe Felsnase mit dem „Chateau“ und der Ruine neben Illens. Die Foto zeigt – von oben nach unten – insgesamt sechs Flusswindungen. Zuoberst – bei der sich im Wasser spiegelnden Felswand: eine nach rechts (im Bild). Dann – nach einigen Schlängelungen: eine nach links. Dann ein gerades Stücklein herwärts und eine Windung nach rechts. Dann – schon unterhalb der Bildmitte – ein Stücklein herwärts vor einem langgezogenen, vielleicht abgerutschten Waldstück und eine Biegung nach links. Dann einen (teilweise von Bäumen verdeckten) Dreiviertels-Kreis, der den unteren Bildrand haarscharf berührt und wieder eine Biegung nach rechts darstellt. Und soo viele und soo enge Flusswindungen kann ich auf der Karte zwischen Illens und Arconciel nicht unterbringen.

Ich habe daher vor einigen Tagen die Foto etwa zwei Kilometer weiter nördlich zwischen Posieux und Arconciel probeweise lokalisiert. Das Strässchen von rechts oben her käme dann (auf der Karte von 1933) von Montevaux her an La Fontaine vorbei. Was mich aber dann von meiner Idee wieder abgebracht hat: Vom Steilabsturz neben der Anhöhe La Faye (614 m) zeigt die Foto überhaupt nichts und vor allem der fast völlig trockenliegende Stausee am oberen Bildrand, in dessen Wasser sich die hinterste Felswand spiegelt – die Lupe zeigt das klar! – und der von einer gerade noch knapp sichtbaren Mauer mit einem Apparatehäuschen (für den Grundablass-Schieber?) obendrauf gestaut wird, ist auf der Siegfriedkarte zu keiner Zeit zu finden, und die gegenseitige Lage der Häuser in der rechten oberen Ecke, vor allem des zuoberst sichtbaren kleinen Bauernhauses mit der grossen Scheune daneben, entspricht nicht der Karte, auch nicht bei En Pesez, und die Abtei Hauterive auf ihrer grünen Wiese müsste ungefähr dort sein, wo uns die Foto 006949 eine Staumauer vor einem waldigen Tal zeigt. Und das Gehöft La Souche fehlt auch; statt seiner sieht man die sich im Wasser spiegelnde Felswand.

Dazu kommt: Der Necker ist es nicht und die Sense auch nicht, geschweige denn das Schwarzwasser oder die Grosse Emme beim Räbloch; sie durchqueren zwar Kalkschichten, aber waren nie gestaut. Auf die Sitter mit ihrer Wasserfassung für den Gübsensee in der Nähe von Appenzell passt weder die Zahl der Talwindungen noch die Höhe der Staumauer, denn so teuer baute man Wasserfassungen in den Zwanzigerjahren noch nicht.

Auch eine Suche entlang dem Doubs mit seinen Kalkwänden hilft nicht weiter. Und die Thur führt im Allgemeinen mehr Wasser als der Bach auf dieser Foto, auch wenn die Breite der Schotterflächen neben dem Bachbett auf ein gelegentliches Hochwasser hinweist.

Also ist guter Rat teuer… Stammt denn überhaupt die Foto aus der Schweiz? Wo flog Walter Mittelholzer am 17. August 1932 herum?

Bildarchiv: Er machte offenbar einen Bodenseeflug.

Bodenseeflug

Am selben Tag war Walter Mittelholzer auch noch in Romanshorn. Dieses Bild entstand nach der Flussschlaufe (LBS_MH01-006950, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000298817)

Thomas Scheidegger: Zwischen Flawil und Gossau (SG), Stausee im Glatt-Tobel bei der Ruine Helfenberg. Dort ist auch Salpeterhöhle / St. Kolumbanshöhle.

Walter Aeberli: Hurrah! Das ist es! Alles passt! Ich habe zwar auch schon entlang der Glatt gesucht – aber leider nicht so weit oben… Eine kurze Legende zu finden, ist noch tricky, denn der Stausee bildet die Bezirksgrenze zwischen Flawil und Gossau. Vielleicht so: „Flawil-Gossau, Glatt-Tobel bei der Ruine Helfenberg“.

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2 Comments

  1. André Zimmermann
    Mittwoch, der 11. Mai 2016
    Reply

    Guten Tag
    Als regelmässiger Besucher der Seite und interessierter „Bilderrätsler“ finde ich es gut, dass neue Beiträge speziell markiert werden.
    So kann man gezielter vorgehen.
    Bisher scrollte ich mich jeweils durch alle möglichen „alten“ Bilder, bis ich wieder ein neu eingefügtes „Rätsel“ entdeckte…
    Mit freundlichem Gruss
    André

    • Nicole Graf
      Mittwoch, der 11. Mai 2016
      Reply

      Vielen Dank für Ihre Rückmeldung!
      Wir werden in dieser Kategorie einfach die Highlights der verbesserten Bilder präsentieren.
      Zum Glück führen ja viele Wege nach Rom, um die Bilder zu finden!

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